Die Welt von gestern

20. Oktober 2016
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Es war ein schöner Tag in Südtirol und der SLK war vollgetankt. Dach auf – auch wenn`s nur 4 Grad hat – und weg von Brixen nach Sterzing, Jauffenpaß, Meran, rein ins Vinschgau und rauf aufs Stilfserjoch. Unzählige süchtig machende Kurven und Serpentinen später ist man oben – bei minus 6 Grad. Mehr als 2700 Höhenmeter über dem Meer wird die Luft schon dünn, wenn man nach dem Austreten wieder 2 Stockwerke hoch muss zur holden Angetrauten im Lokal und zum Espresso. Weiter Richtung Bormio, atemberaubende Abfahrt durch weitere unzählige Kurven in Ansicht abgrundtiefer Schluchten. In Santa Catharina – wie Zürs im Sommer – ist alles ausgestorben bis auf ein Hotelrestaurant, wo die heimische Restbevölkerung und Gemeindearbeiter ihr Mittagsmahl einnehmen. Ich frage in meinem österreichischen Italienisch „mandschare possibile“? „Si,si“ und die Signora begleitet uns zum Tisch. Eingeschränktes Vor-, Haupt- und Nachspeisenangebot – alles aber zum Niederknien und zum Außersaisonpreis. Mille Grazie! Dann auf den Gaviapass, der kaum niedriger als das Stilfserjoch ist und ein Meilenstein des Giro. Auf der Santa Catharina – Seite wieder viele Kurven aber relativ „normal“. Nach der Hochebene des Passes wird es aber abenteuerlich. Die Straße wird enger und serpentiniger, wir laufen auf andere Urlauber auf und manchmal, bei Gegenverkehr heißt es zurück schieben bis wir füreinander zurecht kommen. Abenteuerlich bis ins Tal! Von da an ist der Tonnalepaß und der Mendelpaß um nach Kaltern bzw. Bozen zu kommen nur mehr eine Lockerungs- und Entspannungsübung.

Abends in Brixen isst man dann hochzufrieden im Restaurant und lässt den Tag nochmal geistig Revue passieren und freut sich schlicht. Bis man die deutschen Nachrichten hört und dass sie ab 2030 nur mehr emissionslose Fahrzeuge zulassen wollen. Als hätten die Wessies keine Kohlekraftwerke mehr in Betrieb, als würde den Strom die Nordsee reinwehen und als wäre ihre Autoindustrie bloß ein unbedeutender Industrienebenzweig. Eine Pässefahrt wie die heutige (rund 240 km) kann man sich dann abschminken. Aber vielleicht ist das auch so gewünscht – alle zurück aufs Kutschen- und Fahrradniveau – ab zum nächsten Würschtelstand – äh nein – zur nächsten veganen Popoklause – sorry Boboklause – und die nächsten Aktionen diskutieren. Im Handy lese ich dann noch bei den Google-News, dass Mercedes den ersten E-Laster mit erstaunlichen 200 km Reichweite vorgestellt hat. Allerhand und sapperlot! Da fällt mir der mehrfache Blick von der Eisacktalbundesstraße auf die Autobahn ein, wo ich stets eine endlose Fernlasterkolonne sah. Vielleicht will man so die unfähigen und existentiell maroden Staatsbahnen sanieren. Wenn nur mehr Laster mit bestenfalls sommerlichen 200 km Aktionsradius zugelassen werden, dann müssen sie ja auf die Bahn ausweichen, wenn sie die Erdäpfel zum Waschen nach Sizilien bringen und die argentinischen Äpfel von Rotterdam zum heimischen Supermarkt transportieren wollen. Stalinismus im 21. Jahrhundert. Grazie, kann man da nur sagen und sich sicherheitshalber an der Bar noch ein bis zwei Fernet gönnt und an die Welt von gestern denkt, als Autofahren Freude und Freiheit bedeutete.

Aber jetzt geht’s ja noch! Deshalb noch schnell einen dritten Fernet und sich auf die morgige Fahrt freuen: Grödnertal, Grödnerjoch, Passo Cereda, Passo di Rolle, Passo Valles, Passo San Pelegrino, Karerpaß, Bozen und wieder zurück nach Brixen. Carpe diem – solange es noch mit dem Auto geht.

 

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