Massive Preiserhöhungen bei AdBlue

15. März 2022
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Aktuelles

Vorab ein kurzer ­„Booster“ zur Auffrischung der Er­­innerung: Der SCR-Ka­­talysator („Selective Catalytic Reduction“) ist bei Dieselmotoren – egal, ob Pkw oder Lkw – der aktuelle Stand der Technik zur Reduktion von Stickoxiden. Dabei wird AdBlue, bestehend zu 32,5 Prozent aus Harnstoff und 67,5 Prozent aus destilliertem Wasser, aus einem Zusatztank in den Abgasstrang eingespritzt, was das NOx in Gegenwart von Sauerstoff zu Stick­stoff umwandelt, das bringt eine Senkung der Emissionen um bis zu 95 Prozent.

Im Zuge des aktuellen Wirtschaftsbooms stiegen jedoch sämtliche Rohstoffpreise, auch Erdgas ist im Moment sehr teuer. Da das Gas für die Herstellung der Harnstoff-Basis Ammoniak nötig ist, kletterten die AdBlue-Preise im Lauf des heurigen Jahres auf das Drei- bis Vierfache. Einige Produzenten (Harnstoff kommt übrigens auch in der Landwirtschaft zum Einsatz, in Österreich ist die Verwendung dafür allerdings nicht üblich) drosseln deshalb bereits ihre Kapazitäten, um wirtschaftlich zu bleiben – was allerdings die Preisspirale weiter anheizt.

Der international tätige Spediteur Fritz Müller weiß zu berichten, dass der größte slowakische AdBlue-Produzent die Produktion aus Kostengründen vorläufig eingestellt hatte, auf Druck seiner Regierung nun jedoch weiterproduziert – allerdings nur für die Slowakei. Die Lage ist also preislich wie lieferungstechnisch angespannt und droht sich künftig weiter zu verschärfen. Der unselige Krieg in der Ukraine hat hierfür produktionstechnisch kaum Bedeutung, kann indirekt aber für weitere Preissteigerungen sorgen.

Bloß keine Tricks versuchen

Wer jetzt überlegt, auf welche illegalen Arten er das AdBlue-Problem für sich lösen könnte, sollte gedanklich gleich wieder den Rückwärtsgang einlegen. Einfach ohne den Harnstoff-Zusatz weiterzufahren, spielt es schon mal nicht. Technisch wäre das kein Problem, weil es aber ungesetzlich ist, stellt die Elektronik den Betrieb des Motors ein. Wenn auch nicht plötzlich und unerwartet: Ab einer AdBlue-Restreichweite von circa 3000 Kilometern wird mit zunehmender Eindringlichkeit gewarnt. Bei schließlich komplett leerem Zusatztank fährt das ­Auto noch so lange, bis man den Motor abstellt, danach ist ein Neustart ohne Nachfüllen nicht mehr möglich.

Ebenfalls keine gute Idee: Statt AdBlue destilliertes Wasser in den SCR-Tank zu füllen. In diesem Fall erkennt die Elektronik nämlich „mindere Qualität“ und geht in den stark leistungsreduzierten Notbetrieb über oder verhindert den Motorstart sofort. Dann geht nichts mehr, außer dem Abschleppen in Richtung Werkstatt, wo AdBlue-Tank, Dosiereinheit und Zuleitungen kostenintensiv durchgespült werden müssen.

Auch der Begriff „AdBlue-Emulatoren“ geistert immer wieder durch diverse Internet-Foren. Dabei handelt es sich um elektronische Geräte, die ans Steuergerät angeschlossen werden und der Elektronik einen soliden AdBlue-Füllstand vorgaukeln, obwohl der SCR-Tank längst leer ist. Die oft zwischen 50 und 100 Euro angebotenen Geräte für Pkw und Lkw liegen in Sachen Wirksamkeit auf dem Niveau eines „todsicheren“ Marderschrecks oder eines Kraftstoff-Additivs, das „den Verbrauch um 30 Prozent senkt“ – sind ­also un­­brauchbar.

Gute Geräte kosten laut Fritz Müller um die 2000 Euro, aber: „Selbst beim aktuell hohen AdBlue-Preis und einer Lkw-Fahrleistung von 150.000 Kilometern im Jahr würde sich so ein Ding erst nach zwei Jahren rechnen, bei einem Pkw also praktisch nie. Ganz abgesehen davon, dass man illegal unterwegs ist und ein Umweltschwein dazu. Also: Finger weg!“

AdBlue-Vorrat anlegen?

Wer zu Beginn der Corona-Pandemie massenhaft Klopapier ­gekauft hat und nun meint, er könne dies beim AdBlue ge­nauso halten, sei gewarnt: Der Harnstoff hat ein Ablaufdatum, weil er sich im Lauf der Zeit zu seinem Grundstoff Ammoniak rückzersetzt. AdBlue, das älter ist als rund zwei Jahre, kann demnach wie sämtliche anderen untauglichen Flüssigkeiten von der Fahrzeug-Elektronik als minderwertig erkannt und mit erwähnter Motorstart-Verweigerung bestraft werden. Vor dem Hamsterkauf also besser noch einmal innehalten und nicht mehr als einen Zweijahres-Vorrat erwerben. Die nötige Menge ergibt sich aus den gefahrenen Kilometern und dem individuellen AdBlue-Konsum.

ÖAMTC-Techniker Andrej Prosenc: „Der AdBlue-Verbrauch liegt bei etwa drei bis fünf Prozent des Kraftstoffverbrauchs. Für Vielfahrer kann sich möglicherweise ein AdBlue-Vorrat rentieren. Allein die derzeit hohen Preise sind jedoch kein guter Grund, den Zusatzstoff lange zu Hause zu lagern. Hier stehen die Einsatzmengen im Pkw und der notwendige Aufwand der Lagerung nicht immer in einem sinnvollen Verhältnis.“ Zum Lagern des ungefährlichen Stoffes sind jedenfalls Temperaturen zwischen null und plus 20 Grad ideal, Keller oder Garage bieten sich deshalb dafür an.

Sinnvoll sparen

Der Kauf von AdBlue-Kanistern ist allerdings teurer und weniger umweltfreundlich als das Auffüllen des Zusatzes an speziellen Zapfsäulen (solche gibt es nicht an jeder Tankstelle, ihre Standorte sind im Internet aber leicht auffindbar). Diese Zapfsäulen wurden zwar speziell für Lkw und Busse aufgestellt, es ist aber technisch möglich und auch erlaubt, seinen Pkw dort zu befüllen. Dabei handelt es sich um die mit Abstand kostengünstigste Möglichkeit, Harnstoff nachzukaufen (circa 1,25 Euro/Liter). Da die meisten Pkw-Zusatztanks um die 20 Liter fassen, lohnt ein Blick in den Bordcomputer: Bei eher niedrigem AdBlue-Stand ist Zapfen also eine sinnvolle Alternative zum Kanister-Kauf.

Wem die Zapfsäule dennoch unsympathisch ist, der kauft ­AdBlue-Kanister besser nicht an der Tankstelle, sondern im Baumarkt oder via Internet nach gründlichem Preisvergleich. Am bequemsten für Wenigfahrer ist es natürlich, den SCR-Tank einmal jährlich im Zuge des Service­termins anfüllen zu lassen. Wenig überraschend ist das aber auch die teuerste Variante, weil oft Apothekerpreise für den guten Stoff verlangt werden, und die Arbeitszeit auch noch zu bezahlen ist. Sparfüchse füllen den AdBlue-Tank (und nebenbei auch den Scheibenwischwasser-Behälter) daher grundsätzlich vor dem Service voll.

Foto: Total

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