Schöne neue Welt?

8. März 2016
5.882 Views
Community

Sind Sie eigentlich noch Herr Ihres Autos? Keine vorschnelle Antwort bitte! Oder bestimmt nicht das Auto inzwischen vielmehr unser Verhalten während der Fahrt? Unsere Autos übernehmen heute immer mehr Handgriffe, die wir früher selbst erledigen mussten: Licht einschalten? Ich habe eine Lichtautomatik. Scheibenwischer? Regensensor. Schalten? Automatik. Einparken? Einparkassistent. Sogar das mörderisch tennisarmfördernde manuelle Abblenden des Innenspiegels wird heute elektronisch und ganz ohne unser Zutun geregelt. Dazu steigen auch die Bevormundung und die direkten Eingriffe in unser Fahrverhalten an. Das Gurtpiepserl nervt, sobald man 50 Meter ohne Gurt fährt oder auch nur eine Einkaufstasche am Beifahrersitz abstellt, das (immer öfter nicht deaktivierbare) ESP sorgt dafür, dass Grobmotoriker selbst auf Schneefahrbahn wie auf Schienen unterwegs sind, der Müdigkeitswarner leitet uns alle paar Stunden höflich aber bestimmt zur nächsten Raststation. Beim Überfahren der Mittellinie ohne zu blinken – etwa wenn man bei geschwungenen Landstraßen ohne Gegenverkehr die Ideallinie wählt – meldet sich der Spurhalteassistent zu Wort. Oder der Notbremsassistent leitet eine Notbremsung ein, weil er eine unausweichliche Kollision gesehen hat, obwohl man nur mit etwas zu wenig Sicherheitsabstand in der innerstädtischen Rushhour die Spur wechseln wollte (so geschehen Kollegen eines anderen Automagazins).

Sicherheit vs. Eigenverantwortung

Das alles hat sich in den vergangenen Jahren – ohne dass es vom Konsumenten aktiv verlangt wurde – durch die Hintertüre in unser Autofahrerdasein geschlichen und wurde uns mit den Argumenten „Bequemlichkeit“ und „Sicherheit“ verkauft. Eigenverantwortung? Wird immer öfter als unkalkulierbare Fehlerquelle angesehen. Umweltschutz und Sicherheit sind die (oft vorgeschobenen) Schlagworte, denen sich alles andere unterzuordnen hat. Jüngstes Beispiel ist die künftig verpflichtende Verwendung eines Reifendruckkontrollsystems, das durch die aufwändigen Sensoren in der Felge, die spätestens bei jedem Reifenwechsel getauscht werden müssen, jeden neuen Satz Reifen um gut 300 Euro verteuert. Das ist bei manchen Dimensionen eine schlichte Verdoppelung des Kaufpreises. Natürlich nur im Dienste der Sicherheit. Dass man selbst vielleicht Markenreifen fährt, deren Luftdruck zumindest hin und wieder kontrolliert und nicht im Karacho über Gehsteigkanten brettert, einem daher die Reifen nicht auf der Autobahn um die Ohren zu fliegen pflegen, ist kein Argument mehr.

Aber all das passt natürlich in eine Zeit, in der das selbstfahrende Auto als ultimatives Tool der Zukunft gehypt wird. Man setzt sich hinein, gibt das Ziel ins Navi ein und lehnt sich entspannt zurück. Einstweilen kann man dann vielleicht seinen zwei Millionen Facebook-Freunden schreiben, wie schön die Landschaft ist, durch die man gerade gefahren wird. Irgendwie wird man sich jedenfalls ablenken müssen, denn ein Trip in solchen vollautomatischen Autos wird einen ähnlichen Thrill besitzen wie das heutige Fahren in Autobussen. Das hat auch ein Google-Manager schon ganz offen angekündigt: „Unsere selbstfahrenden Autos werden natürlich sehr defensiv ausgelegt sein.“ Bei Dunkelheit und auch nur leichtem Regen auf der Autobahn also maximal noch Tempo 70? Der heute kaum mehr beachtete Passus in der StVO, dass die jeweilige Höchstgeschwindigkeit eigentlich nur unter optimalen Umständen gilt, wird fröhliche Urstände feiern.

