Wer ist hier der Gute?

26. Januar 2016
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Wer in den 80er- oder 90er-Jahren mit dem Auto in Italien unterwegs war, erinnert sich wahrscheinlich an eine recht entspannte Zeit. Tempolimits, Überhol-, Parkverbote, selbst rote Ampeln waren eher unverbindliche Empfehlungen. Man fuhr situationsangepasst, die offiziellen Regeln wurden weder kontrolliert noch deren Nichteinhaltung sanktioniert. Und zwar bei allen Verkehrsteilnehmern. Genau das ist aber der Unterschied zur heutigen Verkehrspolitik in Österreich.

Das, was vielen Autofahrern aktuell sauer aufstößt ist die Zweiteilung in gute und böse Verkehrsteilnehmer seitens der Politik und oft auch der Medien. Die Guten sind klarerweise die Radfahrer. Ständig gibt es neue Radwege und –abstellplätze, in der Regel finanziert auf Kosten von Autosteuern und auf einem Raum, der davor oft genug Autos in Form von Parkplätzen oder Fahrspuren zur Verfügung stand. Aber Radfahrer sind modern, ökologisch fortschrittlich und dürfen (fast) alles, ohne einen Cent dafür an Steuern zu bezahlen. Jeder Appell seitens der RPÖ (Radfahrerpartei Österreichs – ehemalige Grüne) an ihre Kernklientel, sich doch bitte auch an die Regeln zu halten, wird gefühlsmäßig mit einem grinsenden Augenzwinkern begleitet. Mit dieser „Wir-dürfen-alles-Botschaft“ und dem Bewusstsein, zu den Guten zu gehören im Rücken, fährt sich‘s natürlich deutlich entspannter und erleichtert Vorwürfe an die „Idioten in ihren stinkenden Blechkübeln“. So ist das Radfahren heute oft auch nicht mehr eine einfache Art von A nach B zu kommen, sondern ein politisches Statement. Nicht umsonst lassen sich grüne Politiker (besonders während Wahlkämpfen) gerne medienwirksam auf ihren Drahteseln ablichten.

Öko-Schmäh als Gelddruckmaschine

Auf der anderen Seite sind die Autofahrer. Das sind die Bösen. Sie verantworten den Treibhauseffekt, die Feinstaubbelastung und den allgemeinen Klimawandel quasi im Alleingang. Da helfen nur möglichst rigorose Tempolimits, neue Parkpickerlzonen und sonstige Beschränkungen. An Autofahrer denken Politiker in erster Linie, wenn ihnen wieder mal das Geld ausgeht. Denn das einzige, was Autofahrer heute noch ungestraft dürfen, ist zahlen. Der Staat braucht mehr Geld? Wozu gibt’s NOVA, KFZ-Steuer, Mineralölsteuer oder Parkgebühren, die man annähernd beliebig erhöhen kann, notfalls unter Berufung auf den Öko-Schmäh. Spürbaren Gegenwind hat hier mangels echter Autofahrer-Lobby kein Politiker zu befürchten. ÖAMTC und ARBÖ? Beide leiden einerseits unter Mitgliedern, die, einer Selbstgeißelung gleich, auf jede Aktion gegen neue Fahrverbote oder Tempolimits mit wütenden Protestmails reagieren, bzw. sie scheuen den offenen Konflikt mit der Mutterpartei.

Selbst in den meisten Medien haben Autofahrer heute etwa das gleiche Image wie Raucher: Es ist eine schlechte, die Umwelt schädigende Angewohnheit, ok wenn‘s unbedingt sein muss, aber stellt bloß keine Ansprüche! „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist vor allem in Österreich inzwischen zur Lachnummer verkommen. Mit kaum einem anderen Spruch kann man sich in intellektuellen Kreisen schneller als „verantwortungsloser Raser“ outen. Fehlt dann nur noch, dass man als SUV-Fahrer entlarvt wird. Dann sucht man besser sofort das Weite. Denn gegenüber bekennenden Autoliebhabern – der Übergang zum „komplexbeladenen Autofetischisten“ ist dann ein fließender – wird inzwischen häufig der kurze Prozess geschätzt. Da erübrigt sich jede weitere Debatte. Wenn sogar Österreichs ehemaliger Benzinbruder Nr.1, Roland Düringer, auf den Pfad der Tugend zurückgefunden hat, dann schafft es jeder, so der Tenor.

Diese offensichtliche Ungleichbehandlung ist es also vermutlich, die die Zwietracht zwischen Autofahrern und Radlern schürt und das Klima auf der Straße zusehends vergiftet. Ob ein Radler bei rot über die Kreuzung fährt? Wen interessierts ernsthaft!

Ich bin seit vielen Jahren als Journalist tätig, komme aber eigentlich aus dem kulinarischen und touristischen Eck. Allerdings - die Faszination von allem, was zumindest zwei Räder und einen Motor hat, hat mich nie losgelassen. Daher lege ich wert auf Autos mit Heckantrieb und komplett deaktivierbarem ESP und liebe es, mit meinem Motorrad auf große Tour zu gehen. Außerdem ich habe in der Vergangenheit viel Zeit auf Rennstrecken, bei Fahrtechniktrainings und bei Kartrennen verbracht. Da war es dann irgendwann eine logische Konsequenz, die Faszination am Fahren auch in Worte fassen zu wollen. Hoffe, Ihr habt so viel Spaß am lesen wie ich am Schreiben.

3 Kommentare

  1. Egal ob nun gut oder böse – Radfahrer sind Verkehrsteilnehmer wie alle anderen auch… sie halten sich aber oft weniger an Verkehrsregeln, als der „gemeine“ Fußgänger!
    Daher müssten Räder, wie jedes andere Verkehrsfortbewegungsmittel, ein Kennzeichen haben, um den Rad fahrenden Verkehrssünder nicht durch Anonymität zu schützen!
    Außerdem, wer über 12 ist und am öffentlichen Verkehr teilnimmt, muss einen entsprechenden „Führerschein“ besitzen.
    Kinder unter 12 gehören nicht (alleine – siehe STVO) in den öffentlichen Verkehr !
    Rennräder und E-Bikes erreichen durchaus 40kmh, wie ein Moped auch … und Mopedfahrer brauchen auch einen Führerschein!

    Und was letztendlich die *wahren Umwelthelden“ angeht – das sind einzig und alleine „Öffi-Fahrer“ und Fußgänger – so sie nicht abgeschottet mit Kopfhörer und Samrtphone von der Umwelt nichts mitbekommen …

  2. Die Politik hat den Radfahrern bewusst Privilegien eingeräumt. Diese werden zusätzlich zur Missachtung der Straßenverkehrsordnung genutzt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht haarsträubende Szenen mit Radfahrern beobachten kann – eigentlich „muss“.

  3. Haarsträubende Szenen beobachte ich auch – in etwa zur Hälfte von Radfahrern verursacht und zur anderen Hälfte von Autofahrern.
    Abgesehen davon halte ich es für grundsätzlich richtig, das Rad- und Öffifahren in der Stadt zu fördern, selbst wenn dies zu Lasten des Autoverkehrs geschieht.

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