Kultige Kanten
Nach dem Retro-Comeback des R5 rückt nun den R4 nach – größer und kantiger. Kann der große Bruder damit mehr glänzen?
Eines muss man Luca de Meo lassen: Der ehemalige Renault-Boss hat mit seiner 2021 gestarteten „Renaulution“ wohl nicht nur die Marke vor dem Abrutschen in die roten Zahlen bewahrt, er hat den französischen Konzern auch strategisch neu ausgerichtet. Selbst die preisbewusste Tochtermarke Dacia zeigt derzeit beachtliche Erfolge.
Entsprechend groß sind nun die Erwartungen an den neuen R4, vor allem nach dem gelungenen Retro-Comeback des R5. Der Gedanke, ein Elektroauto mit historischem Bezug zu lancieren, klingt simpel – ist aber ein Balanceakt. Zu viel Nostalgie wirkt gestrig, zu wenig Identität vergrault die Fangemeinde. Für die einen ist der R4 eine Kindheitserinnerung an Ausflüge mit den Großeltern, für die anderen ein Symbol der ersten Romanze im Autokino. Die Geschichte lebt – und Renault will sie neu erzählen.
Doch was genau greift der neue R4 optisch auf? Da wären die charakteristischen hinteren Seitenfenster, die drei prägnanten Rillen an den Türen und LED-Rückleuchten, die klar an die alten, kapselförmigen Gläser von damals erinnern. Auch die große Heckklappe, die tief in den Stoßfänger reicht, schlägt eine Brücke in die Vergangenheit – und sorgt ganz nebenbei für eine rekordverdächtig niedrige Ladekante.
Die Front bleibt ebenfalls im Retro-Fahrwasser: Ein 1,45 Meter breiter Grill, gefertigt aus einem Guss, verleiht dem R4 Präsenz. Dahinter: zwei rundliche LED-Scheinwerfer, geschützt von Polycarbonatglas. Gut zu wissen: Im Schadensfall müssen nicht komplette Einheiten ersetzt werden – einzelne Elemente sind tauschbar.
Größenmäßig setzt sich der neue R4 klar vom R5 ab: Er ist 22 Zentimeter länger, übernimmt innen aber den gleichen modernen Cockpit-Aufbau. Im Vergleich zum historischen Ur-R4, der von 1961 bis 1992 vom Band lief, fällt das Wachstum noch deutlicher aus: 48 Zentimeter länger, 31 Zentimeter breiter – nur in der Höhe bleibt er dem Original erstaunlich treu.
Technisch geht Renault mit der Zeit: Der neue R4 kommt ausschließlich mit E-Antrieb. Zur Wahl stehen 122 PS mit einer 40 kWh-Batterie oder – wie in unserem Fall – 150 PS mit 52 kWh. Drei Ausstattungslinien stehen bereit, dazu eine überschaubare Auswahl an Extras.
Und wie fährt er sich? Überraschend entspannt – und stabiler als gedacht. Die Lenkung ist leichtgängig, aber nicht nervös. Das Fahrwerk bleibt komfortabel, ohne zu weich zu wirken. Selbst auf ruppigem Belag bleibt der R4 gutmütig und gelassen. Die höhere Sitzposition sowie die große Frontscheibe verbessern die Übersicht – auch beim Blick auf Ampeln (im Gegensatz zum R5).
Wer sich an ein Freiluft-Erlebnis mit Stoffverdeck erinnert, liegt richtig: Im Herbst bringt Renault das „Plein Sud“-Modell – mit 80 mal 100 Zentimeter großem Faltdach. Bis dahin zeigt sich Renault spendabel: mit einem Kaufbonus von 3400 Euro, der Ende September ausläuft.
Text: Johannes Ibrahim, Fotos: Robert May
Motor & Getriebe
Ausreichend kräftiger E-Motor, eher auf entspanntes Cruisen ausgelegt. Fahrmodi-Schalter am Lenkrad nur in höheren Ausstattungen. Rekuperation serienmäßig – im getesteten Basismodell zwei Stufen, mehrstufig regelbar erst ab höheren Linien.
Fahrwerk & Traktion
Komfortabler abgestimmt als der R5, aber ähnlich agil; Wankbewegungen spürbar, bleiben aber im Rahmen. Lenkung angenehm direkt, mit gutem Feedback. Im Grenzbereich gutmütiges Untersteuern, keine Traktions-Probleme. Heck bleibt stabil bei Lastwechseln. Bremsen unauffällig, sauberer Übergang von Rekuperation zur Mechanik.
