Glavitzas Gschichtln – Alles Verrückte

Glavitzas Gschichtln – Alles Verrückte

21. Januar 2022
2.248 Views
Feature

Man sagt, Genie und Wahnsinn lägen dicht nebeneinander. Vor über fünfzig Jahren hatte ich mir darüber nicht wirklich den Kopf zerbrochen. Auch nicht, als mich im Sommer Film-Milliardär Harry Saltzman ­fragte, ob ich in der Lage sei, ein 007-gerechtes Auto-Gemetzel auf einer vereisten Sumpfwiese am Fuße der Eiger-Nordwand zu organisieren. »Klar«, war meine Antwort – wahrscheinlich hatte mir der Schlag eines Bahnschrankens unweit von Targu Mures (Rumänien) auf meinen Schädel ein paar Wochen davor nicht gutgetan – denn ich hatte von Filmarbeiten, Eisrennen und Stuntszenen nicht die Spur einer Ahnung.

Da mir Saltzman vertraute und seinen ­Segen gab, mobi­lisierte ich eine Horde Freunde und bat sie um Mitarbeit. Freunde, ist ein bissl übertrieben, denn der oberste Boss von Ford International, Walter Hayes, war sicher nicht mein Freund, ich hatte ihn jedoch von meinen Plänen so weit ­überzeugt, dass er mir mehr als zwanzig Ford Escort fürs Bond-Gemetzel „schenkte“. Doch die Jungs (wir waren damals alle so Mitte Zwanzig) von Avon und Scarson Spikes waren schon meine Freunde und halfen mir ohne zu zögern mit wertvollem Material.

Kritisch wurde es im Moment der Wahrheit im Jänner 1969, ­nämlich da, als ich mit meiner Bande und den Ford Escort zur perfekt präparierten Eisrennbahn kam und eine strenge Gruppe Filmleute hinter den Holzbanden zweifelte, ob die ­Autos auf dem Eis nicht nur blöd da­hinschleichen würden. Wir tauschten die ­Straßenreifen gegen die mit je 1500 Spikes bestückten Avon-Pneus und rollten unter kritischen Blicken auf die Bahn. Ich hatte mit meinen Jungs vereinbart, erst nach zwei Runden einfahren ordentlich loszu­legen. Also schlichen wir ausgefächert zwei Runden herum – die Zuschauer schüttelten schon vor Enttäuschung die Köpfe –, schließlich hupte ich kurz, das ­Signal für » Lasstsas ­tuschen, Burschen! « – dann fetzten wir los wie die fünfte Kavallerie von John Wayne.

Der gestrenge „Oberfeldwebel“ Hubert Fröhlich wagte sich nicht einmal zur Bahn, denn wäre was schiefgegangen, hätte ihn Saltzman faschiert. Er wartete ungeduldig und kettenrauchend oben in Mürren auf den entweder alles vernichtenden oder ­rettenden Anruf. Nachdem wir eine halbe Stunde wie die völlig von Gott verlassenen Irren um den Kurs gedriftet waren und die Zuschauer mit Eissplittern und Staub zugedeckt hatten, rannte Huberts ­Assistent zum Telefon und brüllte: »Das sind total Verrückte – das Ganze ist völlig ­irre!« Hubert und ich waren gerettet.

Foto: Archiv Glavitza

Kommentar abgeben