Der Herr des Ringes

2. Februar 2016
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Es gibt ein paar Dinge im Leben, die man als Autoverrückter irgendwann getan haben sollte:

  • mit einem Ferrari fahren (check!)
  • einen Formel 1-Lauf in Monza erleben (check!)
  • persönlich ein paar Runden auf der Nordschleife drehen (hat bis vor kurzem schmerzlich gefehlt, war also hoch an der Zeit und auf meiner persönlichen Bucket List ganz weit oben)

Aura und Image der 20 Kilometer langen „grünen Hölle“ sind ja legendär! Bei neuen Sportwägen zählen unter Freaks die Nordschleifenzeiten inzwischen mehr als irgendwelche 0 auf 100-Werte. In zahllosen Internetforen werden persönliche Rundenzeiten ausgetauscht, man kann Onbord-Videos anschauen und es dürfte eine erquickliche Zahl an halbprofessionellen Zusehern geben, die an Terminen mit Publikumsfahrten routinemäßig den ganzen Tag vom Streckenrand aus mitfilmen und die besten Szenen dann zusammenschneiden um sie ins Internet hochzuladen.

549 Euro für vier Runden

Das Problem: Die Eifel liegt nicht grad ums Eck, von Wien aus sind‘s knappe 900 Kilometer. Klar kann man jetzt sagen, ein paar hundert Kilometer deutsche Autobahn sorgen schon für eine kurzweilige Anreise. Schneller geht’s trotzdem mit dem Flieger nach Köln/Bonn, von dort ist es dann mit dem Leihauto nicht mehr weit und für den Ritt über die Nordschleife ist ein vor Ort gemieteter, für die Rundstrecke adaptierter Wagen (Käfig, Semislicks, Bilstein-Fahrwerk) auch kein Fehler. Allerdings will die natürlich hohe Abnutzung dieser Geräte bezahlt werden: So kosten vier Runden in einem 220PS-Scirocco schlanke 549 Euro, dazu kommt noch eine Kaution in Höhe des Selbstbehaltes für den Fall des Falles von knapp 10.000 Euro…

Egal, so oft macht man das ja auch nicht. Und schon die Fahrt zur Strecke hat einen gewissen Erlebniswert: Wenn die Anzahl der 911er, M3s und ähnlicher Artgenossen plötzlich sprunghaft zunimmt im Straßenbild, weiß man, dass man offensichtlich richtig ist. Im Mekka aller Benzinbrüder angekommen verbringt man erstmal geraume Zeit damit, das vorhandene Material zu bestaunen. Wie schon erwähnt, BMWs und Porsches aller Arten (darunter auch ein nagelneuer GT3 RS als Rundstreckentool mit allem drum und dran aufgebaut – manche Menschen machen offensichtlich irgendwas richtig in ihrem Leben) stellen gut ein Drittel aller Autos dort, aber auch der Rest ist sehenswert: Nissan GTRs, Corvetten, der eine oder andere Ferrari, AMGs, GTIs und eine erstaunlich große Anzahl an Renault Megane RS – dürfte ein ernstzunehmendes Gerät auf der Rundstrecke sein. Daneben aber auch normale Alltagsschüsseln, sogar manche Oldtimer oder Kleinbusse drehen hier tapfer ihre Runden. Und das ist dann auch gleich eins der Probleme beim Fahren: Beschauliche Minivans ohne größere Ambitionen stoßen hier auf Semi-Profis mit perfekter Streckenkenntnis in Hardcore-Sportwägen, die auf Zeitenjagd unterwegs sind, 50 PS treffen auf über 500. Und dann kommen noch die Motorradfahrer dazu, gegen die auf den Geraden kaum ein Kraut gewachsen ist und in den Kurven betet man immer, dass sie einem nicht vors Auto rutschen. Die meisten gehen‘s aber eh erstaunlich vernünftig an, ein regelmäßiger Blick in den Rückspiegel um schnelleren Fahrern Platz zu machen, ist nicht die Ausnahme, wie auf öffentlichen Straßen, sondern die Regel.