B&O statt AMG

Hohe Geschwindigkeiten, schnelle Kurvenfahrten verbietet dann also die Sicherheit, schnelles Beschleunigen die Restweitenanzeige der E-Motoren. Werden die Sportabteilungen der Autohersteller dann mangels Relevanz statt härtere Fahrwerke, kleinere Lenkräder und Schalensitze eher Apps oder Entertainmentsysteme entwickeln? B&O statt AMG? Die Befürchtung ist jedenfalls, dass das Wort „Fahrspaß“ für künftige Generationen etwa die gleiche Bedeutung haben wird wie „Hausmusikabend“ für uns: Man hat im Zusammenhang mit Großmutters Jugendtagen davon gehört, manche sollen das sogar genossen haben, aber irgendwie kann man sich das beim besten Willen kaum vorstellen – nicht zuletzt weil einem die Voraussetzung dazu, das Beherrschen des Gerätes, fehlt. Schöne neue Welt? Für mich eher schrecklich schöne Welt!

 

Ich bin seit vielen Jahren als Journalist tätig, komme aber eigentlich aus dem kulinarischen und touristischen Eck. Allerdings - die Faszination von allem, was zumindest zwei Räder und einen Motor hat, hat mich nie losgelassen. Daher lege ich wert auf Autos mit Heckantrieb und komplett deaktivierbarem ESP und liebe es, mit meinem Motorrad auf große Tour zu gehen. Außerdem ich habe in der Vergangenheit viel Zeit auf Rennstrecken, bei Fahrtechniktrainings und bei Kartrennen verbracht. Da war es dann irgendwann eine logische Konsequenz, die Faszination am Fahren auch in Worte fassen zu wollen. Hoffe, Ihr habt so viel Spaß am lesen wie ich am Schreiben.

2 Kommentare

  1. Nun, bis jetzt kann man die meisten Assistenten deaktivieren oder einfach nicht nutzen …
    Weshalb sollte das säter anders sein?
    Man sollte sich viel mehr die Frage stellen, weshalb es denn offenbar notwendig ist, so manche Assistenten überhaupt haben zu müssen? Weshalb wurde ein Müdigkeitswarner, ein Spurhalteassisten, ein Notbremsassistent, eine Lichtautomatik uvm. zu entwickelt?! Eigentlich fehlt noch eine Blinkautomatik …. warum? Na weil 90% der Autofahrer nicht im Stande sind, beim Abbiegen selbstständig den Blinker zu betätigen! Wenn der Großteil der Autofahrer ganz offenbar zu blöd oder zu faul ist, sich korrekt im Straßenverkehr zu verhalten, dann dürfen sie sich auch nicht aufregen, wenn sie solche „Helferlein“ entmündigen! Man stellt seinen Einkauf nicht auf den Beifahrersitz, wo er bei der nächste etwas härteren Bremsung vom Sitz in den Fußraum kollert und den Fahrer ablenkt oder Schlimmeres!

  2. 2.Teil (damit mein etwas längerer Beitrag nicht wieder im Nirwana verpufft 😉
    Mit ist schon klar, dass jeder Autofahrer sich selbst für den Besten auf der Welt hält – Tatsache ist, wir alle machen Fehler – nur all zu oft aus Unachtsamkeit oder Fehleinschätzung. Davon nehme ich mich gar nicht aus. 99% der Unfälle passieren durch „menschliches Versagen“ – also ist es wohl einfach logisch, die Ursache der Unfälle weitgehendst zu eliminieren – oder?
    Was das ESP betrifft – mein Auto hat das auch – nur vor 2 Jahren am Riederberg, war trotz ESP mein fahrerisches Können gefordert – „Schienen“ waren da keine vorhanden 😉
    Das haben einige mit ihren „Premium-Schlitten“ bitter erfahren müssen – „ich habe doch eh alle möglichen Assistenten – mir kann doch nichts passieren“. Also Fuß aufs Gaspedal, Hirn aus, und los gehts.
    Vielleicht sollte man anstelle die Elektronik zu verteufeln, eher lehren, dass dies alles nur *Helfer* sind und man noch immer Eigenverantwortlich ist und das auch bleiben wird?!

Kommentar abgeben