Mercedes 190 E 2,3-16 – Nikis Sternstunde

23. Mai 2019
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Aktuelles

Niki Lauda als sportliche Führungskraft bei Mercedes, das war so normal wie Her­bert Prohaska als grammatikalisch sattellockerer Analytiker im ORF-Sportstudio. Als Schneckerl gerade von Inter Mailand zum AS Roma wechselt, startet die Karrie­re des Mer­cedes 190: Der Baby-Benz de­bü­tier­t 1982 mit wenig Chrom und viel Plastik, den­noch wird der W201 in mehr als zehn Jahren Bauzeit ein großer Erfolg – obwohl er im Ge­gensatz zum Erz­riva­len BMW 3er nie als Zweitürer, Kombi oder Cabrio auftritt, son­dern immer nur im braven Limou­sinen-Outfit. Dafür wird bereits ein Jahr nach der Pre­miere eine heiße Sport-Vari­ante nachgereicht: der 2,3-16, erster Vierventiler des Hau­ses, so teuer wie die bil­ligste S-Klasse mit Einspritzer, den Zylinderkopf von Cos­worth aus Eng­land, sport­liche Anbauteile rundum, am Kofferraumdeckel in einem Heckspoiler eskalier­end – was für ein Schock für die konservativen Gralshüter der Ster­nen-Marke!

Der internationalen Motor­presse wird der Mercedes 190 E 2,3-16 Anfang Mai 1984 am Nürburgring vorgestellt, einem ge­schichts­träch­tigen Ort für die Stuttgarter: Das erste Rennen hier gewann 1927 Rudolf Caracciola – auf einem Mercedes SSK. Doch mit der Mordschleife hat­ der neue Grand Prix-Kurs nichts mehr gemein, er zeigt sich auf 4,5 Kilometer ver­kürzt und vor allem entschärft. Es war übrigens einer der Leidtragenden der alten Stre­cke, der am Sicherheits­kon­zept des neuen Rings mitgewirkt hat: Niki Lauda. In der von Hassliebe geprägten Be­ziehung des rotweißroten Aushängeschilds mit dem Nürburgring ist also ein neues Ka­pitel aufge­schlagen – und ein weiteres kommt wenig später dazu. Am 12. Mai 1984 wird die neue Rennstrecke eröffnet, zu diesem Zweck veran­staltet Mer­cedes mit 20 technisch iden­tischen 190 E 2,3-16 ein bis heute einzigarti­ges Schau­rennen.

Das personelle Starterfeld dazu hat es wirklich in sich, Daimler konnte das Who-is-who der Vollgas-Branche verpflichten, allesamt frühere Nürburgring-Sieger, darunter neun F1-Welt­meis­ter: Jack Brabham, Phil Hill, John Surtees, Denny Hulme, James Hunt, Jody Scheckter, Alan Jones, Keke Rosberg – und eben Niki Lauda. Hans Herr­mann und Sti­r­ling Moss, die Althasen aus der Mercedes-Motorsportgeschichte, gehen ebenfalls an den Start, der bereits 72jährige Juan Manuel Fangio zieht sich das Spekt­a­kel als Außen­stehender rein, also Tribüne statt Bühne. Weitere PS-Promis im Starter­feld: die damals aktuel­len Grand Prix-Piloten Alain Prost, Elio de Angelis und Jacques Laffite sowie Touren­wagenmeister Klaus Lud­wig. Mario Andretti und Emerson Fittipaldi führen als Ausrede fürs Fern­blei­ben ihr Enga­gement beim US-Klassiker Indy 500 an, der Schotte Jackie Stewart hat Ford versprochen, Showrennen zu meiden. Aus einem ähn­lichen Grund springt auch der am­tie­rende Welt­meis­ter Nelson Piquet im letzten Moment ab – Brabhams Motoren-Liefe­rant BMW will den Brasilianer nicht in einem Mercedes fah­ren sehen, es reicht schon, dass Piquet privat einen 500 SEL be­wegt. Daimlers Mar­ke­ting­chef Gerd Kremer hat schnell Ersatz parat: Ayrton Senna. Obwohl Piquets Landsmann bereits fünf Formel I-Rennen für das britische Toleman-Team auf dem Konto hat, ist er wohl der am wenigs­ten be­kannte Starter in dieser illustren Runde.

