Chrysler Grand Voyager 2,8 CRD Limited

23. Juli 2008
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Tests

FAHRZEUGDATEN

Marke:Chrysler
Klasse:Van
Antrieb:Vorderrad
Treibstoff:Diesel
Leistung:163 PS
Testverbrauch:9,5 l/100km
Modelljahr:2008
Grundpreis:55.090 Euro

Chrysler Grand Voyager: Der Urvater aller Vans als Neuauflage

Kein kurz oder lang mehr, seit heuer gibt es nur noch einen Voyager. Und der ist Grand“. 5,14 Meter lang, 1,95 breit, 1,75 hoch – quasi ein Blockhaus auf Rädern. Das neuerdings wieder eckige Design unterstreicht diesen Eindruck auf ehrliche Weise.
Also einsteigen. Nein, nicht links vorne. Bei einem Verhältnis von einem Fahrer zu sechs Passagieren sollte klar sein, wo die Prioritäten liegen. Mit einem Doppeldruck auf den – ob seiner vielen Tasten auch nicht gerade zierlichen – Schlüssel öffnet sich eine der beiden seitlichen Schiebetüren.
Während die Pforte elektrisch aufgleitet, legt gleichzeitig die Warnblinkanlage los. Autofahrer rundum aufgepasst: Es könnten Kinder aus dem Van purzeln!
Der Voyager empfängt seine Fahrgäste mit zwei Einzelsitzen in der zweiten Reihe sowie einer Dreier-Bank ganz hinten. Um dorthin zu gelangen, heißt es Mittel-Fauteuils vorklappen. Erwachsene sollten das schaffen, Kinder schummeln sich in der Mitte dran vorbei. Die Kleinen werden sich im Chrysler richtig wohlfühlen, die Omi auf den beheizbaren Sitzen der zweiten Reihe ebenso. Größer Gewachsenen drücken im Fond die Kopfstützen ins Genick. Im Zweifelsfall hilft leger lümmeln statt aufrecht sitzen.
Unschlagbar sind Stauraum und Variabilität des Grand Voyager. Hinter die dritte Sitzreihe passen gewaltige 638 Liter. Um noch mehr zu laden, heißt es Möbel versenken.
Die zweite Reihe verschwindet mit ein paar Handgriffen im Boden, Reihe drei (2:1 geteilt) sogar vollelektrisch. Noch dazu via One-Touch: Ein kurzer Druck, und während die Bank sich unter dem Jubel der Kids langsam faltet, holt Papa die nächsten Koffer. Ist alles Mobiliar versenkt, entsteht eine ebene Ladefläche von gut 2,30 mal 1,30 Meter – zur Not ein feines Doppelbett.
Wer Kleinzeug weglegt, sollte sich gut merken, wohin. Bei insgesamt 35 Fächern und Ablagen geht leicht der Überblick verloren. Darunter sind auch elf Cupholder sowie das geräumige Unterflur-Fach für die beiden Fondsitze und eine voluminöse verschieb- und ausbaubare Mittelkonsole.
Genug vom Wohnen und Verstauen. Wie fährt sich dieses Trumm? In Anbetracht seiner Größe gar nicht übel. Der Komfort ist hoch, das Motorgeräusch oft auch – die Sechsgang-Automatik schaltet nämlich in den unteren Gängen spät hoch und jubelt so den Vierzylinder-Diesel in unnötige Drehzahlen.
Die Fahrleistungen des 2,1-Tonners reichen im Normalfall aus, überholt sollte mit Bedacht werden. Dafür liegt der Koloss sicher auf der Straße. Im Grenzbereich nimmt das ESP früh Vortrieb weg, um Untersteuern einzudämmen. Lastwechsel-Reaktion kennt der Voyager keine, auch nicht voll beladen – was immerhin fast 2800 Kilo bedeutet.
Die indirekte Lenkung störte nur in unseren Slalomtests im Driving Camp Pachfurth. Auch sah die Anfahrtsgasse zum Norm-Spurwechsel noch mit keinem Kandidaten so eng aus wie mit dem Voyager. Plötzliche Richtungswechsel sind eben nicht seine Sache. Ein Highway-Cruiser, kein Kurven-Künstler.
Die Bremsen haben mit dem schweren Van kein leichtes Leben. Bereits nach drei Notstopps aus 100 km/h verkündeten beißender Geruch und aufleuchtende ESP-Kontrolle hohe Scheiben-Temperatur (selbsttätige Bremseingriffe unternähme die Elektronik in diesem Zustand nicht mehr). Dennoch überstanden die Eisen zehn Vollbremsungen, ohne merkbar nachzulassen.
Dank exzellenter Übersicht und vernünftigem Einschlag kommt man mit dem Voyager auch in der Stadt gut voran. Der ausklappbare Innenraum-Spiegel verschafft den Eltern stets Kontrolle über die Meute im Fond. Typisch amerikanisch die Klimaautomatik: Bereits schüchterne Sonnenstrahlen werden mit grimmigem Eishauch quittiert.
Der neuerdings nicht mehr in Graz, sondern jenseits des Teichs gefertigte Voyager wirkt großteils solide. Nur manche Stellen zeigen Hemdsärmeligkeit. Etwa die wackelige Mittelkonsole, die sich beim Zurückschieben an den Unterflur-Fächern spießt. Oder das viele graue Hartplastik mit teils scharfen Kanten.
Letztlich sind 55.000 Euro – so viel kostet die getestete Topversion „Limited“ – viel Geld für einen Vierzylinder-Diesel-Van. Wer auf Luxus wie Leder und diverse elektrische Helfer verzichtet, kann einen Voyager aber auch schon um gut 40.000 Euro ordern. Bei Platz und Variabilität ist der große Amerikaner in jeder Version Spitze.

