Begrenzer Festspiele – Mit dem Lancia Stratos auf der Dopplerhütte

24. Juni 2016
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In Wahrheit ist der Turbo schuld am ganzen Dilemma. Seine massenhafte Verbrei­tung ließ uns jegliche Relation zu Leistung und Drehmoment verlieren. Die PS riesel­ten nach Belieben aus den Schnecken, die lichte Kunst des feinen Motorenbaus wur­de vom Ladedruck forsch ausgeblasen. Doch PS und Drehmoment sind nur Zahlen. Worauf es in Wahrheit ankommt, ist, was uns ein Auto fühlen lässt. Selbst, wenn wir nicht drin sitzen. Geschweige denn hinterm Steuer. Wer einmal einen Stratos im Wald erlebt hat, weiß, was gemeint ist. Wer einmal auf der Dopplerhütte unterwegs war, auch.

Die Kombination aus beidem ist natürlich der Jackpot schlechthin. Einer dieser Mo­mente, in denen alles passt. Wir haben hier ein Tier von einem Auto, filigran und wild, auf einer öffentlichen Natur-Rennstrecke, malerisch und tückisch zugleich. Beide würden einen in den Wahnsinn treiben, müsste man täglich damit zurande kommen. Doch wenn alles passt, bedeutet das Autofahren in Reinkultur, am Rande der Legalität – am Rande von Wien.

Foto: Robert May - Veröffentlichung mit Credit: Robert May, Veröffentlichung ausschließlich mit schriftlicher Genehmigung! Honorar nach vorheriger Vereinbarung!

Eher am Rande des Wahnsinns, zumindest nach heutigen Maßstäben, war die Taktik des Lancia-Werksteams in den Siebziger-Jahren. Autos wurden gebaut, um bei Rallyes zu gewinnen, ganz egal, ob sich die notwendigen Homologations-Modelle ver­­kau­fen ließen oder nicht. Wer derart frei von buchhalterischen Zwängen arbeiten kann, lässt natürlich die Sau raus. Und so entstand in Turin 1972 der leibhaftige Bubentraum, ein Flach­mann mit Ferrari-Motor, der in der schärfsten Ausbaustufe 280 PS mobilisierte. Der Stratos ist ein Kind seiner Zeit, kompromisslos in seiner Ausle­gung, von Beginn an siegfähig – und dennoch stand er sich als käufliches Straßen­auto bei den Händlern die Reifen platt. Der Keil aus Turin war mit 327.450 Schilling so leistbar wie ein Porsche 911 Targa, ob die geforderten 400 Stück tatsächlich ge­baut wurden (Lancia hatte zu der Zeit eine gut gefüllte Trickkiste, um die FIA an der Nase herumzuführen), darf durchaus angezweifelt werden.

Foto: Robert May - Veröffentlichung mit Credit: Robert May, Veröffentlichung ausschließlich mit schriftlicher Genehmigung! Honorar nach vorheriger Vereinbarung!Was der Konzernzentrale natürlich völlig wurscht war, solange die Sportabteilung gute Ergebnisse abliefer­te. Drei Weltmeistertitel in drei Jahren sind aber nur ein Aspekt der Geschichte, denn ausgerechnet der hausinterne Fiat 124 Spider galt damit als großer Verlierer. Darum war 1976 Schluss mit sündteuren Sonderserien, der Konzern-Sport wurde unter Abarth zusammengefasst und in Form des kreuzb­raven, weitaus günstigeren Fiat 131 ausgelebt. Und der Stratos? Der bügelte bis zum Ende seiner Homologation in privater Hand auch diesen Fiat. Und bleibt somit als Symbol einer unglaublichen Zeit.

Zum Symbol des fröhlichen Glühens wurde die Dopplerhütte, und zwar einzig und allein aufgrund ihrer unglaublichen Lage. Zwischen Tulln und dem Exelberg bei Wien bildet sie den fahrerischen Mittelpunkt zwischen einem Königreich aus Serpentinen und weitläufig geschwungenen Kurven-Orgien, mit verträumten Waldpassagen als Verbindungsetappen. Egal, von wo aus man startete, die große Verschnaufpause war immer Walter Dopplers Gasthaus. Jeder aus der Hauptstadt wusste also, was es heißt, wenn’s auf die Dopplerhütte ging.