Und die Einsatzfahrzeuge? Auf den ersten Blick scheinen die 20 Stück 190 E 2,3-16 wie serienmäßig vom Band gelaufen, lackiert in schwarz oder rauchsilber, also den einzig verfügbaren Farben für die kleine Sport-Limousine. Zur optischen Unterscheidung wer­den bloß Startnummern aufgeklebt und dazu die Nachnamen der Piloten auf Scheibe und Fahrzeug-Flanke. Der Blick ins Innere der Baby-Benze überrascht: Die Fahrzeuge sind gar nicht nackt ausgeräumt, haben noch Teppiche und Rück­bank drin, zum Groß­teil auch Extras wie Radio, Schiebedach und elek­trische Fenster­heber. Im­merhin gibt es einen Überrollkäfig, Feuerlöscher, einen Batte­rie-Trenn­schalter, Sechs­punktgurte und Rennsitze. Letztere sind über die Mercedes-typischen Schalter in der Türverkleidung in der Länge zu verstellen – elektrisch! Gerhard Lepler, der Mann für besondere Benz-Projekte, hat unterm Blech natürlich kleine, feine Modifikatio­nen vor­genommen: Härtere Federn und Dämpfer sowie eine Spur­verbrei­te­rung über speziel­le Felgen sorgen zu­sam­men mit Pirelli P7 für mehr Kur­ven-Kom­pe­tenz, die kürzere Achsübersetzung bringt besseres Spurt-Ver­mögen – und der Entfall zweier Auspuff-Töpfe vor allem sportlicheren Sound.

#K6#K3

Autosammler Heinz Swoboda (im linken Bild neben Niki Lauda) hat den Mercedes 190 E 2,3 16 im Jahr 2017 bei einer Oldtimer-Messe in Deutschland erstanden

Pikanterie am Rande des Rennens: Alain Prost holt am Tag vor dem Spektakel seinen späteren Intimfeind Ayrton Senna vom Flughafen ab. Prost erinnert sich später, dass Senna richtig begeistert gewesen war, wie schnell er auf der deutschen Autobahn fuhr. Beim Dinner am Vorabend des Rennens muss Prost den 24jährigen Brasilianer allen anderen vorstellen, Senna ist tatsächlich noch ein un­beschriebenes Blatt, obwohl immerhin schon mit einem WM-Punkt in der Formel I-Wertung 1984 im Gepäck. Das Vorabend­essen hat John Surtees als großen Spaß in Erinnerung, nicht daran teil­nehmen kann Niki Lauda, er ist zu Gast in einer TV-Show – und nachdem der damals erst zwei­fache Weltmeister deshalb auch das Training gespritzt hat, muss er das Rennen vom letzten Startplatz aus in Angriff nehmen.

Pole hat Prost vor Senna und Carlos Reutemann. 120.000 Zuschauer haben sich am neuen Nürburgring eingefunden, das Mercedes-Rennen wird sogar live im Fernsehen übertragen, allerdings erst nach Ausstrahlung der Eröffnungs­rede von Bernhard Vogel, dem Ministerpräsidenten von Rheinland Pfalz. Durch die fehlenden TV-Bilder von den ersten Minuten ist unklar, wer Prost in Runde eins von der Strecke schiebt, was diesen zahlreiche Plätze kostet. „Es war Senna“, erin­nert sich der Franzose in einem Interview drei Jahre später. Der junge Bra­silianer fährt jedenfalls mit der Machete zwischen den Zähnen, will die große Bühne nutzen und es allen zeigen. Es herrscht typisch nasskaltes Eifel-Wetter, tricky macht die Sache neben Slicks auch das für Rennfahrer ungewohnte ABS – als würde man Se­bas­tian Vettel heute mit einem Abstandsregel-Assistenzsystem auf den Red Bull-Ring sch­i­cken. Senna ist also in Führung, seinen Speed kann auch Tou­renwagen-Spezialist Klaus Lud­wig nicht mitgehen, obwohl es der Deutsche ja gewohnt ist, links vorne zu sitzen. Dahin­ter entwickeln sich teils abenteuer­liche Rennszenen, viele Piloten kommen von der Stre­cke ab, Keke Rosberg nimmt immer wie­der die neuen Sturz­räume in An­spruch, weil ihm die Piste ausgeht, andere kürzen be­wusst über die Botanik ab – James Hunt wird quasi zum Rädelsführer der Rasen­mä­her, als mittlerweile passio­nierter Golf­spieler fühlt er sich auf dem Green sichtlich wohl. „Die neue Rennstrecke ist leider ganz anders als die alte“, stellt der Brite wehmütig fest. Hunt war acht Jahre zuvor der letzte GP-Sieger am Nür­burgring – ja genau, das war das Rennen mit Laudas fürchterlichem Feuer-Unfall.

