Vergleich: Renault Talisman Grandtour gegen Passat, Mondeo und Mazda6

6. September 2016
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Aktuelles

Mittelklasse-Limousinen fristen zumindest hierzulande ein Mauerblümchen-Dasein. Erst die Kombination aus Raumangebot, Komfort und Fahrspaß moderner Lifestyle-Kombis bringt das Segment in Blüte. Genau hier hinein pflanzt Renault den neuen Talisman Grandtour.

Schon lange Spitzenreiter ist dort der VW Passat. Nach dem noblen und deutlich teu­reren Trio aus Audi A4, BMW 3er und Mercedes C erfreuen sich die Großraum-Kombis von Ford Mondeo und Mazda6 hoher Beliebtheit. Also komplettieren wir mit diesen beiden unser Vergleichs-Quartett. Dem Käufer-Trend folgend wählen wir dazu gut ausgestattete Vernunft-Diesel mit Automatik. Leider konnte Mazda uns kurzfristig nur einen Handschalter verschaffen – kein Problem für unsere Wertung: Was der Japaner dadurch in der Getriebe-Wertung verliert, macht er beim Preis wieder wett.

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Motor & Getriebe

Vierzylinder-Diesel mit 150 bis 160 PS sorgen hier für standesgemäßes Vorwärtskommen. Dass Renault diese Leistung aus bescheidenen 1600 Kubikzentimetern, dafür aber mit zwei Turbos quetscht, verraten nur die Papiere. In der Praxis zieht der Franzose genauso brav an wie die anderen. Die zwei Deutschen laufen ausnehmend leise, was auf den Talisman bei wenig Gas ebenfalls zutrifft. Der Mazda nagelt etwas mehr, auch kommt im Japaner bei hohem Tempo mehr Windgeräusch auf. Mit Ausnahme des manuell geschalteten Mazda6 (den gäbe es mit einer Wandler-Automatik) heißt bei den Getrieben die Devise Sechsgang-Doppelkupplung. Alle schalten weich und flott, Passat und Mondeo dazu ausgesprochen vernünftig. Der Talisman ist manchmal mit etwas zu hoher Drehzahl unterwegs, er ist im sechsten Gang auch am kürzesten übersetzt. Beim Aus- und Einparken verlangt VWs DSG eine gehörige Portion Feingefühl, speziell auf abschüssiger Straße gerät man leicht ins Schwitzen. Ford und Renault sind leichter zu rangieren.

 

Fahrwerk & Traktion

Schon zweimal hat sich Renault an Allradlenkung gewagt. Beide Male ist sie wieder in der Versenkung verschwunden. Der Talisman startet jetzt einen dritten Versuch. Mag die mitsteuernde Hinterachse auf gesperrter Straße auch sensationelle Kurventempi ermöglichen, im Stadtverkehr ist die gefühlsarme Lenkung, die stets ein wenig um die Mittellage schnappt, gewöhnungsbedürftig. Überland ist die Reaktion auf einen Einschlag am Volant schwer vorherzusehen, eine saubere Linie in Kurven wird zur Zitterpartie. Beim Topmodell des Talisman ist die Allradlenkung jedenfalls Serie, genauso wie die adaptive Dämpfung. Die versieht ihren Dienst jedoch hervorragend, der Franzose schwingt sanft über lange Wellen, kurze Schläge lassen ihn ein wenig zittern, nie aber poltern. Die drei konventionellen Kombis (adaptive Dämpfer gibt es bei Ford und VW gegen Aufpreis) liegen deutlich unspektakulärer auf der Straße. Am sportlichsten nimmt der Mazda mit seiner direkten Lenkung flott gefahrene Kurven, deutlich träger und untersteuernd der Mondeo. Der Passat lässt sich spielend leicht steuern. Jeder Herausforderung gewachsen sind die Bremsen der vier Testwagen. Am raschesten stoppte der Renault mit seinen breiten 245er-Reifen.

Cockpit & Bedienung

Haben Sie schon einmal versucht, eine Französin zu verführen? Es kostet endlose Hingabe, viel Geduld und einiges an Nachsicht. Sollte es Ihnen der Talisman angetan haben, erwartet Sie Ähnliches. Nehmen Sie sich Zeit, schnüffeln Sie in der Betriebsanleitung und entdecken Sie staunend all seine Extravaganzen. Und zwar tunlichst vor der ersten Ausfahrt. Dann werden Sie nicht den fehlenden Rund-Tacho vermissen oder vergeblich den versteckten Schalter für die Lenkrad-Heizung suchen. So viel wie im großen Renault lässt sich in kaum einem anderen Auto personalisieren. Von der Darstellung der Instrumente über Farbe und Intensität der Ambiente-Beleuchtung bis zum virtuellen Motorsound. Dass den Franzosen das eine oder andere wichtige Feature durch die Lappen gegangen ist, verlangt dabei die vorhin erwähnte Nachsicht. Radiobedienung wie Fahrprofil-Auswahl gerieten reichlich umständlich, der Bordcomputer zeigt wenig Information auf einen Blick, die Klimaanlage lässt sich nicht synchronisieren. Und die Kartenansicht des Navis zwangsbeglückt mit 3D-Darstellung und dauerhaftem Auto-Zoom.

