Für alle Fälle fehlerlos

28. Juni 2019
990 Views
Aktuelles

Fotos: ATTUALFOTO, Archiv

Martin Maier, sprachgenialer Sportchef des „Kurier“ in den siebziger Jahren (Bild unten), schrieb seine Kolumnen zu bedeutenden Sportereignissen, die am Wochenende stattfanden, schon am Freitag vorher, bevor er sich in sein Wochenendhaus nach Neulengbach zurückzog. Am Sonntag wollte er sich die Hektik in der Redaktion nicht antun, und E-Mails oder ähnliche elektronische Hilfsmittel gab es noch nicht.

Die Schwierigkeit war nur: Niemand wusste, wie ein Match ausgehen und wer nach dem Grand Prix auf dem Siegerstockerl stehen würde. Und ob nicht vielleicht ein schwerer Unfall passiert. Also verfasste MM (so unterzeichnete er seine Glossen) vor einem Formel 1-Rennen vier Versionen: normaler Rennunfall, Feuerunfall, dazu eine spezielle Variante, wenn der Pilot im Cockpit verbrennt (Katastrophen in der Formel 1 kamen damals häufig vor) – und die harmlose Ausführung, wenn das Rennen unfallfrei verlaufen sollte.

Als diensthabender Sonntagsredakteur durfte ich Maiers Vorabtexte betreuen, es war ein Vertrauensbeweis meines Chefs, eine Verwechslung der verschiedenen Manuskripte wäre überaus peinlich gewesen – für den „Kurier“, für Martin Maier und für mich natürlich auch, weil es wohl meine sofortige Kündigung bedeutet hätte.

Der Grand Prix in Monza 1975 verlief unfallfrei. Niki Lauda stand vor seinem ersten WM-Titel, es fehlte ihm nur noch ein Punkt. Martin Maier hatte mir schon am Freitag vor dem Grand Prix seine Glosse, Version fünf, überreicht. In doppelter Bedeutung des Wortes eine „Laudatio“, die ich natürlich nur bringen durfte, wenn Niki den Titel gewinnen sollte. Andernfalls wäre am Montag eine andere Maier-Kolumne im „Kurier“ erschienen (Standard-Varianten Unfall, Feuerunfall usw., siehe oben).

Lauda wurde Dritter und war tatsächlich Weltmeister. Die vorbereitete Glosse erschien am Montag, dem 8. September 1975 im „Kurier“, gezeichnet mit MM:

„Niki ist Weltmeister, und er ist’s aus eigener Kraft und eigenem Geist geworden. Das sollten wir bedenken, wenn wir gar zu laut Vivat schreien und so tun, als gehörte uns Lauda, wie uns ein Gartenzwerg gehört. Hat er Purzelbäume geschlagen vor Glück? Hat er sich wie Tarzan auf die Brust getrommelt? Er war ein stiller Weltmeister. Wahre Größe ist nie laut.“

Als Manuskriptverwalter Martin Maiers hatte ich Wochenende für Wochenende keine andere Aufgabe, als darauf zu achten, dass immer die richtige Fassung seiner unzähligen, für jedes Ereignis ausgerichteten Vorabtexte im Blatt erscheint. Anderes hatte ich nicht zu tun: Denn nie unterlief ihm auch nur ein Rechtschreib-, Grammatik- oder Tippfehler, und das zehn Jahre hindurch, solange ich an seiner Seite (un)tätig war – davon träume ich noch heute.

Heitere Geschichten von Günther Effenberger und Ausschnitte aus seinen Aufführungen mit Kammerschauspieler Franz Robert Wagner finden Sie auch unter www.buch-effenberger.at

Kommentar abgeben