Formel E – eine Bestandsaufnahme

17. Juli 2017
3.224 Views
Szene

Zwischen seinen Lidern blinzeln vage die müden Augen hervor. Jetzt schläft der kleine Bub, auf dem Schoß seines Vaters, komplett ein. Die Formel E-Boliden sind wirklich sehr leise, wenn sie im Halbgas dem Safety­car hinterhertrotten. Doch im nächsten Moment wird die grüne Flag­ge geschwenkt, der Führende, Sebastian Buemi, heizt seinen Re­­­­nault mit „Vollgas“ an der Tribüne vorbei, und der kleine Junge ist wieder hellwach.

Wenn die Öko-Renner freie Fahrt haben, ist es vorbei mit der Stille. Die Elektromotoren surren, die Reifen wimmern – und die Zuschauer toben vor einer präch­tigen Kulisse, die sonst nur auf Postkarten und in Reisemaga­zinen zu sehen ist.

Die Formel E hat geschafft, woran die Formel I gescheitert ist: Sie bringt den Motorsport in die Innenstädte und somit auch zu den Menschen. So wie hier nach Paris. Die „grünen“ Rennen gehen aber auch durch die Straßen von New York, Berlin oder London und begeistern die Einwohner, die von ihren Balkonen das Renngeschehen beobachten.

Mit 180 durch die Stadt der Liebe fahren und das ohne Lärm – bei  der Formel E wird das Realität

Mit 180 durch die Stadt der Liebe fahren und das ohne Lärm – bei der Formel E wird das Realität

Doch nicht nur Anrainer können sich das Spektakel kostenlos anschauen, denn wenn man auf einen Sitzplatz auf den Tribünen verzichtet, zahlt man nichts – und sieht trotzdem genug. Das Starterfeld ist französisch geprägt, neben Renault und DS ­ist auch Venturi am Start, dazu kom­men unter anderem Jaguar, Abt-Schaeffler (nächstes Jahr „Audi“) und Mahindra.

Generell scheint die Formel E den Zuschauern viel näher als die große Schwester Formel I. Am Renntag in der Box vorbeischauen? Kein Problem. Vom Lieblingsfahrer ein Autogramm ergattern? Gerne, aber nach dem Stint. Das Rennen aktiv beeinflussen? Geht ganz einfach: dank dem so genannten „Fanboost“, der den Zuschauern erlaubt, dem Lieblingsfahrer durch ein Voting in den Sozialen Medien ein paar „Extra-PS“ zu spen­dieren.

Das alles klingt nicht nur nach einem Videospiel, es fühlt sich auch so ähnlich an. Laut den Machern der Formel E setzt man dabei ganz bewusst auf den Spaßfaktor, den die ganz spezielle Klangkulisse, die futuristische Optik der Rennautos, die Umgebungs-Kulisse und zuletzt auch die Interaktion mit den Fans verstärken. Sie wollen mit der erst 2015 gegründeten Rennserie nicht nur den Motorsport verändern, sondern vor allem zeigen, dass Elektromobilität auch Spaß machen kann. Dabei ist es egal, ob man mit Teamchefs, Fahrern oder Funktio­nären spricht – jeder klingt authentisch und glaubhaft.

Dafür spricht auch das Rahmenprogramm im sogenannten E-Village. Hier können sich die Zuschauer die Zeit bis zur nächsten Renn-Action vertreiben. Vom fahrradbetriebenen Handyladegerät über Formel E-Simulatoren bis zu Konzeptfahrzeugen kann man hier alles sehen und benutzen, was elektrisch, umweltfreundlich und zukunftsweisend ist.

Kein Kuschelkurs: Die Fahrer bei der Formel E gehen ans Limit – und manchmal auch darüber hinaus

Kein Kuschelkurs: Die Fahrer bei der Formel E gehen ans Limit – und manchmal auch darüber hinaus

Und was ist jetzt mit dem bei Motorsport-Fans so verrufenen Sound der Elektro-Renner? Alain Prost, vierfacher Formel I-Weltmeister: „Uns war es damals auch egal, ob wir mit V8-, V10- oder V12-Motoren gefahren sind. Wir waren offen für neue Technologien, und so sollte es auch heute sein. Der Trend geht immer mehr in Richtung E-Mobilität. Das muss sich auch in einer Rennserie zeigen.“

Allen Vorbehalten zum Trotz: Diese Rennserie hat es in sich. Denn egal wie viel die Teams miteinander verbindet, auf der Strecke schenkt man sich nichts. Die Fahrer pushen, als gäbe es keinen Morgen, und man merkt als Fan sofort, wer ans Limit geht. Durch den verhaltenen Sound der Rennautos werden nämlich ganz andere Dinge hörbar. Das Quietschen der Reifen, die Reaktionen des Publikums und nicht zuletzt der eigene Herzschlag, wenn es auf der Strecke einmal enger als erwartet wird.

Somit kann der elektrische Motorsport ebenso emotional sein wie der konventionelle. Er reißt die Fans mit und gibt dabei ein Bewusstsein für eine zukünftige Mobilität. An der Zukunft der Formel E selbst wird natürlich auch getüftelt. So sollen etwa die störenden Fahrzeugwechsel ab 2019 wegfallen – die bessere Akkukapazität macht’s möglich. Dazu gelten weitere Rennen in Rom und Zürich als gesetzt. Laut Veranstalter existieren auch Pläne für einen Wien-Event.

Renault-Motorsportchef Cyril Abiteboul im Interview

#K1ALLES AUTO: Viele Racing-Fans meinen, die Formel E ist uninteressant und kein richtiger Motorsport, weil das Motorengeräusch fehlt.

Cyril Abiteboul: Es ist richtiger Rennsport, denn Rennen definieren sich durch einen Wettbewerb, und dieser ist ein richtig harter. Es ist pures Racing. Und Motorsport hängt ja nicht zwingend von der Technologie ab.

ALLES AUTO: Was ist der größte Profit, den Renault aus der Formel E ziehen kann?

Abiteboul: Momentan ist Renault Marktführer bei Elektrofahrzeugen, und die Formel E zeigt, dass diese auch wirklich Spaß machen können. Mit bisher drei Titelgewinnen können wir unser Know-how in der Elektromobilität weiter unter Beweis stellen.

ALLES AUTO: Sie sagten vor kurzem, Sie befürchten, dass sich die Formel E und die Formel I angleichen könnten. Was wäre demnach der nächste Schritt in der Formel E?

Abiteboul: Es wird wichtiger, dass die Teams mehr zusammenarbeiten und das große Alleinstellungsmerkmal, nämlich den E-Antrieb, noch stärker kommunizieren.

Sei der Erste der abstimmt.

Kommentar abgeben