Blinder Fleck

18. April 2019
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Aktuelles

Die tollsten Zuwächse feiert die E-Mobilität dort, wo sie eventuell auch am besten aufgehoben ist: E-Bikes, E-Tretroller (Kickscooter) und immer häufiger auch elektrische Klein-Scooter mit 25 km/h Tempolimit – sie alle boomen. Die Feierlaune der Branche ist groß, vom erleichterten Zugang zum Radsport ist die Rede, von verbesserter Mobilität für Senioren und vom wahnsinnig guten Öko-Gewissen sowieso. Das soziale Verständnis ist praktisch grenzenlos, wer wird schon etwas gegen Sport-Ambitionen und alte Menschen sagen?

Nicht gegen, aber über sie urteilt zumindest die Unfall-Statistik. 42,5 Prozent der im vergangenen Jahr tödlich verunfallten Radfahrer war mit einem E-Bike unterwegs. Das Durchschnittsalter der Unfallopfer betrug 71 Jahre. Drei Viertel waren über 65. Und nein, es waren nicht mehrheitlich die grundsätzlich mit Erbsünde und Urschuld behafteten Autofahrer, die das zu verantworten hatten: Eigenverschulden ist und bleibt die Haupt-Ursache bei tödlichen Fahrrad-Crashs.

Warum wird eine an sich schlaue Erfindung in einem solchen Ausmaß zur Gefährdung? Unter anderem, weil für den Gebrauch eines mit eigener Fußkraft betriebenen Fahrrades zumindest eine Grundfitness notwendig ist. Wenn sich die eingestellt hat, ist meist auch der Umgang mit dem Rad in Fleisch und Blut übergegangen. E-Bike und Elektro-Scooter hingegen lassen sich ohne jede körperliche Voraussetzung bedienen – zumindest, bis es kracht. Und auch ohne Helmpflicht. 25 km/h oder 600 Watt, also etwa 0,8 PS Leistung mögen nach keiner großen Sache klingen – ungeübt und mit vielleicht nicht mehr ganz jugendlichem Reaktionsvermögen können sie aber rasch zu viel werden.

Altersunabhängig gibt es außerdem noch die grenzwertige Praxis, die Tempo-Drossel zu entfernen. Nicht selten bieten gewiefte Händler das bei der Übergabe gleich mit an. Spätestens, wenn E-Bikes dann schneller fahren als zum Verkehr zugelassene kon­ventionelle Mopeds, wird aus Spaß aber Ernst. Weniger wegen des damit verbundenen Steuer- und Versicherungsbetrugs. Eher, weil Selbstüberschätzung und -gefährdung eng verwandte Beifahrer auf dem flotten Tripp in die Unfall-Statistik sind.

Spätestens per 1. Juni 2019 dürfen E-Bikes, E-Scooter und elektrische 25km/h-Kleinroller – auch als dreirädrige Trikes – überall dort verwendet werden, wo es auch für Fahrräder gestattet ist. Also fahren demnächst breite E-Roller mancherorts völlig legal gegen die Einbahn. Und elektrische Kickboards auf Radwegen oder eben der Straße, je nach dem was vorgeschrieben ist. Dem Verkehrsfluss insgesamt wird das nicht zuträg­lich sein – wogegen die Unfall-Charts neuen Zulauf erhalten dürfte.

Auch herkömmliche Radfahrer werden eventuell nicht nur Freude mit der 25 km/h-Klasse haben, die mit unangepasstem Tempo ihre Pfade benutzt. Beim Transport von wuchtigen E-Bikes und elektrischen Rollern in der U-Bahn sind spannungsgeladene Momente ebenfalls garantiert. Die sonst zur Vollkasko-Hysterie neigende Gesellschaft scheint hier ihren blinden Fleck zu haben: Sobald etwas mit dem Allheilmittel Strom be­trieben wird, ist es unantastbar. Rein statistisch betrachtet, natürlich.

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