Ein durch und durch amerikanisches Cockpit: Automatik-Wählhebel platzsparend im Armaturenbrett, Bedienung ohne große Rätsel, graues Hartplastik im unteren Bereich

MOTOR & GETRIEBE
Der großvolumige Vierzylinder-Diesel läuft vibrationsarm, nur bei höherer Drehzahl wird sein Brummen laut. Die Sechsgang-Automatik schaltet nicht immer ruckfrei und dreht die unteren Gänge unnötig hoch aus. Großer Sprung zwischen den kurzen ersten fünf und der langen sechsten Fahrstufe. Fahrleistungen insgesamt brauchbar.

FAHRWERK & TRAKTION
Hoher Fahrkomfort über Bodenwellen jeder Art. In forsch gefahrenen Kurven früh harmloses Untersteuern und beträchtliche Seitenneigung, bei raschen Richtungswechseln träge. Schwache Traktion, speziell voll beladen. Lenkung präzise, doch indirekt. Standfeste Bremsen.

COCKPIT & BEDIENUNG
Übersichtliche Armaturen, Bedienung unkompliziert, doch mit Eigenarten wie etwa dem (aus der Mercedes-Ära übernommenen) überladenen Lenkstockhebel. Bequeme Sitze mit simpler E-Verstellung. Lenkrad nur in der Höhe, dafür Pedale in der Reichweite zu justieren. Gute Übersicht und erfreulich kleiner Wendekreis.

INNEN- & KOFFERRAUM
Üppiges Platzangebot in allen drei Reihen. Riesiger Kofferraum mit niedriger Ladekante, alle fünf Fondsitze im ebenen Boden versenkbar. Unzählige Fächer und Ablagen, auch in der dritten Reihe, ausklappbare Tischchen in den Lehnen der Vordersitze. Eigene Fond-Klimaregelung, vom Fahrer aus zu sperren. Fensterheber nur fahrerseitig mit One-Touch.

DRAN & DRIN
Top-Version „Limited“ mehr als komplett bestückt, somit kaum Extras. Fond-Entertainment mit klappbaren Decken-Bildschirmen als Zubehör. Materialien optisch ansprechend, teils jedoch harter Kunststoff, das Leder wirkt synthetisch. Verarbeitung an manchen Stellen etwas lieblos.

SICHER & GRÜN
Klassenübliches Menü an Airbags und E-Fahrhilfen, der seitliche Kopfschutz reicht bis in die dritte Reihe. Diesel-Partikelfilter an Bord, Verbrauch an Größe und Gewicht angemessen.

PREIS & KOSTEN
Deutlich teurer als weniger geräumige Van-Kollegen wie Citroën C8, Ford Galaxy, Kia Carnival oder Renault Grand Espace, aber auch deutlich billiger als etwa der ähnlich große VW Multivan. Vorsteuer für Firmen und Selbständige abziehbar. In Topausstattung sind Abstriche von der sonst guten Werthaltung zu machen.

FAZIT:
Platzangebot und Variabilität des Voyager sind unschlagbar, der brummige Dieselmotor ist vernünftig. Und die teils schlampige Ausführung typisch amerikanisch.

