Niki Lauda: Fahre heute, zahle morgen – Teil 2

19. Februar 2020
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Die Formel 2-Saison 1971 verlief für Lauda wie eine Berg- und Talfahrt – mehr Täler als Berge zwar, aber als nach einem Rennen in Rouen Manager eines kleinen französischen Teams den Österreicher wegen eines Engagements kontaktierten, wusste Niki, dass ihn das Formel 2-Fahren im nächsten Jahr nichts mehr kosten würde. Weil ihm sein Kreditgeber, die Sparkasse, wichtiger war als die übrigen Sponsoren, lieferte Lauda in Zeitungsredaktionen brav Fotos mit Sparkasse-Klebern ab. »Tut’s bitte was für mich. Mit vielen Grüßen, Niki.«

In Gedanken war Lauda der Formel 2 schon wieder voraus. Die Formel 1 war es, die ihn beschäftigte. March hatte das Leihwagensystem auf die Königsklasse des Motorsports ausgedehnt, für 30.000 Mark pro Rennen konnte man Grand Prix-Pilot werden (das war mehr als ein Drittel des Betrages, den damals eine komplette Formel 2-Saison kostete).  Doch auf dem schmalen Grat zwischen ehrlichen Kontrakten (und das hieß in diesem Fall:  Geld hinblättern) und finanziellen Luftgeschäften balancierte Niki Lauda wie ein Großmeister: Er schaffte es tatsächlich, von March-Chef Max Mosley einen Formel 1-Boliden für den Österreich-Grand Prix zu bekommen, ohne besonders viel bezahlen zu müssen.

Nach nur zwanzig Rennen in Monoposto-Autos ist Niki Lauda also Formel 1-Pilot – der jüngste im Feld. Der March war natürlich eine Gurke, nach einigen Runden stellte Lauda auf dem Österreichring das Auto an der Box ab, »bevor ich noch rausgeflogen wäre«. Dennoch: Mosley wollte den damals 22-Jährigen für Grand Prix-Rennen verpflichten, weil »Lauda viel Gefühl und eine gute Hand fürs Autoabstimmen mitbringt«. March verlangte jedoch 50.000 englische Pfund. Dafür hätte Lauda 1972 aber nicht nur Formel 1, sondern auch Formel 2 fahren können – als Draufgabe sozusagen.

In zähen Verhandlungen erzwang Lauda von March einen Vorvertrag: Ein Jahr Formel 1 plus 2 um vergleichsweise günstige 35.000 Pfund. Von der Bank war bereits eine Zusage da, zwar wieder nur auf einen Kredit, was ja riskant genug war, denn noch hing Lauda im Netz der alten Schulden. Seine Kalkulation sah so aus: Start- und Preisgelder werden auf das Kreditkonto gebucht, von den übrigen Einnahmen wie etwa Tourenwagenrennen würde er leben können.

Niki Lauda flog also nach London und unterschrieb bei March. Wieder in Wien, musste er erfahren, dass die Sparkasse über Nacht ihre Zusage zurückgezogen hatte – auf Intervention des Großvaters Hans Lauda. Der alte Herr hatte seinen Freund Manfred Mautner-Markhof angerufen, einen einflussreichen Mann im Aufsichtsrat der Sparkasse. »Tu mir einen Gefallen, ja! Dann kommt mein Enkerl vielleicht zur Vernunft…« Die Familie hatte ein Machtwort gesprochen.

Niki Lauda schien am Ende. »Vertrag mit March geplatzt – 300.000 D-Mark Schulden«, grinsten ihn die Schlagzeilen an. Was noch dazu kam: Laudas erster Vertrag mit der Sparkasse (aus dem Formel 2-Kontrakt) wäre noch zwei Jahre gelaufen. Lauda, in aufkommender Verzweiflung, rannte von einer Bank zur anderen – und hatte Erfolg bei der Raiffeisenbank. Karlheinz Oertel, dem dortigen Werbeleiter, imponierte die Prägnanz, mit der Niki Lauda sprach, ihn beeindruckten die fixen »Vorstellungen, die er von seiner Karriere hatte«. Es war Nikis Überzeugungskraft, die ihn faszinierte.

Man muss sich das einmal vorstellen: Ein junger Mann kommt bei der Tür herein und sagt: »Ich brauch zweieinhalb Millionen Schilling.«»Und wohin wollen S’ das Schloss bauen?«, antwortete Oertel, der Niki nur aus der Zeitung kannte. Der Geschäftsmann Oertel und der Geschäftsmann Lauda wurden ein gutes Duo. Niki schloss eine Lebensversicherung auf 2,5 Millionen Schilling ab. »Die kassiert die Bank, wenn ich mich im ersten Jahr erschlag.« Die Raiffeisenbank streckte Lauda 2,5 Millionen vor. Aus dem alten Kreditvertrag mit der Ersten Österreichischen Sparkasse kaufte sich Lauda heraus, mit Raiffeisen vereinbarte er Werbegelder: 160.000 Schilling im ersten Jahr, da brauchte er das Geld am dringendsten, 80.000 im zweiten, 60.000 im dritten. Der Vertrag mit der Raika lief drei Jahre. Niki hatte erreicht, was er wollte: Kredit plus Werbevertrag. Raiffeisen wiederum wollte mit dem Grand Prix-Engagement das lausige Image bei der Jugend aufpolieren. »Wir müssen unseren Ruf als Bauernbank schleunigst loswerden«, argumentierte Oertel.

Niki Lauda freilich war nach seiner zweiten großen Kredit-Aktion ins Kreuzfeuer der österreichischen Presse geraten. Selbst Fachleute bezweifelten, ob Lauda seine Schulden jemals aus Rennfahrer-Einkünften würde zurückzahlen können. Seine Luftschlösser schienen keinen soliden Unterbau zu haben. Helmut Zwickl, Motorsportexperte Nummer eins in Österreich, sagte klipp und klar: »Der Lauda wird kein zweiter Rindt, und die Formel 1 kommt für ihn zu früh.« Zwickl sagte es auch Niki Lauda ins Gesicht – und der reagierte beleidigt. Man verglich Lauda, der in der Formel 2 keine Bäume ausgerissen hatte, mit einem Hochspringer, der bei zwei Meter gescheitert war und sich die Latte daraufhin zehn Zentimeter höher legen ließ.

Auf einer Pressekonferenz im Wiener Restaurant Griechenbeisl, bei Boeuf Stroganoff und Rehragout, verlachte ihn sogar sein früherer Förderer, der Formel V-Konstrukteur Kurt Bergmann: »Niki, du bist doch verrückt.« Raiffeisen-Werbeleiter Karlheinz Oertel stellte im Hotel Europa in Wien seinen Piloten Lauda der Presse vor, doch ein Großteil der Journalisten blieb zu Hause. Und als Lauda im ersten Grand Prix 1972 in Buenos Aires am Ende des Feldes herumkurvte, spottete eine Wiener Zeitung in Anspielung auf die damaligen Tempo 100-Diskussionen: »Unser Grand Prix-Pilot Niki Lauda fordert Tempo 100 auf den Rennpisten.« Reporter, die Niki Lauda-Geschichten schreiben wollten, wurden von ihren Chefredakteuren nach Hause geschickt. »Über den will doch niemand was lesen.« Wenn Lauda zu einer Firma kam, um über Sponsorgelder zu verhandeln, knallten sie ihm eine Zeitung auf den Tisch, in der stand:  Der Lauda ist eine Niete.

Fortsetzung: Teil 3

Foto: Erich Kaszay

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