Wende-Ziel

4. Mai 2022
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Alles Klartext

Wem an der Zapfsäule derzeit das Schaudern kommt, der muss dafür nicht unbedingt die irrwitzigen Spritkosten verantwortlich machen. Denn dass Westeuropa den Preis für den Krieg in der Ukraine bezahlt, gilt leider wortwörtlich: Sanktionen hin oder her – das Geld für russisches Gas und Kohle fließt immer noch, selbst wenn jenes für russisches Öl demnächst abgedreht werden sollte. Eine Milliarde pro Tag spült unser Energie-Hunger in Putins Kriegskasse. Innerhalb von zwei Monaten überweist die EU damit das (offizielle) Militärbudget Russlands für ein ganzes Jahr – und finanziert so den Krieg gegen das Land, dem man eigentlich helfen sollte.

Europa ist ein Energie-Junkie, abhängig von ­seinem Dealer und bereit, für den nächsten Schuss so gut wie alles hinzunehmen. Die vorgeschobene Parole „Wandel durch Han­del“ war eine hervorragende Ausrede für die Geschäftmacherei einiger weniger – mit dem Nebeneffekt der Bequemlichkeit für den Rest. Auch wenn andere Lieferanten jetzt kurz- bis mittelfristig einspringen sollten – da die Rohstoffe auf dieser Welt leider nicht nach dem Grad der Demokratisierung verteilt sind, tauschen wir damit nur einen uner­freulichen Geschäftspartner gegen einen anderen. Und ob die Verbrecher nun Fell­mütze, Djellaba oder Mao-Jacke tragen, macht keinen Unterschied. Vor der Wahr­heit un­­serer Komplizenschaft mit ihnen können wir uns spätestens jetzt nicht mehr verste­cken.

Der Erhalt unserer hohen Standards von Mobilität und Komfort wird auch künftig an erster Stelle stehen. Was uns bisher als Energiewende verkauft wurde, war aber nicht mehr als der Aus­tausch einer Abhängigkeit gegen eine andere. Ob von russischem Gas oder arabischem Öl oder Chips und Akkus bzw. den Rohstoffen dafür aus chinesischer Hand macht so gut wie keinen Unterschied. Wenn der rote Riese sich dem­nächst daran macht, seine offene Rechung mit Taiwan zu begleichen, befinden wir uns in der gleichen Lage wie jetzt mit der Ukraine: ohnmächtig, weil abhängig. Auch die USA sind – nicht nur gemessen an ihrem vorigen Präsidenten – kein Partner für alle Fälle. Zeit für Europa, erwachsen zu werden.

Der Ausweg über grünen Strom allein ist – dem sturen Beharren aller Öko-Träumer zum Trotz – eine Sackgasse. Dort, wo auf unserem Kontinent eine ansehnliche Produktion aus Wind oder Sonne möglich ist, wird der Saft nicht benötigt. Und bis er da ankäme, wo er gebraucht wird, versickern große Teile davon in Leitungsverlusten. Die kurze Renais­sance der Kernenergie dürfte ebenfalls vorüber sein – die Option, sich haufenweise An­griffsziele ins eigene Land stellen, ist wohl gerade etwas weniger attraktiv geworden.

Was Europa aber hat, sind hohe technische Standards. Die ermöglichen den einzigen Ausweg, der auch strategisch vertretbar ist: Die sinnvolle Verteilung auf verschiedene Energieträger: Strom, Wasserstoff, E-Fuels, synthetisches Methan als Erdgas-Ersatz, Batterie-Nutzung, wo sie Sinn macht. Dazu der höchstmögliche Grad an Wiederver­wer-tung und Recycling, Stichwort Circular Indus­try und Economy. Wir werden es damit nicht schaffen, zu einem Selbstversorger-Kontinent zu werden. Die Wende dahin, nicht mehr erpressbar zu sein, genügt aber als Ziel.

Foto: Robert May

1 Kommentare

  1. Anmerken darf man auch, dass sich die Globalisierung als Folge der engstirnigen Sicht auf Shareholdervalues und satten Prämien für einen kurzfristigen Topjobvertrag als ordentliches Hornberger Schießen herausgestellt hat. Denn dass man auf einem Fuß, auch wenn er noch so viel Gewinn verspricht, als Konzernmanager schlecht steht, ist diesen gefeierten Chaoten nicht aufgefallen. Siehe unendliche Lieferzeiten für Neuwagen wie seinerzeit im Ostblock, Erpressbarkeit durch vermeintliche Coronahafensperren und krisenbedingte Lieferstopps. Jeder Kleingewerbetreibende vertraut- schon aus Preisvergleichsgründen – auf zumindest 2 oder besser mehr Zulieferanten. Aber für die Millionengagenbezieher ist das wahrscheinlich kleinbürgerliches Denken und Wirtschaften.

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