Mehr Landstraße als Rennstrecke

Das Fahren selbst ist natürlich eine Riesenhetz, aber dank des Streckenlayouts anders als auf anderen Rennstrecken. Während auf einem Pannonia- oder Slovakiaring schon nach wenigen Kurven das ESP-Lamperl kaum mehr ausgeht, ist die Nordschleife eher mit einer flott gefahrenen Landstraße vergleichbar, bei der man halt weder Gegenverkehr noch Polizeikontrollen fürchten muss. Auslauf gibt’s nämlich so gut wie keinen, jeder Ausritt wird also zumindest empfindlich teuer – und da hat man sich dann noch nicht weh getan. Als Rookie weiß man außerdem nie, wie die Strecke hinter der nächsten Kurve oder dem nächsten Hügel weitergeht, im Zweifel steigt man also lieber einmal zu viel auf die Bremse. Den Grenzbereich der einzelnen Kurven auszuloten kann man an einem Nachmittag ohnehin vergessen. An dem kiefeln selbst Profis nach mehreren hundert Runden. Und ein bisserl Restaufmerksamkeit sollte eben auch noch dem Rückspiegel gelten um den flotteren Herren des Ringes oder auch den Instruktoren in ihren M5-Renntaxis nicht im Weg herumzustehen.

Dass die „grüne Hölle“ ihren Namen nicht zu Unrecht trägt beweisen auch die häufigen kurzfristigen Streckensperrungen, wenn sich der nächste Übermotivierte in die Botanik verabschiedet hat und das Wrack geborgen werden muss. Der Blick auf abgerissene Räder oder eingedrückte Karosserieteile kühlt das eigene Mütchen dann wieder ein wenig. Und wer auf Youtube die Stichworte „Nordschleife“ und „Crash“ eingibt, der hat hoffentlich eine Internet-Flatrate und die nächsten Tage nix vor. (Wahrscheinlich ist der GT3 RS-Fahrer ein örtlicher Unfallchirurg oder zumindest Autospengler…)

Bridge to Gate

Die Faszination ist trotzdem einzigartig und mit einer Bridge-to-Gate-Zeit von 9:15 in der dritten Runde kann man aufrechten Hauptes das Motorsport-Eldorado verlassen. (Auf der langen Geraden der Döttinger Höhe stehen Ein- und Ausfahrtsschranken auf die Piste, komplette Runden kann man daher an den Touristenfahrten nicht messen, deshalb wird die Zeit zwischen den beiden Bögen am Anfang und Ende der Döttinger Höhe – eben „Bridge“ und „Gate“ genannt – für inoffizielle Vergleiche hergenommen. Hochgerechnet wäre das dann wohl eine Zeit zwischen 9:40 und 9:50 und damit deutlich unter der 10-Minuten-Schallmauer, die ich mir als persönliche Benchmark gesetzt habe.)

Ob ich wiederkomme? Gar keine Frage! Wer das einmal gemacht hat, will es auch ein zweites Mal erleben. Die Rundenzeit hat schließlich auch noch Luft nach unten. Bridge-to-Gate unter 9 Minuten – der Mensch muss sich schließlich Ziele im Leben stecken!

Ich bin seit vielen Jahren als Journalist tätig, komme aber eigentlich aus dem kulinarischen und touristischen Eck. Allerdings - die Faszination von allem, was zumindest zwei Räder und einen Motor hat, hat mich nie losgelassen. Daher lege ich wert auf Autos mit Heckantrieb und komplett deaktivierbarem ESP und liebe es, mit meinem Motorrad auf große Tour zu gehen. Außerdem ich habe in der Vergangenheit viel Zeit auf Rennstrecken, bei Fahrtechniktrainings und bei Kartrennen verbracht. Da war es dann irgendwann eine logische Konsequenz, die Faszination am Fahren auch in Worte fassen zu wollen. Hoffe, Ihr habt so viel Spaß am lesen wie ich am Schreiben.

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