Schonfrist für die Hersteller

2. Dezember 2015
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Es irritiert mich vor allen Dingen, dass für die unter ähnlichen Schwächen im NOx Emissionsverhalten wie die Euro 5 Diesel leidenden Euro 6 Diesel in Brüssel ein abgeschwächtes Szenario zur Reduktion der Diesel NOx-Werte beschlossen wurde. Denn dieses wurde wieder einmal auf Ersuchen der lieben „Mama aus Berlin“ im Sinne der Hersteller verwässert. Die gegenüber den Euro 6 Prüfstandswerten, 80 mg NOx/km, ursprünglich vorgesehenen, nur moderat erhöhten NOx Werte als Toleranzausgleich für den kommenden Straßentest, (1,6-fach und 1,2-fach) sehen nun wie folgt aus und AutoBild meinte schon am 6. November 2015 „Diesel auf der Straße bald auf Euro 5 Niveau“ und meinten dabei natürlich die Euro 6 zertifizierten Diesel Pkw.

Basis ab 01.09.2015
Rollenprüfstands Höchstwert für Euro 6 Diesel Pkw: 80 mg NOx/km. Laut bisher durchgeführten „Straßentest Fahrten“ des ICCT mit 12 unterschiedlichen Euro 6 Diesel beträgt deren NOx Ausstoß im Mittel 523 mg/km. (Faktor 6,5)

Ab 01.09.2017 (24 Monate nach „Dieselgate“) löst der WLTC den NEFZ für alle neu typisierten Fahrzeuge ab und der Straßentest RDE (Real Driving Emissions) wird verpflichtend (vorerst nur für die NOx-Werte bei Diesel-Pkw) eingeführt. Bleiben die in der Euro 6 Norm festgelegten Schadstoff Höchstwerte für den neuen WLTP und RDE zumindest ab dem 01.09.2017 weiter bestehen? Das würde bedeuten, dass die Erreichung dieser Werte durch den neuen WLTC schwerer fallen wird. So ganz glaube ich das noch nicht, Veröffentlichungen dazu kenne ich leider auch keine. Mal abwarten.

Die Hersteller versuchen anscheinend noch möglichst günstige Bedingungen heraus zu schlagen. Lobbyisten der Hersteller und der Umweltschützer sind in den Hauptstädten der Hersteller und bei den EU-Behörden in Brüssel vermutlich höchst aktiv. Offene Fragen dazu: Bleibt es bei unterschiedlichen Höchstwerten für Benziner und Diesel? Gibt es geänderte Ermittlungsmodalitäten für alternative Fahrzeuge, autarke Hybride, Plug-in Hybride, Elektrofahrzeuge und Benzin/Gas, Benzin/Ethanol Antriebe?

Stimmt es, dass die USA aus den WLTP-Verhandlungen ausgestiegen sind, weil die derzeit verhandelten WLTP Höchstwerte eine Erhöhung der bisherigen US-Werte bedeuten würde?
Der zulässige Diesel NOx Höchstwert wurde für den RDE mit dem 2,1 fachen des Euro 6 Höchstwertes festgelegt. 80 mg NOx/km * 2,1, = neuer Höchstwert 168 mg NOx/km. Die Modalitäten zum RDE sind noch nicht endverhandelt.

Bis 31.08.2019 (48 Monate nach „Dieselgate“) dürfen alle bisher typisierten Diesel Fahrzeuge weiterhin u n v e r ä n d e r t zugelassen werden.

Ab 01.09.2019 (48 Monate nach „Dieselgate“)
Es müssen alle neu zugelassenen Diesel Pkw die Höchstgrenze von 168 mg NOx/km im Straßentest einhalten. Alle neu zu typisierenden Diesel Pkw dürfen nur mehr das 1,5 fache des Euro 6 Höchstwertes im Straßentest ausstoßen. 80 mg NOx/km * 1,5 = neuer Höchstwert 120 mg NOx/km.

Ab 01.01.2021 (64 Monate nach „Dieselgate“)
Es müssen alle neu zugelassenen Diesel Pkw im RDE Straßentest die Höchstgrenze von 120 mg NOx/km einhalten.

