Die EU hat einen deutlichen Kurswechsel in ihrer Klimapolitik vollzogen. Statt wie ursprünglich geplant die CO₂-Emissionen neuer Autos bis 2035 vollständig auf null zu senken, sollen die Hersteller ihre Flotten jetzt nur noch um 90 Prozent reduzieren müssen. Dieser Unterschied klingt klein, hat aber große Wirkung: Denn dadurch bleiben auch nach 2035 neue Benziner, Diesel und Hybride erlaubt. Ein komplettes „Verbrenner-Aus“ ist damit erst einmal vom Tisch. Verbrennungsmotoren sollen zwar klimafreundlicher werden, aber nicht verschwinden. Den verbleibenden CO₂-Ausstoß sollen die Hersteller rechnerisch durch klimaneutrale Technologien und Materialien ausgleichen können – etwa durch den Einsatz von synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels) oder durch „grünen“ Stahl aus besonders umweltfreundlicher Produktion.

Ursprünglich wollte die EU, dass neue Autos ab 2035 praktisch kein CO₂ mehr verursachen dürfen. Technisch wären dann fast nur reine Elektroautos übrig geblieben, weil jeder Auspuffausstoß Strafzahlungen bedeutet hätte. Diese Pläne stießen in der Autoindustrie aber zunehmend auf Widerstand. Viele Hersteller warnten, dass die Ziele zu streng seien – vor allem, weil sich reine E-Autos nach wie vor schwerer verkaufen als erhofft. Ihr Anteil an den Neuzulassungen liegt in Europa aktuell bei nur rund 16 Prozent. Gleichzeitig sind Batterien teuer, Fabriken müssen erst aufgebaut werden, und die Konkurrenz aus China ist stark. Auch politische Entscheidungsträger aus Ländern wie Deutschland, Österreich oder Italien setzten die EU-Kommission unter Druck und forderten mehr Flexibilität.

Mit der neuen Regelung möchte die EU nun Technologieoffenheit zulassen. Neben Elektroautos sollen auch Hybride und moderne Verbrenner weiterhin eine Rolle spielen können. Wichtig ist für die EU vor allem die Gesamtbilanz: Wenn Autos noch CO₂ ausstoßen, sollen die Hersteller das an anderer Stelle ausgleichen. Gleichzeitig sollen Elektroautos aber nicht ausgebremst werden – im Gegenteil: Sie sollen weiter gefördert werden, insbesondere kleine, günstigere Modelle aus europäischer Produktion. Auch Firmenflotten und Mietwagenunternehmen sollen stärker auf E-Autos setzen. Zudem will die EU mehr Batterieproduktion nach Europa holen, um unabhängiger von asiatischen Lieferketten zu werden.

Die Reaktionen auf die Ankündigung fallen sehr unterschiedlich aus. Viele Autohersteller zeigen sich erleichtert und sprechen von einer pragmatischen Lösung, die Planungssicherheit schafft. Umweltorganisationen und einige Parteien hingegen sehen darin einen deutlichen Rückschritt für den Klimaschutz. Sie befürchten, dass Europa beim Elektroauto-Wettlauf weiter hinter China zurückfällt. Auch in Österreich sind die Meinungen geteilt: Fahrzeugimporteure begrüßen die Lockerung, während Verkehrs- und Umweltverbände sie klar kritisieren. In der Politik gibt es sowohl Zustimmung als auch deutliche Ablehnung.

Ganz entschieden ist die Sache aber noch nicht. Die neuen Vorschläge der EU-Kommission müssen erst vom EU-Parlament und von den Mitgliedsstaaten bestätigt werden. Besonders Frankreich kündigte bereits Widerstand an und will zumindest reine Verbrenner nicht weiter zulassen. Die Verhandlungen könnten sich noch über Monate hinziehen. Sicher ist nur: Dieser Richtungswechsel wäre eine der größten Veränderungen in der europäischen Klimapolitik der vergangenen Jahre.

Für Autofahrer bedeutet die Kehrtwende, dass der Verbrenner auch nach 2035 nicht verschwindet. Gleichzeitig bleibt das Elektroauto ein zentraler Bestandteil der Strategie. Europa versucht nun, einen Mittelweg zu finden: Klimaschutz ja – aber mit mehr Freiheit für unterschiedliche Technologien. Ob dieser Spagat funktioniert, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Foto: Robert May

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