MOTOR-BAUART:
Vierzylinder Reihenmotor vorne quer liegend, Abgasturbolader mit variabler Turbinengeometrie und Ladeluftkühler, Fünffach gelagerte Kurbelwelle, zwei oben liegende Nockenwellen mit Zahnriemenantrieb, vier Ventile pro Zylinder. Elektronische Diesel-Einspritzung über Piezo-Injektoren nach Commonrail-Prinzip. Abgasreinigung mittels Oxidations-Katalysator und geregeltem Rußpartikelfilter.

MOTOR-DATEN:
Hubraum 2777 ccm, Bohrung x Hub 94,0 x 100,0 mm, Verdichtungsverhältnis 17,5:1, Max. Leistung 120 kW (163 PS) bei 3800/min, Spez. Leistung 43,2 kW/l (58,7 PS/l), Max. Drehmoment 360 Nm bei 1600-3000/min, Ölinhalt 6,6 l, Kühlwasserinhalt 13,8 l

KRAFTÜBERTRAGUNG:
Vorderradantrieb, Sechsgang-Automatik.
Übersetzungen: I. 4,13, II. 2,84, III. 2,28, IV. 1,45, V. 1,00, VI. 0,69, R. 3,21
Achsantrieb 3,25

FAHRWERK:
Vorne: doppelte Dreiecksquerlenker, McPherson-Federbeine. Hinten: Torsionskurbelachse, Schraubenfedern, Teleskop-Stoßdämpfer. Radstand 3078 mm, Spurweite vorne/hinten 1651/1645 mm. Zahnstangen-Lenkung mit hydraulischer Servounterstützung. Hydraulische Zweikreisbremse mit Bremskraftverstärker, Scheiben mit Einkolben-Faustsattel-Zangen (vorne innenbelüftet). Fuß-Feststellbremse auf die Hinterräder wirkend. Reifen & Räder: 225/65 R 17 102H Yokohama Aspec auf Leichtmetall-Felge 6,5 J x 17.

KAROSSERIE:
5 Türen/7 Sitze, Luftwiderstandsbeiwert cw 0,32, Stirnfläche A k. A., Luftwiderstandsindex A x cw k. A., Länge/Breite/Höhe 5143/1954/1750 mm, Wendekreis 12,0 m, Tankinhalt 75 l, Eigengewicht 2100 kg, max. zul. Gesamtgewicht 2775 kg, max. zul. Dachlast 68 kg, max. zul. Anhänge-Last 1600 kg, Kofferraumvolumen (VDA-Norm) 638-3296 l

VERBRAUCH (Diesel):
Norm (Stadt/außerorts/ Mix) 12,8/7,3/9,3 l, Testverbrauch 9,5 l/100 km, CO2-Ausstoß (Norm/Test) 247/251 g/km, Reichweite (bis Tankres.) 720 km

FAHRLEISTUNGEN:
Werksangaben: 0-100 km/h 12,8 sec, Spitze 185 km/h
ALLES AUTO-Messwerte: 0-80 km/h 8,9 sec, 0-100 km/h 12,7 sec, 80-120 km/h (ohne Kick-Down) 12,5 sec

WARTUNG:
Service/Ölwechsel alle 20.000 Kilometer

GARANTIE:
2 Jahre Fahrzeug-Garantie ohne Kilometerbegrenzung, 7 Jahre Garantie gegen Durchrosten, 2 Jahre Mobilitätsgarantie (bei vorschriftsmäßiger Wartung)

PREIS UND AUSSTATTUNG:
Basispreis: EUR 55.090,-
Serienausstattung: Front-, vordere Seiten- und durchgehende Kopfairbags, ABS, ESP, Bremsassistent, sieben Dreipunktgurte, Isofix, Reifendruckkontrolle, Niveauregulierung h, Klimaautomatik, CD-Radio mit 10 LS, Festplatten-Navigation mit Touch-Screen, Bluetooth-Schnittstelle, Bordcomputer, Außenspiegel el. verstell-, beheiz- und klappbar, aut. abblendende Spiegel, vier E-Fensterheber, el. Ausstellfenster (3. Reihe), Einparkhilfe h inkl. Rückfahrkamera, Multifunktions-Lederlenkrad, Teilleder-Polsterung, E-Sitze v mit Memory, el. verstellbare Pedale, Sitzheizung 1. + 2. Reihe, el. Heckklappe, el. versenkbare 3. Sitzreihe, Tempomat, Kinder-Rückspiegel, Alarmanlage, Nebelscheinwerfer, Xenon-Licht, FB-Zentralsperre etc.
Extras: Metallic-Lack EUR 828,-, E-Schiebedach EUR 1518,-


Fotos: Robert May

Diesen Test finden Sie in ALLES AUTO 6/2008

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