Drift-Experiment mit dem Mazda MX-5

27. Oktober 2016
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Feature

Kontrolliertes Übersteuern, den instabilen Zustand stabil halten, oder einfach gesagt – Driften. In Japan eine Religion mit diversen Propheten und Göttern, bei uns in Europa oftmals als teure Materialschlacht zur Freizeitbeschäftigung abgestempelt. Nichtsdestotrotz – es gibt kaum einen Weg mit mehr Style und Coolness um eine Kurve zu fahren als im Drift; die Hinterreifen am Qualmen, die Vorderreifen in vollem Einschlag.

mazda_drift_92_mayDer Einstieg in die stark abhängig machende Drogen Driften ist leicht – man nehme ein heckgetriebenes, einigermaßen leistungsstarkes Fahrzeug und ein Drifttraining in einem ÖAMTC Fahrtechnikzentrum irgendwo in Österreich. So wurde auch ich abhängig. Training gebucht – ab auf die Rennstrecke mit einem brandneuen Mazda MX5 G160, einem leichten Roadster mit einem Eigengewicht unter 1000kg, 160PS auf der Hinterachse, Sperrdifferential und Sechsgang-Schaltgetriebe. Diese Zutaten klingen an sich ja nach einer perfekten Basis für ein Driftauto.

Die ersten Versuche kontrolliert zu übersteuern waren dabei aber eher ein verzweifeltes am Lenkrad herumreißen als wirkliches Driften a la Fast and Furious Tokyo Drift. Der MX5 entpuppte sich aufgrund des geringen Gewichts und des extrem kurzen Radstands als überaus giftig. Für den Einstieg in den Driftsport nicht unbedingt einfach. Doch man lernt ja: Schon nach den ersten paar Runden kam die Erkenntnis, dass Konzentration und die richtige Blicktechnik, neben einem gewissen Gefühl an Gas und Lenkung das Wichtigste ist um eine Kurve erfolgreich quer zu nehmen. So wurden nach einigen Runden und vielen wertvollen Tipps der Instruktoren, immer mehr Rutscher und Dreher zu (meiner Meinung) doch recht ansehnlichen Drifts. Am Ende dieses langen, anstrengenden Tages mit vielen Ups und Downs, oft euphorisch, dann wieder der Verzweiflung nahe, stand eines fest für mich: dies soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich ein Auto am Wachauring quer bewege.

Die Idee zu einem Experiment war geboren: Kann man als soweit trainierter Laie mit Motorsportambitionen gleich den ersten Schritt Richtung Profi machen – kann man bei der Dunlop Drift Challange Austria halbwegs mithalten? Wir sollten es ausprobieren dürfen – bei dem Finale der Österreichischen Drift-Staatsmeisterschaft, die Dunlop Drift Challange am Wachauring am 17.&18. September. Cool!

img_4010Doch für diesen besonderen Anlass sollte rote Mazda MX5 – ja schon an sich ein wirklich schönes, sportliches Auto – noch etwas aufgepeppt werden. Eine Folierung musste her, um unserem Gefährt die richtige Renn-Optik zu verleihen. In „soloDUE Design“ in Steyr fanden wir den perfekten Partner dafür. Innerhalb weniger Stunden wurde ein tolles Folien-Design erstellt, welches innerhalb 2 Tage montiert wurde. Als wir den frisch folierten Mazda von Steyr abholten und wir das Design das erste Mal am Fahrzeug begutachten konnten, wurden unsre kühnsten Vorstellungen übertroffen – rot-weiss mit Sponsoren-Schriftzügen, wie ein echter Rennwagen eben. Am Weg zurück nach Wien zogen merklich die Blicke auf uns und wir kassierten nicht nur ein „Daumen hoch“.

Abgesehen vom fahrbaren Untersatz waren viele weitere organisatorische Angelegenheiten zu regeln, um an einer solchen Veranstaltung teil nehmen zu können , auch wenn wir tatkräftige Unterstützung vom Veranstalter erfahren durften – die Anmeldung, der Erwerb einer OSK-Motorsport Lizenz, die Ausstellung eines ärztlichen Attests, die regelgerechte Beklebung des Fahrzeugs mit den Aufklebern der Drift Challange Austria, der Erwerb der regelkonformen Bekleidung (FIA Rennanzug, Handschuhe, Schuhe, Jethelm) und viele weitere Dinge gestalteten die letzten zwei Wochen vor dem Bewerb als nicht gerade stressfrei.

