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Mit qualmenden Reifen unten durch

11. September 2018
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Mit qualmenden Reifen unten durch

Der Fiat 124 Abarth war in den Siebzigerjahren ein interessantes Rallyeauto. Seit seinem Karriereschluss als Schotterschleuder gilt er als seltenes Sammlerfahrzeug mit dem gewissen Touch, den die Klassikerfreunde bei derlei Produkten erwarten. Spritzig, fesch und selbstbewusst, wie ein Italiener sein muss. Manchmal etwas zügellos und leichtfüßig, was das Hinterteil betrifft. Dabei denke ich an das geringe Gewicht auf der Hinterachse und dessen Schleudertalente. Aber gerade die gestandenen Rennfahrer liebten den gepflegten Querstand auf sandigen Pisten.

So ein Exemplar wünschte ich mir schon immer, 2001 erfüllte sich der Traum. Bei Eliseo Igne in Francenigo di Gaiarine entdeckte ich das Ding, fuhr es zur Probe und schlug per Kaufvertrag zu. Überbringer des Spielzeugs: Stefan Pabeschitz. Damals noch nicht so prominent, heute kennen ihn viele Zeitungsleser von seinen Autotests her.

Er lenkte das Teil bis vor seine Haustür in Mödling, und ich holte es von dort ab. Einzelgenehmigung und fertig. Das liest sich leicht, aber irgendetwas läuft immer dazwischen. Der Fiskus will erst gar nicht, dass Freude aufkommt, so scheint es, und überall, wo Menschen mit im Spiel sind, kann es zusätzlich kompliziert werden, durch Neid, Misstrauen und Schlamperei.

Spannend bleibt es weiter. Ich hab das Vehikel bereits vor der Typisierung durchgecheckt und neue Pneus montiert. Die Versicherung ist aktiviert, und die Kennzeichen sind angesteckt. Endlich darf’s losgehen. Ich begebe mich zur Tankstelle, überlege kurz und steuere nach Gauderndorf, dann Kattau. Einfach der Nase nach. Die 950-Kilogramm-Kiste geht mit ihren knapp 130 PS ganz gut. Weiter nach Missingdorf. Ja, macht Spaß! Über die Hauptstraße drüber, weiter Richtung Theras.

Ein paar hundert Meter später, wo der Wald beginnt, fällt mir eine neue „Wildwechsel-Tafel“ auf. Ich überlege, ob dort schon immer diese Warnung stand. Mein Zweisitzer rollt mit seriösen 100 km/h das Gefälle zum Pulkautal hinunter. In diesem Augenblick springt ein Rehbock aus dem linken Graben auf und quert die Fahrbahn in einem riesigen Satz. Besser gesagt möchte … ich werfe beim ersten Anblick des Tieres den Anker und … jetzt weiß ich nicht, wie ich die Gleichzeitigkeit dieser Millisekunden beschreiben soll …

Der Abarth verzögert dank der neuen Semislicks fantastisch, trotzdem drückt es mich noch immer ganz schön flott vorwärts. Ich sehe den Bock, wie er im Luftsprung mit den Vorderhufen die Wölbung des rechten Kotflügels und mit den Hinterläufen die linke Seite berührt, im selben Augenblick mit dem Körper auf die Polyesterhaube kippt, und – jetzt wird’s extrem bedenklich – in vollem Schwung über die Windschutzscheibe und das Kunststoffdach gezogen wird. Erst auf dem Kofferraumdeckel rappelt sich das Reh auf und verschwindet im Gebüsch.

Nach einigen Metern stehe ich, und zwar in einer blauen Rauchwolke! Gott sei Dank! Ich wage gar nicht auszusteigen. Ich fürchte einen Totalschaden, aber es hat nicht gekracht, zumindest ist mir im Quietschen der Reifen nichts aufgefallen.

Ich steige aus und staune! Kann man so viel Glück haben? Da ist wirklich nichts zu sehen, keine Beule, keine Risse. Ich kontrolliere immer wieder, nein nichts. Mit Ausnahme von zwei kleinen Kratzern von den Hufen, links und rechts vorn. Die kann man als Beweis noch heute auf dem Auto überprüfen. Zwei fette Bremsspuren kleben auf dem Asphalt, die kann ich mir leider nicht als Andenken mitnehmen.

Und der Rehbock? Nicht zu finden. Ob der flotte Bursch überlebt hat, weiß ich nicht, aber mein Abarth und ich haben dieses Manöver heil überstanden. Die Schlagzeile in der NÖN hätte sicher gelautet: „Eggenburger Wildsau rammt Rehbock“. Aber in die Zeitung hab ich es mit dieser Geschichte nicht geschafft.

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