Wieviel Leistung braucht ein Cabrio?

23. Februar 2016
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Vor kurzem – ich glaub es war beim Test eines BMW M4 Cabrio – in irgendeinem Magazin wieder mal das lustige Argument gelesen, ob man speziell in einem Auto ohne Dach so viel Leistung überhaupt braucht. Wie bitte? Mit Verlaub – gerade in einem Cabrio kann man nie genug Leistung haben! Warum das, wo doch solche Autos eher zum Gleiten und Genießen einladen? Stimmt schon, aber auf welchen Straßen entfalten die offenen Kollegen denn ihre Daseinsberechtigung am besten? Eben, auf Landstraßen. Wien – Innsbruck kann ich über A1, großes deutsches Eck und A12 fahren. Da wird man dann aber spätestens in Auhof das Dach schließen (ok, drei Viertel machens von vorneherein nicht mal auf) und frühestens in Innsbruck wieder öffnen. Oder aber man wählt die Route, die sich auch mit dem Motorrad empfiehlt: Semmering (Pass, nicht Tunnel) – Präbichl – Gesäuse – Ennstal – Hochkönig – Dientner Sattel – Mittersill – Gerlos – Zillertal. Jetzt sind aber grad diese schönen Straßen leider voll mit Lastwägen, Reisebussen, Wohnmobilen, heillos überforderten Sonntagsfahrern, den „Ich-habs-nicht-eilig-und-genieße-die-Landschaft“-Touristen und natürlich der 80-jährigen Großmutter, die froh ist, wenn sie es unfallfrei bis zum Supermarkt im nächsten Ort schafft. Entsprechend stehen auf der Strecke ungefähr alle 500 Metern Überholmanöver an, so man sein Ziel noch am gleichen Tag erreichen möchte, und man ist zwischen zwei Kurven über jedes einzelne Pony dankbar, das einen an besagten Hindernissen vorbeireißt. Zumal es ja gerade auf Landstraßen auch lustig sein kann, wenn man mit ein wenig Schmalz aus der nächsten Ecke rauskommt. In der Stadt und – bei der heutigen Überwachung der Tempolimits – auf der Autobahn genügt tatsächlich auch der kleinste angebotene Motor. Tempomat auf Tacho 150 stellen und gut ist. Die Beschleunigung spielt dabei keine Rolle.

Leistung bringt nicht nur Topspeed

Viele Leute machen allerdings den Fehler, die Höchstgeschwindigkeit eines Autos als relevante Größe für die Leistung heranzuziehen. Klar, sich bei Tempo 250 vom Fahrtwind die letzten Haare vom Kopf reißen zu lassen, macht man der Hetz halber vielleicht genau einmal. Den dritten Gang auszudrehen, um einen Sattelschlepper noch vor der nächsten Kurve zu schnupfen, ist indes Tagesordnung auf Landstraßen. Man werfe nur einen Blick auf die Motorradseite. Alles was in dieser Kategorie mehr als Tempo 200 geht ist selbst in Deutschland nur ein Fall für wenige Freaks. Aber über zu viel Leistung beim Beschleunigen hat sich dort noch niemand beschwert! Und mehr Cabrio als ein Motorrad geht schließlich nicht!

Dazu kommt, dass Cabrios – den zusätzlich notwendigen Versteifungen im Bodenbereich geschuldet – meist deutlich schwerer sind als Coupés der gleichen Baugruppe, was erst recht wieder die Wahl des nächststärkeren Motors nahelegt. Ein Klappdachcabrio (das sind überhaupt die schwersten, weil die neben den Versteifungen, die sie trotzdem brauchen, auch noch das schwere Metalldach statt einer leichteren Stoffmütze herumschleppen) mit rachitischen 100 Sauger-PS? Ich hatte sowas mal auf der Fernpassstraße vor mir. Der hatte nach jeder Kurve Mühe, am Lieferwagen vor ihm dranzubleiben und hätte den nicht mal dann überholen können, wenn er gewollt hätte.

Also meine These lautet: Gerade ein Cabrio muss stark sein. Nicht unbedingt zum Rasen, aber auch gleiten tu ich lieber nicht in der Diesel-Abgasfahne des örtlichen Postbusses oder eines holländischen Wohnmobils. Und wenn das Überholmanöver dann eine Begründung liefert, den schönen Sechszylinder mal wieder richtig auszudrehen und seinen Sound zu genießen – umso besser!

Ich bin seit vielen Jahren als Journalist tätig, komme aber eigentlich aus dem kulinarischen und touristischen Eck. Allerdings - die Faszination von allem, was zumindest zwei Räder und einen Motor hat, hat mich nie losgelassen. Daher lege ich wert auf Autos mit Heckantrieb und komplett deaktivierbarem ESP und liebe es, mit meinem Motorrad auf große Tour zu gehen. Außerdem ich habe in der Vergangenheit viel Zeit auf Rennstrecken, bei Fahrtechniktrainings und bei Kartrennen verbracht. Da war es dann irgendwann eine logische Konsequenz, die Faszination am Fahren auch in Worte fassen zu wollen. Hoffe, Ihr habt so viel Spaß am lesen wie ich am Schreiben.

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