 

Ford, Mazda und VW empfangen ihre Fahrer mit ebenfalls gefälligen, aber ungleich verständlicheren Cockpits. Die Neuer Renault Talisman gegen Ford Mondeo, Mazda6 und VW Passat meisten Schalter und Funktionen erklären sich von selbst. Dennoch kommen persönliche Wünsche und Einstellungen nicht zu kurz, vor allem der Passat hat hier einiges zu bieten. Mazda bedient den zentralen Bildschirm via Drück-und Dreh-Controller, bei Ford und VW heißt es mit dem Finger tippen (was im bewegten Auto nicht immer zielsicher gelingt).

Der Talisman offeriert beide Möglichkeiten. Angenehm aufgefallen sind uns die drei Intensitäts-Stufen der Wolfsburger Klimaautomatik sowie Fords und Renaults Tankstutzen ohne Schraubverschluss. Der Franzose verriegelt nach dem Aussteigen die Türen stets selbsttätig, der Mazda nur auf Wunsch. Keine Kritik gibt es an den Möbeln der vier Kombis, ihre körpergerechten Konturen geben guten Halt. Auch die passende Sitzposition ist überall rasch gefunden, Passat wie Mondeo warten zudem mit tiefenverstellbaren Kopfstützen auf.

Innen- & Kofferraum

Vier Erwachsene sind in den großen Kombis bestens aufgehoben. Die Beinfreiheit im Fond des Mazda hinkt in der Praxis den anderen ein paar Zentimeter nach, sollte im Normalfall aber immer noch ausreichen. Die geringste Breite weist hinten der Talisman auf, noch dazu sind seine beiden äußeren Sitze stark konturiert. Was zwei Mitreisende freut, wird zu dritt damit unbequem. Praktische Ablagen finden sich in Passat und Mazda am meisten. Großgepäck schlucken unsere vier Probanden erwartungsgemäß souverän. Platz gibt es in Hülle und Fülle, auch sind die Kofferräume schön glattflächig und ihre Ladekanten angenehm niedrig.

 

Das kritische Maßband bezeugt dem Passat das größte Volumen, gefolgt vom Talisman. Einhellig fallen alle vier Fondlehnen bei Bedarf mit einem simplen Handgriff vor, jeweils zwei zu eins geteilt. Bis auf den Mondeo beherrschen alle diese Übung auch via Fingerzug vom Heck aus. Kleiner Schönheitsfehler dabei: Die Lehnen in Ford und Mazda wursteln spätestens beim Wiederaufstellen die Sicherheitsgurte mit, wenn man diese nicht eigens weghält. Dafür haben nur die beiden Autos eigene Stauräume für die ausgebaute Hutablage. Den flachsten Ladeboden erzielt der Japaner, im Renault bleibt eine kleine Stufe. VW liefert gegen Aufpreis in Schienen einzuklinkende und verschiebbare Spanngurte samt Haltenetzen, diverse Befestigungsösen gibt es überall. Serienmäßig bewegt nur der Top-Talisman die Heckklappe elektrisch, dank Keyless-Go auch via Fußschwenk unter der Stoßstange. Ford und VW verlangen dafür Aufpreis, am Mazda heißt es stets selbst Hand anlegen.

 

Dran & Drin

Wer einen Passat Highline oder Mondeo Titanium – also jeweils die Topversion – bestellt, kann sich auf ein gut ausgestattetes Auto freuen. Doch schon unser Mazda6 Revolution lässt die Deutschen ein wenig ärmlich aussehen. Etwa mit 19-Zoll-Rädern, LED-Kurvenlicht, Headup-Display und Rückfahrkamera. Dabei ist das bei weitem noch nicht Mazdas bestausgestattetes Modell.

