Lotus Exige Roadster

20. November 2013
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Tests

FAHRZEUGDATEN

Marke:Lotus
Klasse:Cabrio/Roadster
Antrieb:Hinterrad
Treibstoff:Benzin
Leistung:350 PS
Testverbrauch:10,1 l/100km
Modelljahr:2013
Grundpreis:82.670 Euro

Englische Luftfahrt: Der Exige Roadster erfüllt offene Wünsche, dazu bleiben Leistung und Performance gleich hoch wie beim Coupé

Seit der Sonntagmorgen den einspurigen Dentisten und Advokaten im dritten Frühling gehört, die in Fransenleder-Jacken ihren Wink-Reflex ausleben, braucht es ernsthafte Alternativen für würdige Freizeitbeschäftigungen an der frischen Luft. Lotus offeriert dafür seit jeher gute Ware und legt gerade bei seinen Open-Air-Versionen gern noch ein Schäuferl an Raffinesse nach. Schon der erste von Colin Chapman konstruierte Lotus war offen, und very britischerweise verpflichtet so eine Tradition eben. Der herbe Do-it-yourself-Charme der frühen Jahre ist längst handwerklicher und technischer Perfektion gewichen – Lotus baut Vollblut-Sportwagen reinsten Wassers. Andere sehen die eigenen Produkte gern ebenfalls in dieser Kategorie, aber: Nicht alles, was ein stark motorisertes Coupé oder Cabrio ist, ist deswegen auch schon ein Sportwagen.
Der Exige ist unzweifelhaft einer und folgt auch als Roadster den scharfen Konturen des Coupés, ohne es deswegen mit der Aggression zu übertreiben – und so ganz nebenbei widerlegt er auch noch die Regel, wonach Mittelmotor-Cabrios proportions-bedingt eigentlich immer ein bisserl hatschert ausschauen.
Das Stoffdach ist eher ein Dacherl, und nein, es verschwindet nicht auf Knopfdruck in Sekundenschnelle elektrisch irgendwo. Solch Spielerei kostet erstens Geld, und zweitens, viel schlimmer, schlägt sie sich aufs Gewicht. Zu dessen Gunsten bringt der Exige-Fahrer die Muße auf, die Verriegelungen an beiden Seiten händisch zu lösen, das Stoff-Hauberl zusammenzurollen und gemeinsam mit den Spriegeln im dafür gerade wohldimensionierten Kofferraum zu verstauen. Dem Ganzen haftet einerseits die Ernsthaftigkeit einer liturgischen Handlung an, und anderseits ist es auch schon viel cooler als die x-te Dach-Automatik-Show.

Was hier nicht an Bord ist, braucht ein echter Sportwagen nicht. Navi? Unnötig – wer will mit einem Lotus schon den kürzesten Weg nehmen?