Bedienung & Multimedia
Bequeme Sitzposition mit solider Polsterung, gute Übersicht. Gut gestaltetes Armaturenbrett, einfache Bedienung. Hochauflösende Displays mit klaren Menüs und Individualisierungsmöglichkeiten. Klimasteuerung über echte Tasten. Ausreichend Ablagen vorhanden. Wahlhebel nahe dem Wischerhebel – gelegentlich ungewollter Wischvorgang. Schenkelauflage in Reihe zwei etwas kurz.
Innen- & Kofferraum
Ausreichend Platz in beiden Sitzreihen, aber klar auf vier Personen ausgelegt. Kofferraum klassentypisch, er punktet mit rekordverdächtig niedriger Ladekante und großem Zusatzfach unterm Boden. Fondlehnen im Verhältnis 2:1 umklappbar, hinterlässt jedoch eine Stufe – ebene Ladefläche nicht möglich.
Dran & Drin
Wer rund 2000 Euro mehr investiert und zum „Techno“ greift, bekommt deutlich mehr Komfort: Adaptiv-Tempomat, verstellbare Rekuperation per Lenkradwippen, 10,3 Zoll-Digitalcockpit, Navigation, induktives Laden, Aluräder, elektrisch klappbare Außenspiegel, „Auto Hold“-Funktion, schlüsselloser Zugang, umklappbare Beifahrersitz-Lehne, rahmenloser Innenspiegel, Kunstlederlenkrad, stärker abgedunkelte Fondscheiben und Jeansstoff-Polsterung. Verarbeitung gelungen, Materialien wirken sympathisch angesichts des hohen Kunststoff-Anteil.
Schutz & Sicherheit
Herkömmliches Airbag Aufkommen, solide Basis an Assistenzsystemen. Umfang erweiterbar durch höhere Ausstattungslinie. Nervige Warntöne lassen sich per Doppelklick auf eine Taste am Armaturentbrett schnell deaktivieren.
Reichweite & Laden
Guter Stadtverbrauch um 12 kWh, Werksangabe im Test sogar unterboten. Kombinierte Reichweite von rund 350 Kilometern realistisch bei idealen Bedingungen. AC-Laden mit üblichen 11 kW, DC-Schnellladung bei den maximalen 100 kW in rund 30 Minuten erledigt.
Preis & Kosten
Teurer als Citroën ë-C3 oder Fiat Grande Panda, dafür günstiger als Ford Puma oder Volvo EX30. Positiv: dichtes Servicenetz, geringe Kfz-Steuer, braver Verbrauch. Drei Jahre Garantie in diesem Segment eher unterdurchschnittlich.
Synchronmotor, Spitzenleistung 150 PS (110 kW), Dauerleistung 106 PS (78 kW), max. Drehmoment 245 Nm, Akku (netto) 52 kWh, Vorderradantrieb mit fixer Übersetzung, Scheibenbremsen v/h (v bel.), L/B/H4144/1796/1552 mm, Radstand 2624 mm, 5 Sitze, Wendekreis 10,8 m, Reifendimension 195/60 R 18, Kofferraumvolumen 420–1405 l, Leergewicht (EU) 1462 kg, zul. Gesamtgewicht 1980 kg, max. Anh.-Last 750 kg, 0–100 km/h 8,2 sec, 60–100 km/h 4.84 sec, Spitze 150 km/h, Steuer (jährl.) keine, Werkstätten in Österreich 154, Service alle 15.000 km (mind. 1x Jahr), WLTP-Normverbrauch kombiniert 15,1 kWh,Testverbrauch 14,7 kWh, Reichweite Norm/Test 409/350 km, Ladedauer bei 11 kW (80%) 3:13 Std, bei 100 kW Gleichstrom (80%) 30 Min
sechs Airbags plus Zentralairbag v, Tempomat, aktiver Spurhalte-Assistent, Aufmerksamkeits-Assistent, Verkehrszeichen-Erkennung, LED-Scheinwerfer, Fernlicht-Automatik, Digital-Instrumente 7 Zoll, Multimedia-Touchscreen 10,1 Zoll, kabellose Smartphone-Integration, E-Parkbremse, Klimaautomatik, Licht- und Regensensor, Wärmepumpe, el. verstell- und heizbare Außenspiegel, vier E-Fensterheber, FB-Zentralsperre, Einparkhilfe h, Rückfahrkamera, abgedunkelte Fondscheiben, Stahlfelgen 18 Zoll etc.
Metallic-Lackierung ab € 240,–, Winterpaket € 400,–
Zubehör: Schuko-Ladekabel € 300,–, V2L-Adapter € 200,–, Dachträger € 150,–, Kofferraumwanne € 69,–, Fußmatten ab € 50,–, beleuchtete Einstiegleisten € 192,–, Trittstufen € 432,–, Dach-Fahrradträger € 262,–, Dachbox ab € 416,–, Skiträger ab € 189,–, Fahrradträger ab € 599,–, Anhängevorrichtung € 635,– etc.