Nachmittags am 12. und 14. September waren dann freie Trainings für die Fahrer der Drift Challenge angesetzt, um sich die Streckenführung am Wachauring ohne Druck durch Zuschauer und vollkommen stressfrei einzuprägen und sich an die Streckenbegebenheiten zu gewöhnen. Unser gesamtes Team fieberte diesem einen Tag, dem 12.9.2016, schon wochenlang gebannt entgegen um endlich unseren „Renn-MX5“ auf die Strecke los zu lassen. Endlich war der Tag gekommen: Handschuhe an, Helm auf und los ging es auch schon mit den ersten paar Runden. Der MX5 verhielt sich wie gewohnt giftig. Vor allem bei lang gezogenen Drifts bestrafte er jeden noch so kleinen Fehler bei Lenk- und Blicktechnik sofort mit Drehern oder plötzlichem Grip. Einige Runden später hatte ich mich jedoch einigermaßen an die Asphaltbeschaffenheiten und die Streckenführung gewohnt, wurde mutiger am Gas, schaffte schon einzelne Umsetzer. Auch der letzte, langgezogene Drift hinaus auf die Zielgerade, bei dem man der Boxenmauer gefährlich nahe kommt, gelang mir zum ersten Mal nach vielen Drehern.

Doch mein Glück war nicht gepachtet: wieder diese Kurve hinaus auf die Zielgerade. Ich leitete den Drift ein, alles fühlte sich toll an. Ich konnte den Drift lange halten, wollte ihn noch etwas weiter ziehen; stieg ich noch etwas mehr aufs Gas – ein schwerer Fehler. Am Ende des Drifts erwischte mich der gefürchtete „Gegenpendler“. Der neue Kurs: Direttissmima Richtung Boxenmauer, ohne Chance noch rechzeitig zu stoppen. Bumm!

Meine Eindrücke nach einem kurzen Selbstcheck im Schock – keine Airbags, keine Verletzungen, kein Rauch. Sofort war jemand zur Stelle um sich nach meinem Zustand zu erkundigen. Nach wenigen Minuten des Durchatmens im Fahrzeug um den ersten Schock zu verdauen, wollte ich aussteigen. Doch die Tür des Mazda bewegte sich nicht … ohoh. Spätere Erkenntnis: Durch den Aufprall wurde der Kotflügel verbogen, die Tür war blockiert. Aber wozu hat man denn ein Cabrio: Auf das Verdeck und raus aus dem Auto – wenn auch unkonventionell. Der MX5 wurde zur Sicherheit mit einem Gabelstapler von der Strecke gebracht, da zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher war, ob er irgendwelche Flüssigkeiten verliert die für einen sicheren Betrieb des Fahrzeugs verantwortlich sind.

Nach einem kurzen Check die erleichternde Entwarnung: unser MX5 war noch fahrtauglich genug, um es nach Wien zu Mazda Reiner zu schaffen. Ich verließ die Strecke, zerknirscht und viel zu früh, mit einigen Schulterklopfern und gutem Zuspruch wie: „an der Wall of Champions sind schon die Besten gescheitert“ oder mit einem Schmunzeln: „wenn du am Samstag nicht mit deinem Auto da stehst und das Training fährst, sind alle hier echt böse“.

Am Tag darauf (Dienstag), brachte ich den Mazda MX5 gleich früh morgens zu Mazda Reiner in Wien. Dort wurde mir versichert, dass alles getan werden wird, damit wir als Team „Alles Auto-Mazda“ am Samstag beim Training an den Start gehen können und, dass das Auto, soweit sich der Schaden wirklich nur auf die Karosserie beschränkt, am Freitag abzuholen sei. Am Mittwoch dann der verhängnisvolle Anruf: durch den heftigen Aufprall an der Boxenmauer wurde nicht nur die Karosserie beschädigt, sondern leider auch die Aufhängung links vorne verbogen, was bedeutet, dass die komplette Aufhängung getauscht werden muss. Bis Freitag? Keine Chance. Mit diesem Anruf wurde unser „Projekt Driftmissile“, in das Mazda Österreich, soloDUE Design und wir, viel Zeit und auch Leidenschaft investiert haben, abrupt beendet.

mazda_drift_06_mayDennoch ist unser Experiment natürlich nicht ergebnislos – nur eben der Ausgang leider negativer, als wir es gern gehabt hätten: Es wurde klar, dass bei manchen Drifts nur wenige Millisekunden den Unterschied zwischen toller Querfahrt oder fatalem Crash ausmachen. Ebenfalls klar wurde aber, wie herzlich die Drift-Racer sind: Obwohl ich nur so eine kurze Zeit in das Leben eines Rennfahrers schlüpfen durfte, wurde ich sehr herzlich und mit oftmals großem Interesse nicht nur vom Mazda Werksteam in die DCA-Familie aufgenommen. Nach diesen Wochen und vielen Erfahrungen, die ich sammeln und Eindrücken, die ich gewinnen durfte, habe ich absolute Hochachtungen vor allen Fahrern der Drift Challange Austria, denn es ist eine waschechte Rennserie, in die viele mehr als nur Zeit und Geld investieren und nicht nur reine Freizeitbeschäftigung. Vielleicht stehen die Sterne nächste Saison günstiger für das „Projekt Driftmissile“ und können dieses Vorhaben mit dem gleichen tollen Team aber mit einem anderen Ende wiederholen.

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