Dietrich Mateschitz

Glavitzas Gschichtln – Von der Schulzeit eingeholt

2. Februar 2023
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Es muss so gegen Ende der Achtziger gewesen sein, als ­Kawasaki bei mir anfragte, ob ich neben Motorrädern auch Jetski, also quasi Wasser-Motorräder, importieren wolle – damals eine absolute Novität in Österreich. Der Behörden-Gaul wieherte ordentlich: Ja, aber die Gefährte wären Motorboote und müssten einen schweren Eisenanker und einen zwei Meter langen Bootshaken mitführen – damit war die Sache unter grölendem Gelächter gestorben. Ich entschloss mich ­dennoch, eine Demo-Party im Hafen von Strobl am Wolfgangsee zu organisieren. Der Pächter quittierte den Behörden-Gaul mit: »Jo, kchloa, kimmts – hamma a Gaudi!« Wir kamen und ­hatten eine Gaudi!

Während der Sohn eines Villacher Nachtclubbesitzers und ­Jetski-Profi wilde Balanceakte vollführte, lustwandelte ich ge­dankenverloren entlang einer Allee, als mir ein großgewach­sener Mann, nicht mehr ganz jung (ich war’s damals aber auch nicht mehr) entgegenkam, seinen Arm um eine hübsche Dame gelegt. Nach anfänglichem nebulosen Blickkontakt blieben ­meine Augen „kleben“ – schließlich starrten wir einander an, in den Erinnerungszentren meines Hirns tobte Funkengewitter: ­Irgendwie kenn’ ich den… Inzwischen grinste mein Gegenüber und rief: „Glatze!“ Oh Gott – im Brucker Gymnasium war das mein Spitzname! Und dann lichtete sich der Nebel in meinem Kopf: Das ist doch der Dietrich („Didi” nannte ihn in der Schule niemand) – klar, der Mateschitz aus St. Marein, früher ebenfalls meine Zwergengröße, jetzt mit respektablen 1,85 mir doch ein wenig über den Kopf gewachsen.

Nun begann genau das, was ich bei Begegnungen aus der Schulzeit immer und unter allen Umständen vermeiden wollte: Er er­zählte vor seiner Freundin „wie ich damals war“. Damals? Eine ­Epoche meines Lebens, an die ich nur ungern erinnert werden wollte. Da gab es „Tschwusch’ln“ (zu Deutsch: Steinschleudern), Stoppelrevolver, Knallfrösche, Knallerbsen – jede Menge sogenannte „Schul-Haft“ bis mehrstündige Karzer wegen einer blutigen Schlägerei, ewige Vierer-Noten in Betragen – und naturgemäß nie enden wollende Tränenströme meiner schwer mit mir gestraften Mutter bei Elternsprechtagen.

In die Jahre gekommen, war ich stets bestrebt, diese Zeit aus meinem Gedächtnis zu löschen – umso mehr, als ich später mein Wissenschaftstheorie-Studium an der Wiener Universität mit Auszeichnung absolviert hatte. Doch Dietrich war nun nicht mehr zu bremsen – seine hübsche Begleiterin muss gedacht ­haben, entweder „Billy the Kid“ oder den Räuberhauptmann Grassl vor sich zu haben. Immerhin hat sie mir zum Abschied, wenn auch zögernd, die Hand gereicht.

Schnitt: Jahrtausendwende, ich arbeitete an einem „Junior ­Racing College“ und kontaktierte meine Freunde und Bekannten, die irgendwie mit der Formel 1 zu tun hatten, ob sie Lust hätten, als Konsulenten an diesem Projekt mitzuarbeiten. Das waren naturgemäß mein Spezi Gerold Pankl jun. (Pankl Precision Technology), Gustav Brunner (March) und eben Mateschitz (damals mit Red Bull Hauptsponsor von Sauber). Brunner und Gerold sagten sofort begeistert zu, Dietrich war gerade im Ausland. Ich war eben von einer längeren Japanreise zurückgekommen, als plötzlich meine jüngste Tochter Freda mit todernstem Gesicht im Türrahmen meines Zimmers stand: »Vati, du hast mir doch von deiner Schulzeit im Gymnasium in Bruck erzählt…«.

Ich wandte mich ihr zu und wollte schon Luft holen, um eine einführende Vorlesung über meine vorzügliche Disziplin als Voraussetzung meiner späteren beruflichen Erfolge zu halten, als sie mich mit einer knappen Handbewegung im Ansatz stoppte: »Ein früherer Klassenfreund – ich glaub’ Dietrich oder so, der auch noch das Unglück hatte, neben dir zu sitzen, hat ange­rufen. Und als ich ihm sagte, du wärst unterwegs, hat er gefragt, ob ich wüsste, wie du in der Schule warst. Und dann hat er eine halbe Stunde lang…«. Meine pädagogischen Bemühungen waren beim Teufel!