Der Talisman Initiale Paris eröffnet gar eine neue Skala für automobile Mitgift (und verschiebt damit zwangsläufig unsere Punktewertung für die drei anderen). Navigationssystem, Polsterung aus feinem Nappaleder, kühlbare Vordersitze mit E-Verstellung und Massage-Funktion, HiFi-Klang aus zwölf Lautsprechern, Keyless-Go samt elektrischer Heckklappe, das adaptive Fahrwerk und die teure wie aufwändige Allradlenkung – alles serienmäßig, wohlgemerkt.

tabelleDazu hat der luxuriöse Franzose sogar noch ein paar Extras im Köcher. Bei den beiden Deutschen lassen sich die meisten der erwähnten Goodies dazuordern, darüber hinaus noch elektrisch beheizbare Frontscheiben, automatisch abblendende Außenspiegel oder Sitzheizung im Fond – gegen ordentliches Aufgeld, versteht sich. Um den Mazda auf ähnliches Niveau zu heben, muss man zu einer der zwei weiteren Ausstattungsstufen greifen, nachrüsten lässt sich einzig ein Navi.

Wenig überraschend ist der Talisman auch mit angenehmen Materialien ausgeführt. Im Mazda sieht der Kunststoff zwar gut aus, greift sich aber an manchen Stellen hart an. Dafür ist der Japaner am solidesten verarbeitet, grobe Mängel konnten wir an den übrigen Testwagen aber auch keine festmachen. Erwähnt sei noch, dass Mondeo, Talisman und Passat auch als Handschalter gebaut werden, beim Renault allerdings nicht die Topversion. Eine Allrad-Option liefern Ford, Mazda und VW.

Schutz & Sicherheit

Die üblichen Airbags und Elektronik-Fahrhilfen gehören hier natürlich zum Standard. Darüber hinaus gibt es jede Menge weiterer Warner und Assistenten, die sich um die Einhaltung der Fahrspur, den richtigen Abstand zum Vordermann, Fahrzeuge im toten Winkel, Verkehrszeichen am Straßenrand oder die Aufmerksamkeit des Lenkers kümmern. Bei Mazda und Renault sind praktisch all diese serienmäßig an Bord, Ford und VW liefern sie teils erst gegen Aufpreis. Seitenairbags im Fond sind nur für den Passat zu ordern, ebenso integrierte ausklappbare Kindersitze. NCAP crasht wie üblich nur die Limousinen, unser Quartett erzielte dort durchwegs ähnliche Top-Ergebnisse.

Sauber & Grün

Mit dem (handgeschalteten) Mazda6 und dem VW Passat kommt man locker unter sechs Liter Diesel, selbst inklusive längerer Autobahnfahrten. Der Talisman verbraucht knapp, der Mondeo gut einen Liter mehr. Sparsam ist das allemal, Kompakt-SUV etwa schlucken deutlich mehr. Bei Stopps stellen alle vier Kombis brav ab. Der Passat kann gegen Aufpreis – wenn man die adaptiven Dämpfer inklusive Fahrprofil-Auswahl ordert – auch antriebslos segeln. Alle vier Modelle erfüllen übrigens Euro 6 ohne den Zusatz von AdBlue.

Preis & Kosten

Ein Automatikgetriebe kostet für den Mazda6 rund 2300 Euro, selbst damit wäre er noch der Billigste im Quartett. Knapp gefolgt vom Ford Mondeo. Für Talisman und Passat muss man gut 3000 Euro mehr ausgeben, erhält dafür aber bei Renault wie erwähnt eine unvergleichliche Ausstattung. Ein Plus für Ford sind die fünf Jahre Garantie. Selbst VW gesteht seinem Business-Kombi – sonst dort unübliche – drei Jahre zu, gleich lang wie bei Mazda und Renault. Zum Service müssen alle vier Kombis jährlich, mit Passat und Talisman darf man dazwischen 30.000 Kilometer abspulen, mit Mondeo und Mazda nur 20.000. Beim Wiederverkauf liegen der beliebte Wolfsburger und der zuverlässige Japaner deutlich vorm Kölner. Bei dem Franzosen wird erst die Zukunft weisen, ob er die wenig berühmte Werthaltung des Vorgängers übertreffen kann.

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Testurteil

Der Renault Talisman besticht durch Eleganz, viel Platz und üppige Ausstattung. Leider nerven im Alltag ein paar Unzulänglichkeiten. Wer die in Kauf nimmt, kann mit dem Franzosen absolut glücklich werden. Wer Fahrspaß sucht und aufs Geld schaut, ist mit dem Mazda6 am besten bedient. Wenn wir die Punkte aller Kapitel leidenschaftslos zusammenzählen, liegt der VW Passat vorne. Nicht zuletzt dank seines riesigen Laderaums und der problemlosen Bedienung. Der Ford Mondeo zeigt zwar keine eklatanten Schwächen, kann aber auch in keiner Disziplin wirklich auftrumpfen.

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