Kartellverdacht: Was ist bei den deutschen Autobauern los?

26. Juli 2017
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Aktuelles

Es scheint, als ob der Dieselskandal nicht der größte Eklat der Autobranche ist. Nach einer Durchsuchung bei einem Zulieferer wegen Verdachts illegaler Absprachen beim Stahleinkauf und einer Selbstanzeige von Daimler, die die Schwaben vor Strafen in Milliardenhöhe retten könnte, kommt ein mutmaßliches Kartell im deutschen Automobilbau ans Licht. Beteiligt sind vermutlich der eh schon gebeutelte VW-Konzern mit Volkswagen, Audi und Porsche, BMW und eben Daimler. Letztere kamen VW mit der Anzeige im Übrigen zuvor. Der Grund für den “Run” zur Selbstbeschuldigung ist die Kronzeugenregelung, die Daimler jetzt reduzierte Strafe oder eine Aufhebung dieser beschert. Volkswagen kann, sollten deren Beweismittel einen erheblichen Mehrwert zur Untersuchung darstellen, im besten Falle auf ein halbiertes Strafmaß hoffen.

Grundsätzlich geht es in der ganzen Geschichte um verbotene Absprachen, also Kartelle, die sämtliche genannten Hersteller untereinander getroffen haben sollen. Diese Absprachen umfassen neben Lieferanten und Kostenfaktoren auch technische Details. Diese Wettbewerbsverzerrung könnte die größte der deutschen Wirtschaftsgeschichte sein und Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe zufolge haben. Nebenbei ist es der zweite Dämpfer für das Image der deutschen Autobauer nach dem Dieselskandal. Zur Erinnerung: dabei entwickelten die deutschen Autobauer gemeinsam ein System, welches die strengen Umweltauflagen erfüllen soll. Mercedes erfand als Lösung dieser Thematik das Harnstoff-Wasser-Additiv AdBlue. Das reduziert den Stickstoffausstoß bei Dieselmotoren. Problem dabei: bei einer normalen Tankgröße muss der Zusatz alle 6000 Kilometer nachgetankt werden – zu viel Aufwand und unzumutbar laut den Herstellern. Größere Tanks kosten aber auch mehr Geld. So programmierte Volkswagen eine Software, die erkennt, ob das Auto auf einem Prüfstand steht und dann mehr AdBlue einspritzt. Im Normalbetrieb wird dafür zu wenig von dem Zusatz beigemengt. BMW dementiert jedes Mitwirken an der Abgasmanipulation.

Ermittelt wird vom Kartellamt, aber auch von der EU-Kommission und der Staatsanwaltschaft. Neben den vermutlich horrenden Strafen drohen auch Klagen vergraulter Käufer, die demnach erhöhte Preise bezahlt haben. Man darf gespannt sein, was da noch so ans Tageslicht kommt.

3 Kommentare

  1. Ganz drollig wie sich darüber gerade die Medien entrüsten – so wie auch hier:
    http://www.ingenieur.de/Branchen/Fahrzeugbau/Autokartell-Wie

    Und jetzt einmal so eine Frage in den Raum gestellt:
    Selbst wenn die Hersteller, denen diese Absprache und Schlimmeres nachgewiesen werden kann, Strafen in Millionenhöhe zahlen und sie das wirklich empfindlich treffen sollte, wird was genau passieren?!
    Wenn ein Konzern zu wenig Rendite auszuwerfen droht, werden halt einfach einige Werke geschlossen, X Mitarbeiter entlassen, die Preise für Neuwägen angehoben und passt schon.
    Der Kunde darf dann auf einen bestellten Neuwagen 1 Jahr oder auch länger warten – egal welche Marke – oder sich mit “Lagerfahrzeugen” und Vorjahrsmodellen begnügen, die man sonst billiger hätte verkaufen müssen (siehe derzeitige Situation bei SEAT und SKODA, worauf VW mit “Fahren statt warten” regiert und somit deren “Auslaufmodelle” auch ohne Rabatt an den Mann/Frau bekommt… ), aufgrund der Nachfrage und Lieferzeit aber weg gehen, wie warme Semmeln (es soll Autofahrer geben, deren Leasingvertrag nicht weiter verlängerbar ist und die halt *gleich* ein Auto brauchen oder deren Schüssel es gerade noch bis zum Händler geschafft hat, um dort die Patschen zu strecken und die dann auch sofort ein Auto brauchen).
    Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als würde der eine oder andere Hersteller verlieren – er richtet es sich schon, damit er unterm Strich doch gewinnt… verlieren tun nur wir Konsumenten.

  2. Was mit der deutschen Autoindustrie los ist? Ganz einfach: Die Hersteller waren sehr erfolgreich und haben dadurch gemeint Sie seien sakrosankt. Dazu kommt noch die deutsche Politik. So hat etwa Frau Merkel sich in der EU immer wieder für die deutschen Hersteller stark gemacht. Hinzu kommt noch, dass die Politik die Hersteller nicht ausreichend kontrolliert hat sonst wären etwa die Diesel-Malversationen schon viel früher ans Licht gekommen. Wie sagt Dudenhöffer so treffend: Die deutsche Politik wollte den Diesel schützen und hat genau das Gegenteil erreicht.

  3. Drollig wie jetzt alle entsetzt sind – so als hätte das vorher keiner gewusst…

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