Zusammenfassung:
Erst ab dem 01. 01. 2021 gilt dann dieser – gegenüber der geltenden Norm noch immer um die Hälfte erhöhte Wert für alle neu zugelassenen Euro 6-Diesel. Also exakt 64 Monate – mehr als 5 Jahre – nach in Kraft treten der Euro 6-Norm zum 01.09.2015 die im Jahre 2010 beschlossen wurde.

Es ist zu hoffen, dass wirksame Vorkehrungen getroffen wurden, um zu verhindern, dass neue Fahrzeuge – ähnlich wie beim „Killer“-Kältemittel für Klimaanlagen – gleichsam als „geringfügige Modelländerung“ bereits lange vorher typisierten Fahrzeugen zugeordnet werden können um so vorgeschriebene Verschärfungen/Änderungen (niedrigere neue NOx-Höchstwerte) hintan zu halten. Wenn das wieder geschieht, sind die Zwischentermine für neu typisierte Fahrzeuge ein Schlag ins Wasser!

Auffällig für mich ist auch der Umstand, dass exakt erst im Jahre 2021 auch 100% der Flottenfahrzeuge nicht mehr als 95 g CO2/km ausstoßen dürfen und auch dieser Termin nur nach Intervention der „Mama aus Berlin“ zustande kam. Statt 2020 alle Fahrzeuge – nunmehr 2020 nur für 90% und erst 2021 auch für den Rest. Also die 10 % „Schlucker“ haben ein Jahr länger Zeit zur „Mäßigung“!

Vielleicht ist das auch ein Hinweis dafür, dass erst mit 01.01.2021 der WLTP mit Euro 7 Schadstoff-Höchstwerten endgültig den NEFZ ablösen wird. Denn dann laufen alle bisherigen Vereinbarungen auf Basis des NEFZ aus. Der RDE-Straßentest ist vollkommen neu und wird kaum bestehende Verpflichtungen tangieren.

Wie immer, LG gefra

2 Kommentare

  1. Danke, gefra, für die offenbar gut recherchierte Info.
    Aus Sicht der Hersteller ist es nur verständlich, wenn man hier Lobbying betreibt. Umgekehrt: Dass dieser Druck (durch ständig verschärfte Limits) jedenfalls nötig ist, um möglichst rasch der Umwelt was gutes zu tun (und Forschung und Entwicklung in diese Richtung motiviert), ist auch klar.
    Als Konsument schaue ich in erster Linie aufs Geld (und erst in zweiter Linie auf die Umwelt), Einerseits hoffe ich, dass der Herr Finanzminister sich nicht einfach nur über die nach den neuen Zyklen ermittelten, sicher höheren Verbrauchs- bzw. Emissionswerten höhere NoVA-Einnahmen freut, sondern auch deren Berechnung anpasst. Und andererseits hoffe ich, dass die immer schärfer werdenden Limits nicht nur dazu führen, dass die konventionell angetriebenen Autos nicht so schell so viel teurer werden, bis dass alternativ angetriebene (mit was auch immer) entsprechend günstiger geworden sind.
    lg
    Rolex

    • Hallo Rolex!

      War jetzt einige Zeit nicht im Lande, daher erst jetzt eine Antwort. Stimmt schon alles was Du dazu geäußert hast. Hauptgrund zur Recherche war der Umstand, dass nach wenigen Wochen eine „Super-Lösung“ zur Reduktion des Euro 5 Diesel-NOx gefunden wurde, andererseits aber 4 Jahre lang überhöhte Euro 6 Diesel NOx-Werte kommentarlos hingenommen werden. Da kann man, so scheint es, nichts ähnlich Günstiges so schnell erfinden! Wozu auch, bei der Fristsetzung!
      Beim CO2-Problem haben sich ja die Wertigkeiten auch radikal geändert, von erst-recherchierten 800.000 sind dann halt letztendlich nur 36.000 Betroffene übrig geblieben, und in Österreich angeblich nur knapp 400 Fahrzeuge.
      Die US-Käufer haben eine starke Behörde im Rücken, da bin ich schon auf die Technik zur Reduzierung der NOx Werte gespannt, die US Höchstgrenze liegt ja nur bei 43,5 mg/km (bei uns 80,0 mg/km). Es werden sicherlich andere Maßnahmen notwendig sein, teilweise spricht man ja auch davon, dass einzelne Typen von VW rückgekauft werden da technisch nicht korrigierbar.
      Mal abwarten undTee trinken!

      LG gefra

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