Neue schon gefahren: Mercedes-AMG E 63 S 4MATIC+

13. Januar 2017
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Aktuelles

Mal ehrlich, die AMG-Modelle waren über Jahrzehnte besonders in zwei Belangen richtig gut: einen marker­schüt­tern­den Klangteppich über die Landschaft zu legen und die Hinterreifen zu vernichten. Das ist zwar irgendwie cool und lustig, geht es nach den Ingenieuren aus Affalterbach, ist mit dem reinen Proll-Gebolze nun Schluss. Der neue E 63 – vor allem der besonders scharfe S – soll einen ersten Vorgeschmack auf das „neue AMG“ liefern. Und um eines gleich vorwegzunehmen: Es gefällt uns.

 

Der Blick auf die nackten Daten und Fakten verleitet zu selbstsicherem Schmunzeln, ob der quasi logischen Superlative, die man von AMG sowieso erwartet hat: bis zu 612 PS (die sieben Mehr-PS im Vergleich zu dem in der vorigen Ausgabe getesteten Audi RS6 Performance verstehen wir als liebevolles „Ätsch“ Richtung Ingolstadt), aus einem mit vier Litern Hubraum eher kleinvolumigen V8. Doch dann: Allrad­antrieb!? Das kannte man zwar schon vom Vorgänger, dennoch hallt plötzlich die Stimme von Niki Lauda im Geiste wider: „Was 4matict, das pickt“. Schauder über das unglaublich schlechte Wortspiel macht sich ebenso breit wie die Angst vor Grip-induzierter Langeweile. Doch grau ist alle Theorie. Der E 63 S, den wir über die malerischen Straßen von Süd-Portugal prügeln, zeichnet ein anderes Bild – und verwendet dabei gern auch einen breiten, schwarzen Pinsel.

 

Die 4MATIC bekam von AMG nicht umsonst ein „+“ an den Namen gehängt, sie wurde komplett umgekrempelt. Im richtigen Modus und Moment schickt der Allradantrieb immer noch 100 Prozent der Kraft ausschließlich an die Hinterräder, wo wiederum eine Differenzialsperre waltet. Wer will, kann also jederzeit die Hinterreifen zu Staub zermahlen. Lässt man den „Drift Mode“ ausgeschaltet, helfen die Vorderräder eifrig mit, die massive Power des herrlich linear Kraft aufbauenden Biturbo-V8 auf die Straße zu bringen. Das Resultat: Für eine fast zwei Tonnen schwere Luxus-Limousine fast schon unbegreifliche Kurvengeschwindigkeiten und eine Beschleunigung auf Supersportler-Niveau: 3,4 Sekunden braucht der E 63 S auf Tempo 100 – das ist sogar schneller als der hauseigene Top-Athlet AMG GT R (3,6). Auch der RS6 Performance wird verblasen (3,7), der alte M5 – dessen Nachfolger übrigens auch mit Allrad kommt – sowieso (4,3).

Doch das „neue AMG“ zeigt sich nicht nur in der deutlich gesteigerten Fahrdynamik. Auch in Sachen Bandbreite setzen Daimlers Performance-Spezis neue Maßstäbe. Denn auch wenn man es vielleicht schon vergessen hat, während man im leichten Power-Drift mit rund 160 Sachen durch die lange Start-Ziel-Kurve von Portimao prescht: Man sitzt hier immer noch in einer E-Klasse. Will heißen: Neben Sport-, Sport plus- und Race- gibt es immer noch einen Komfort-Modus. Das Luftfahrwerk hebt sich, die Dämpfer entspannen sich, die Abgas-Klappen bleiben zu, der Motor geht es ruhiger an – schaltet bei Zeiten sogar unmerklich auf Vierzylinder-Betrieb –, und die sensationelle Neungang-Automatik bemüht sich um niedrige Drehzahlen. Und schon fühlt sich alles irgendwie wieder nach einem sehr gut ausgestatteten Airport-Shuttle an. Bloß dass sich 120 km/h auf der Flughafen-Autobahn nicht viel anders anfühlen als der doppelte Speed auf der Rennstrecke.

Daten & Fakten

V8, 32V, Bi-Turbo, 3982 ccm, 571 PS / 420 kW bei 5750-6500/min, max. Drehmoment 750 Nm bei 2250–5000/min (612 PS / 450 kW bei 5750-6500/min, max. Drehmoment 850 Nm bei 2500–4500/min), Neungang-Automatik, Allradantrieb, Scheiben­brem­sen v/h (bel.), L/B/H 4993/1907/1460 mm, Radstand 2939 mm, 5 Sitze, Reifendi­men­sion 265/40 R 19 v, 295/35 R 19 h (265/35 R 20 v, 295/30 R 20 h), Tankinhalt 76 l, Kofferraum­vo­lumen 540 l, Wendekreis 12,5 m, Leergewicht 1875 kg (1880 kg), 0–100 km/h 3,5 sec (3,4 sec), Spitze 250 km/h*, Normverbrauch (Stadt/außerorts/Mix) 11,4/7,3/8,8 l ROZ 98, CO2 199 g/km

Preis: ca. € 128000,– (€ 135000,–)

 

* elektr. begrenzt – optionale Anhebung auf 300 km/h

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