Das Betreten des Exige Roadsters beginnt je nach Übung mit einem mehr oder weniger ansehnlichen Spagat – der mächtige Seitenschweller ist eine Herausforderung für Lotus-Neulinge und Menschen mit kurzen Beinen. Zu zweit ist es drinnen recht kuschelig, Fahrer und Passagier sollten einander gut kennen – oder werden es zumindest nachher. Allgegenwärtig ist die Anmutung von solider Handarbeit, von den massiven Alu-Scharnieren der Türen bis zu den gelederten Griffschalen, dazu praktische Lösungen und kein unnötiger Firlefanz. Dafür Sportsitze vom Feinsten in Sachen Seitenhalt und Passform, klare Instrumentierung, Pedalerie und Schaltung ergonomisch perfekt platziert.
Davon abgesehen kann auch niemand Lotus den Vorwurf machen, man würde die Zeichen der Zeit ignorieren: Gummi-Halterungen bewahren Mobiltelefone vor der Heimtücke plötzlich einsetzender Fliehkräfte, und sogar ein ausziehbarer Getränkehalter ist an Bord. Allerdings: Wer sich im Exige mit dem Konsum von Softdrinks aufhält, widmet dem Briten-Roadster nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient.
Der Tradition des eigenwilligen Firmengründers verpflichtet, folgt Lotus nicht unbedingt den Regeln des Mitbewerbs. Der weit verbreiteten Logik, wonach die Oben-ohne-Version etwas weniger Schmalz haben muss als die geschlossene, schließt sich Lotus etwa glücklicherweise nicht an – bei gleicher Motorleistung wurde ein wenig an der Fahrwerks-Geometrie gefeilt, angeblich ein Schritt Richtung Komfort. Wollen wir das als Beispiel für britischen Humor werten. Gut sitzende Plomben sind sicher auch nachher noch drin, und wenn nicht, war´s der Ritt allemal wert. Hinter dem Cockpit werkt solide V6-Hardware von Toyota, die dank Kompressor und hauseigener Lotus-Programmierung entsprechend Druck macht – und dazu das Ohr akustisch verwöhnt.
Wenn sich auf ein perfekt abgestimmtes Fahrwerk gepackte 350 PS und 400 Newtonmeter an nur 1166 Kilo Fahrzeuggewicht vergreifen, ist das Ergebnis absehbar – wie leicht und unhysterisch das Ganze dennoch zu handhaben ist, überrascht allerdings. In vier Sekunden sind die Hundert erreicht, da hinkt etwa ein aktueller Carrera fast eine satte Sekunde hinterher. Gute Bremsen haben mit so einem Leichtgewichts-Sportler naturgemäß wenig Mühe, die des Exige verdienen aber eine Extra-Erwähnung für besondere Leistung: Ohne das geringste Blockieren oder einem merkbaren Eingriff der Elektronik ist die Verzögerung bei einer Vollbremsung so brachial, das selbst geübte Fahrer mit dem Runtersortieren der Gänge kaum nachkommen.

Der Roadster zeigt etwas mehr Bürzel als das Coupé – der edlen Linie schadet das nicht, dem Anpressdruck hilft es dagegen sehr

Ob beschleunigt oder verzögert, im offenen Cockpit selbst kommt relativ wenig Wind an, die Luftströme finden andere Wege entlang der Karosserie. Der Standard-Fahrmodus ist Tour“, und wer irgendwann den Eindruck hat, damit unterfordert zu sein, dem hebt „Sport“ die Höchst-Drehzahl auf 7200, schärft das Ansprechverhalten und nimmt die Regel-Elektronik an die kurze Leine. Erst einmal fühlt sich das an, als hätte jemand zwei Zylinder dazugeschaltet und zugleich den Boden etwas rutschiger gemacht, tatsächlich bleibt aber alles im beherrschbaren Bereich. Wer sich den weiteren Einstellungen „Race“ und „Off“ entgegenarbeiten will, braucht Platz, Zeit und sämtliche Dorf-Gendarmen als beste Freunde.
Die vielgelobte Alltagstauglichkeit mögen andere dem Exige Roadster voraus haben, allerdings braucht die ein Sportwagen so viel wie ein Schnitzel Saft. Diese komprimierte Lotus-DNA hat dank als Ökoabgaben getarnter Neid-Steuern hierzulande mit etwa 82.700 Euro einen stolzen Preis, allerdings ist es derselbe wie für den Exige S mit verlötetem Dach. Auch der verbreiteten Unart, dass ein Cabrio prinzipiell teurer sein muss als die jeweilige Coupé-Version, schließt sich Lotus erfrischenderweise nicht an.

Es mag Autos mit Handschuhfächern geben, die größer sind als dieser Kofferraum – wir würden trotzdem den hier nehmen

[ i]TECHNIK:[ /i]
V6, 24V, Kompressor, 3456 ccm, 350 PS (258 kW) bei 7000/min, max. Drehmoment 400 Nm bei 4500/min, Sechsgang-Getriebe, Heckantrieb, Scheibenbremsen v/h (bel.), L/B/H 4067/1802/1129 mm, Radstand 2370 mm, 2 Sitze, Reifendimension 205/45 R 17 (v), 265/35 R 18 (h), Leergewicht 1166 kg, 0-100 km/h 4,0 sec, Spitze 233 km/h, Normverbrauch (Stadt/außerorts/Mix) 14,5/7,6/10,1 l ROZ 95, CO2 236 g/km

Basis-Preis: EUR 82.670,-

Fotos: Robert May „

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