Mercedes-Vorstand als Werkstatt-Meister

8. Februar 2021
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Als Kurier-Generaldirektor Alfons Maluschka, in seiner Freizeit Autorennfahrer, im Frühsommer 1971 zu bemerken glaubte, dass sein brandneuer Mercedes 350 SL (R 107) im oberen Drehzahlbereich leicht schwächelt, wollte er den Wagen zur Durchsicht in die Werkstätte der Mercedes-Generalvertretung Wiesenthal in Wien bringen. Doch Hans Christmann (bürgerlicher Name Hans Patleich), mächtiger Chef des „Motor-Kurier“, riet ihm davon ab. „Alfi“, so nannte der berühmte Autotester seinen Freund Maluschka, „wir machen das anders.“

Christmann, der die Direktdurchwahlen nahezu aller deutschen Auto-Bosse in seinem Telefonbuch verzeichnet hatte, wählte die Nummer von Rudolf Uhlenhaut (Foto), damals Entwicklungschef und Vorstand bei Mercedes in Stuttgart. In breitem Wiener Dialekt schilderte Christmann Maluschkas Probleme mit dem teuren Achtzylinder-Roadster: „Mit der Schüssel könnts euch über die Häuser hauen, über 4000 Touren ist Pause. Ein schwindlicher Kübel is des.“

Am nächsten Tag durfte ich, Jüngster in der Motorredaktion des „Kurier“, das Auto des Generaldirektors ins Werk nach Stuttgart chauffieren. Mir fiel die Leistungsschwäche des 200 PS starken V8 im SL gar nicht auf, mein alter Opel Rekord hatte fünfzig PS, das nannte ich Leistungsschwäche. Aber bitte, dachte ich, es ist halt alles relativ.

Angekommen in Untertürkheim, genügten an der Werkseinfahrt zwei Sätze: „Der Herr Patleich aus Wien schickt mich. Ich komme zu Herrn Uhlenhaut.“ Der Portier wusste Bescheid, gerade dass er nicht salutierte. Sofort öffnete er den Schranken. Da kam mir schon Rudolf Uhlenhaut strahlend entgegen. „Ja, ich weiß, Sie bringen mir den SL. Wie geht es dem Hansi? Was macht Wien? Der Hansi hat mich angerufen, er hat eine so nette Sprache…ich höre ihn so gerne reden.“

Zwei Blaubemäntelte aus der Werksgarage nahmen mir den Wagen ab, die Sekretärin Uhlenhauts überließ mir ein Ersatzauto, es war ein Mercedes 200 D, und der hatte wirklich eine Leistungsschwäche. Ungefähr so wie mein Opel Rekord.

Eine weitere Anekdote über den legendären Motorsport- und Entwicklungschef von Mercedes finden Sie hier: Mercedes-Vorstand Uhlenhaut – einst schneller als Fangio

www.buch-effenberger.at

Foto: Daimler AG

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