Motorsport einst in Österreich: Löwingers Bühne

10. Oktober 2020
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Willy Löwinger (1916–2013), autoritärer, nicht allseits beliebter Präsident des Österreichischen Automobil Sport Clubs (ÖASC), führte seinen Verein so, dass dieser nicht nur schuldenfrei existieren konnte, sondern auch einen fetten finanziellen Polster aufzustauen in der Lage war. Ein österreichisches Wunder, schon damals.

Löwinger galt als extrem sparsam und entwickelte entsprechend seiner hamsterartigen Lebenseinstellung eine neurotische, auch von den weltbesten Ärzten nicht zu heilende Freikartenphobie. Wer an seinen Veranstaltungen teilhaben wollte, musste Eintrittsgeld zahlen. Eine Handvoll Journalisten zwar ausgenommen – allerdings las Löwinger aufmerksam in den Zeitungen, was die Journaille so über ihn und seine motorsportlichen Initiativen ausstieß. Kritik duldete er nicht, Reporter, die seine Aktivitäten auch nur vorsichtig hinterfragten, verachtete er. Freikarten gab es ohnedies keine. Wollte ein Pressemann ein zweites Gratisticket, fuhr ihn Löwinger an: „Kaufen S’ Ihrem Hasen an Stehplatz!“

Als 1969 der ebenso geizige wie ehrgeizige Präsident unter Schmerzen die Sparschatulle seines ÖASC öffnen musste, um für das Premierenrennen auf dem Salzburgring Masten Gregory, 1965 gemeinsam mit Jochen Rindt Le Mans-Sieger, aus den USA zu verpflichten, war er besonders darauf erpicht, dass in den Zeitungen großflächige Vorberichte erschienen. Sogar der Generaldirektor des „Kurier“ schickte an seinen Sportchef Martin Maier eine Notiz: „Bitte unterstützen Sie das Rennen auf dem Salzburgring.“ Maier warf den Zettel gleich in den Papierkorb, obwohl der „Kurier“ als Sponsor der Rennstrecke auftrat und sogar den Zielrichterturm finanziert hatte. Der diplomatische „Kurier“-Redakteur Josef Huber schlug eine dreiviertel Seite Platz auf der Sportseite für die Rennvorschau frei, und sogar Löwinger schimpfte ausnahmsweise nicht.

Als freilich Starpilot Masten Gregory in Salzburg eintraf und ohne Ausweis das Fahrerlager des Ringes betreten wollte, wurde ihm von den Ordnern Löwingers der Eintritt verwehrt. Die freiwilligen Helfer, kaum des Deutschen mächtig, verstanden kein Wort Englisch und kannten den berühmten Rennfahrer auch gar nicht. Gregorys deutliches „My name is Masten Gregory“ zeigte keinerlei Wirkung, dem Oberhäuptling unter den Funktionären entkam lediglich ein brummiges „Na und?“

Die Diskussionen mündeten in erste Ansätze von Handgreiflichkeiten, als Masten Gregory keinen anderen Ausweg wusste, als zu brüllen: „I wanna speak to Mister Löwinger!“ – „Ob Ihna der helfen kann?“, zweifelte der dritte Ordner von links, holte aber dann doch den ÖASC-Chef, der zwar mit Gregory wochenlang telefonisch um die Gage gerangelt, ihn aber nicht persönlich kennengelernt hatte.

Löwinger ließ Gregory gar nicht zu Wort kommen und packte den schon ziemlich echauffierten Amerikaner am Sakko, hatte aber nicht mit der körperlichen Fitness des austrainierten Rennprofis gerechnet. Augenzeugen wollten sogar gesehen haben, dass sich die beiden Kampfhähne auf dem Boden wälzten. Im letzten Moment, der Tumult hatte mittlerweile zuhauf Journalisten und Adabeis angelockt, rief der Redakteur des Pinzgauer Bezirksblatts in die Menge: „Herr Löwinger, dos ist der Masten Gregory, Ihr Schtar!“. Schnell hatte sich Löwinger gefangen, streckte die Arme in Richtung des Amerikaners aus und rief entzückt „Welcome in Salzburg, Masten!“ Masten Gregory sagte gar nichts und trabte ins Fahrerlager.

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Foto: © Wilfried Fila/Sündhofer

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