Foto: Robert May - Veröffentlichung mit Credit: Robert May, Veröffentlichung ausschließlich mit schriftlicher Genehmigung! Honorar nach vorheriger Vereinbarung!Historisch gesehen ist die Route nicht übermäßig bedeutend. Zwar fanden in den Sechzigern ein paar Bergrennen statt, bloß gab es die zu jener Zeit auf jedem zwei­ten Hügel. Wer von der Dopplerhütte jedoch Richtung Wien unterwegs ist, befährt Passagen des allerersten Autorennens in Österreich überhaupt. Das erste Exelberg-Rennen, veranstaltet vom Österreichischen Automobilclub (ÖAC), begab sich am 21. Mai 1899 und war laut Broschüre eine „demonstrative Manifestation des Automo­bilismus“. Möglicher Probleme der aufkommenden Massenmobilisierung war man sich schon damals durchaus bewusst, „wobei die Geschwindigkeiten der Auto­mobile mittlerweile so groß geworden sind, dass man mit einem Entgegenkom­menden gar nicht mehr sprechen könne.“

Viel zu sprechen gibt es auch im Stratos nicht. Wenn des Dino V6 seine Stimme erhebt, hat die Besatzung nicht mehr viel zu melden. Die Weber-Doppelvergaser schnorcheln direkt hinter den Sitzen um die Wette, und der offenherzige Auspuff schafft es, die gemütlichen Besteigung der Dopplerhütte zu einer italienische Oper zu erheben. Das heisere Grummeln bricht sich harmonisch im Wald, hallt frenetisch den Hang hinunter, und Lärmschutz-Schilder am Wegesrand mutieren zur Provokation für die hohe Kunst.

Für diese Strecke ist der Lancia dennoch wie gemacht, vereint er doch alle Talente, die für das hastige Befahren einer Landstraße erforderlich sind: kurzer Radstand, ultra-direkte Lenkung und natürlich genug Punch für den Tritt aus den Spitzkehren. Dazu dieses Gefühl, auf der Straße zu kleben, so weit unten sitzt man. All das macht den Lancia-Boliden auch im hohen Alter zur „Weapon of Choice“ – so man es sich leisten kann. Denn unter 250.000 Euro spielt sich nicht viel ab in der Stratosphäre.

Foto: Robert May - Veröffentlichung mit Credit: Robert May, Veröffentlichung ausschließlich mit schriftlicher Genehmigung! Honorar nach vorheriger Vereinbarung!

Erledigt hat sich auch die Dopplerhütte selbst. Das Gasthaus steht seit Jahren leer, eine Wiedereröffnung scheint so gut wie ausgeschlossen. Halb so wild, meinen die wirklich Hartnäckigen, denn das wahre Leben spielt sich hier oben ohnehin nachts ab, wenn der letzte Wirte längst schläft. Die Jagd nach Bestzeiten gab es wenn, dann eh nur im Schutz der schwarzen Luft. Echte Könner fuhren die Strecke vor dem nächsten Rekordversuch ein-, zweimal ab, um über etwaige Öl- oder Wasserflecken Bescheid zu wissen. Dass dabei ein paar Spezialisten das Talent ausging, ist nur der logische Schluss dieser Episode an motorisierter Tollerei – und der finale Grund, warum die Dopplerhütte großteils zur 70er-Zone kastriert worden ist.

Foto: Robert May - Veröffentlichung mit Credit: Robert May, Veröffentlichung ausschließlich mit schriftlicher Genehmigung! Honorar nach vorheriger Vereinbarung!Macht nichts, denn es kommt ja nicht auf Leistung und Geschwindigkeit an. Der Stra­tos lässt dich bei jedem Tempo gut fühlen, weil er dir alles unmittelbar mitteilt. Wenn er spuckt und ruckt, weil sich die Weber bei zu niedrigen Drehzahlen nicht ausken­nen. Wenn er akustisch mit 150 Sachen an dir vorbeinascht, ohne die erlaubten 70 erreicht zu haben. Diese Sinnlichkeit der Begrenzer-Festspiele kann kein Turbo der Welt pro­duzieren, sie ist mit reiner Leistung nicht aufzuwiegen. Und so kann einem selbst als Zuschauer nichts Besseres passieren, als wenn ein abgestellter Stratos nachknistert. Am Parkplatz vor der Dopplerhütte.

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