Piëch-Entscheidung verworfen – und schon rostete der Porsche 911 wieder…

25. Mai 2021
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Den Mitarbeitern der Garantieabteilung bei Porsche in Stuttgart schwante Ende der sechziger Jahre Böses. Immer mehr Beschwerdebriefe wütender Kunden landeten auf ihren Schreibtischen. Grund: Nach dem zweiten Winter waren die Bleche etlicher 911er durchgefault. Und kurios: Die Rückmeldungen kamen ausschließlich aus den bayrischen Wintersportgegenden, und in der Firma kursierte fortan ein geflügeltes Wort: das Garmisch-Partenkirchen-Syndrom des 911. In Garmisch und Umgebung waren Schnee und Salzstreuung natürlich immer ein Thema und der Bestand an Porsche-Fahrzeugen unter den vielen Betuchten in dieser Gegend besonders hoch.

Ferdinand Piëch (Bild), damals technischer Geschäftsführer bei Porsche, recherchierte akribisch, wie es seine Art war, nach der Ursache des Rostbefalls im hinteren Bereich der 911er-Bleche, wo die Drehstäbe befestigt sind. Es war keine Bagatelle: Oft schon nach zwei Jahren hatte sich der Rost durchgefressen, und die Hinterräder saßen im Radkasten fest – und das bei einem sündteuren Produkt, für das sich Porsche ob dessen vermeintlicher Qualität stets zu rühmen pflegte.

Die Diagnose der Konstruktions-Panne liest sich in Piëchs Memoiren „Auto.Biographie“ so: „Der Hinterachsbereich ist hochgefährdete Korrosionszone, speziell beim luftgekühlten Heckmotor, wo der Motorraum besonders warm wird. In der Abkühlungsphase zieht diese Wärme die Außenluft an, also auch Feuchtigkeit und Salz. Es ist deutlich schlimmer als bei wassergekühlten Motoren.“

Piëch ließ noch in der aktuellen Serie den Heckbereich aller 911er mit beidseitig verzinkten Blechen, die den Rostbefall verhindern, ausführen. Mehrkosten: 74 Mark (umgerechnet heute ca. 37 Euro) pro Fahrzeug. Die Schreibtischhengste in der Garantieabteilung jubelten: keine neuen Anrufe aus Garmisch-Partenkirchen, weniger Garantieaufwand, es kehrte Ruhe ein in Zuffenhausen.

Als Ferdinand Piëch 1972 das Unternehmen verließ (aufgrund eines Familienbeschlusses mussten sich alle Mitglieder der Familie Porsche-Piëch aus der Geschäftsführung bei Porsche zurückziehen), übernahm der Österreicher Ernst Fuhrmann die technische Leitung und strich gleich als Erstes die Bearbeitung der hinteren Bleche. Er sah keinen Sinn in der teilweisen Verzinkung und sparte die 74 Mark pro Auto wieder ein. Die Sachbearbeiter in Zuffenhausen hatten Fuhrmann über das seinerzeitige Rost-Desaster gar nicht informiert, sie ließen ihren neuen Chef sozusagen dumm sterben. Kaum zwei Jahre später holten Porsche die gleichen massiven Probleme mit den durchgerosteten Blechen wieder ein, und die Anrufe verärgerter 911er-Fahrer häuften sich.

Fuhrmann zauderte nicht lange, verabschiedete einige Abteilungsleiter in den Ruhestand und ließ nicht nur das Heckblech, sondern die gesamte Karosserie des Porsche 911 von vorne bis hinten verzinken – Porsche lieferte ab 1976 als erster Serienhersteller der Welt ausschließlich vollverzinkte und gegen Rost geschützte Autos aus. Fuhrmann alberte später auf einer Pressekonferenz in Wien anlässlich der Markteinführung des 928: „Manchmal ist es gut, Scheiße zu bauen – es wird dann nachher alles viel besser, als es sonst je geworden wäre“.

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Foto: Alexander Migl/Wikipedia (1), VW (1)

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