Operation 300

9. November 2016
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Zwei Fragen tauchen bei diesem Vorhaben in der Regel auf: Wo und womit? Erstere Frage ist leicht geklärt: Rennstrecken kann man lustigerweise fast immer vergessen, weil die wenigsten eine Gerade haben, die dieses Tempo mit Straßenautos zulassen. Heimische Autobahnen scheiden auch aus, so man in diesem Leben seinen Führerschein nochmal zurück haben möchte. Aber wozu haben wir denn Autobahn-Country als nördlichen Nachbarn? Also ab nach Deutschland.

Speed mit Luxus verbinden

Zweitere Frage bereitet schon mehr Kopfzerbrechen. Deutlich über 400 PS sollten es schon sein für echte 300 km/h und sowas haben die wenigsten in der Garage stehen. Also mieten. Leider auch kein ganz billiges Vergnügen. Oder man verbindet den Trip mit einem Wochenende in München oder Berlin, steigt dort im Kempinski ab – und darf dafür kostenlos einen Tag lang einen Mercedes AMG GTS ohne Kilometerbegrenzung über die Autobahnen scheuchen. V8-Bi-Turbo mit 510 PS und 310 km/h offizieller Spitze – check! (Um Spekulationen vorzubeugen: Nein, Kempinski geht’s nicht so schlecht, dass sie ihre Zimmer auf diese Art füllen müssen. Das ist ein Marketingmodell von AMG, die diese Boliden kostenlos zu Verfügung stellen, in der Hoffnung, damit solvente Kunden auf den Geschmack zu bringen. Aber auch Golf-Fahrer bekommen den AMG-Schlüssel ohne hochgezogene Augenbraue ausgehändigt.)

Also kurz den Wagen begutachten, grinsen (ja optisch ist er wirklich ein Hammer – innen und außen), einsteigen, sich kurz an die etwas ausladenden Formen und den großen Wendekreis gewöhnen, Navi Richtung Augsburg (da geht die Autobahn schön dreispurig hin) und ganzes System auf Sport+ stellen. Alleine die Akustik beim Runterschalten vor einer Ampel wäre ein Kapitel für sich. Dann endlich – ab auf den Highway und nach Ende der Tempobegrenzung mal durchladen. Bistdudeppert, die AMG-Sounddesigner müssen Fans von Jurassic Park sein, das Ding brüllt wie ein schlecht gelaunter T-Rex und verschlingt Minivans als Vorspeise. Tempo 200 ist in nullkommanix erreicht und wird bald als angenehme Reisegeschwindigkeit empfunden. Es folgen die ersten Vorstöße auf über 250. Für mich bis dato eine fahrzeugbedingte persönliche Schallmauer. Alter, die Deutschen haben wirklich einen an der Waffel, dass sowas legal ist. Wobei: Die Bremsen im AMG sind fast noch beeindruckender als die Beschleunigung. Das Ding krallt sich in den Asphalt, dass man bald den Respekt vor dem irren Speed verliert. Und man braucht die Bremsen oft, denn trotz dreier Spuren und gemäßigtem Verkehr ist bei Tacho 270 erstmal Ende der Fahnenstange. Dann schert immer wieder ein Familienkombi mit Richtgeschwindigkeit aus.

5er vs. AMG

Irgendwo hinter Augsburg: Ok, das wird hier nix mehr, zurück nach München und dann Richtung Deggendorf. Dort ist es zwar nur zweispurig, dafür hoffentlich weniger Verkehr. Kurz vor München erwische ich nochmal ein freies Stück, der Tacho sagt 290 und ich glaub, ich hab den letzten Kilometer aufs Atmen vergessen. Trotzdem, da muss noch was gehen. Und tatsächlich, Richtung Deggendorf sind stellenweise nur vereinzelt andere Autos unterwegs. Das Blöde: Vor mir macht sich prompt ein gut gehender 5er-BMW breit, der gegen einen AMG GTS zwar nicht wirklich satisfaktionsfähig ist, aber auch lockere 250 geht, daher die linke Spur okkupiert und Blödheiten wie dichtes Auffahren, um ihn zu verscheuchen, spart man sich bei dem Tempo lieber. Was solls, ein Blick auf die Benzinanzeige legt ohnehin einen kurzen Tankstopp nahe. In zweieinhalb Stunden 80 Euro Sprit verfahren, Grüß Gott! Verbrauchsanzeige hat sich Mercedes bei dem Modell gespart. Die werden schon wissen, warum.

So, eine Chance gibt’s noch! Zurück auf die Autobahn nach München, wieder zwei kurze Stücke mit jeweils knapp über 270 auf der Uhr und dann wird die Bahn doch nochmal ganz frei: Tempo 200 und Vollgas, der AMG schaltet zurück und zieht durch. 240, 260. Rechts ist ein einzelnes Auto, keine Gefahr. 280. Weiter vorne eine langgezogene Linkskurve und drei Autos mit größerem Abstand zueinander. Bitte lieber Gott, lass die keinen Blödsinn machen! Egal, das muss jetzt reichen. Ich lass stehen. Der Tacho zeigt knapp über 300, ich ziehe wie eine Sternschnuppe an den drei Wägen vorbei und erschreck die Fahrer wahrscheinlich zu Tode. Dann ist weiter vorn die linke Spur doch wieder zu, also ordentlich in die Eisen, aber alles kein Problem. Geschafft, over and out!

Zurück bleiben ein paar Fragen:

  1. Sind die feuchten Stellen an meinem Hemd Schweiß oder Adrenalin?
  2. Gibt’s echt Typen, die bei dem Tempo nochmal bis zu 50 km/h drauflegen, das Ganze mit nur zwei Rädern und dann auf der letzten Rille eine Kurve anbremsen? Fehlt bei Rossi, Marquez & Co irgendeine Synapse, die für den Überlebenswillen zuständig ist?
  3. Sowas ist echt legal in Deutschland? In Wirklichkeit ist der Spaß nämlich irre gefährlich, selbst für sehr routinierte Fahrer. Trotzdem cool, es mal erlebt zu haben! Die Bucketlist wird jedenfalls immer kleiner.

www.kempinski.com/de/munich/hotel-vier-jahreszeiten/serviceleistungen/dynamischer-fahrspass/

Ich bin seit vielen Jahren als Journalist tätig, komme aber eigentlich aus dem kulinarischen und touristischen Eck. Allerdings - die Faszination von allem, was zumindest zwei Räder und einen Motor hat, hat mich nie losgelassen. Daher lege ich wert auf Autos mit Heckantrieb und komplett deaktivierbarem ESP und liebe es, mit meinem Motorrad auf große Tour zu gehen. Außerdem ich habe in der Vergangenheit viel Zeit auf Rennstrecken, bei Fahrtechniktrainings und bei Kartrennen verbracht. Da war es dann irgendwann eine logische Konsequenz, die Faszination am Fahren auch in Worte fassen zu wollen. Hoffe, Ihr habt so viel Spaß am lesen wie ich am Schreiben.

2 Kommentare

  1. Irgendwann wird auch in Deutschland Vernunft einkehren und das Land sich in den Kreis der StVO-technisch zivilisierten Staaten einreihen.
    Dann werden wir hoffentlich auch weniger oft mit unangenehm harten Fahrwerksauslegungen belästigt werden.

  2. Ich glaube, daß Deutschland im Vergleich zur Alpenrepublik wesentlich weniger Transitverkehr pro Einwohner hat.

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