Bereits in Runde drei muss Alan Jones mit Motor­pro­blemen an die Box, in der Zwi­schen­­zeit kämpft sich Prosts McLaren-Teamkollege Niki Lauda Auto um Auto nach vor, bald fightet er mit John Watson um Platz zwei. Nachdem der Nordire von der Ideallinie ab­kommt, ist das Duell entschieden. In der zehnten von zwölf Runden fliegt Prost von der Strecke, kann aber weiterfahren, gleichzeitig sendet der Auspuff von Nikis Mercedes Rauchzeichen, weshalb Lauda keine Chance hat, seine zwischenzeitliche Führung (Zur Erinnerung: Er war vom letzten Platz gestartet!) zu behalten. Senna siegt rund eineinhalb Se­kun­den vor Niki Lauda, danach folgen Reutemann, Ros­berg, Watson, Hulme, Scheckter, Brabham, Ludwig und Hunt. Stirling Moss mit Startnummer eins wird noch vor Prost 14. John Surtees (Rang elf) nimmt kurz nach dem Rennen Kontakt zu seinem ehemaligen Boss Enzo Ferrari auf, um ihm den Brasilianer als Werkspilot schmackhaft zu ma­chen. Ein italienisches Gastspiel kommt jedoch nie zustande, 1985 fährt Senna für Lotus (mit den Engländern holt er auch seinen ersten GP-Sieg), später auf McLaren und Williams, bis er unsterblich wird.

Und wie geht es mit dem Mercedes 190 E 2,3-16 weiter? Aus ihm wird recht bald ein erfolgreicher Tourenwagen, einen offiziellen Werkseinsatz gibt es je­doch erst 1988, in diesem Jahr wird Roland Asch DTM-Vizemeister, den Gesamtsieg für Mer­cedes gibt es mit 2,5 Litern Hubraum erst 1992, also im zehnten Baujahr des 190ers. Auch die Karriere des Ayrton Senna nimmt 1984 nach dem Sternstunden-Event am Nürburgring so richtig Fahrt auf. Drei Wochen nach dem Schaulauf in Deutschland erringt das brasi­liani­sche Ausnahmetalent im GP von Monaco Platz zwei hinter Erz­ri­valen Prost. Weil das chaotische Regenrennen im Fürstentum frühzeitig abgebrochen werden muss (was Prost am Funk aufgrund seiner stürmisch aufholenden Verfolger Senna und Bellof immer wieder fordert), gibt es am Ende nur die halben Punkte für die WM-Wer­tung, und damit wird am Ende der Saison nicht Prost Weltmeister – sondern Niki Lauda.

4 Kommentare

  1. Ohne schulmeistern zu wollen: die erste Familiensportlimousine war die Giulia – Basta!
    Dann kam lange nichts, bis BMW diese Schiene mit dem 002 entdeckte und mit dem 3er knieweich fortsetzte. Der 230-16 war nur ein spätes Erwachen der Stuttgarter, dem inzwischen M-erwachten 3er etwas entgegen setzen zu können.

    • Hallo!
      Ohne schulmeistern zu wollen: Der 190 E 2,3-16 kam deutlich vor dem BMW M3 auf den Markt.
      Und wo steht bitte, dass der Baby-Benz die erste Familiensportlimousine war?

  2. Zumal der M3 der ersten Generation ausschließlich als 2-Türer erhältlich war. Also nix Familien-Limo.
    Wäre eine interessante Diskussion, was wirklich die erste Familiensportlimousine war. Wobei für „Familie“ auch „irgendwie leistbar“ gelten muss.
    Mir fiele aus der Mitsubishi Lancer ein, den es 1980 mit einem 170PS-Turbo gab.
    Aber viele werden wohl auch die Top-Versionen von Alfa Giulia oder Lancia Fulvia als Sport-Limos bezeichnen, auch wenn die weit weniger Power hatten.
    Außerhalb des Familien-Budgets würde ich den Iso Rivolta Fidia (1967) als Begründer der Sport-Limo-„Nische“ sehen.

  3. Auch hier darf ich wieder schulmeistern: Doch deutlich vor dem Iso Fidia kam der Maserati Quattroporte auf den Markt.

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