Vergleich: Neuer VW Polo gegen Ford Fiesta, Kia Rio und Seat Ibiza

19. Dezember 2017
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Aktuelles

Einkaufswagerl“, „Verkehrshindernis“ und ähnlich zweifelhaft schmeichelhafte Be­­zeich­­­nungen kann man modernen Kleinwagen nicht mehr umhängen. Die haben allesamt die Viermeter-Grenze durchstoßen, die beliebtesten Motorisierungen liegen um 100 PS. Das Prädikat „Kleine Allrounder mit hervorragendem Preis-Leistungs/Verhältnis“ würde ihnen eher ge­­recht. In genau diese Kerbe schlagen unsere vier Testkandidaten, die wohl die aktuelle Spitze des Segments darstellen.

Ältester im Bunde ist mit gerade mal einem halben Jahr der Kia Rio, der mit 120 PS bei unserem Vergleich in der heurigen Mai-Ausgabe als Sieger hervorging. Diesmal tritt er in der 100 PS-Variante an, wie gehabt in der nicht nur namentlich feinen Ausstattung „Gold“.

Ihm entgegen stellt sich der seit kurzem erhältliche neue Ford Fiesta mit dem vielfach preisgekrönten 100 PS-Benziner na­­mens „EcoBoost“ und der mittleren Ausstattung „Tita­nium“. Das Quartett komplettiert die bei der Gegnerschaft gefürch­tete VW-Rasselbande in Gestalt des neuen Seat Ibiza und des noch neueren VW Polo, beide treten in beliebter 95 PS-Motorisierung an, der Katalane als sportlich-feuriger „FR“, der Wolfsburger als klangstarker „beats“ mit 300 Watt-Sound von Beats Audio.

Motor & Getriebe

Dreizylinder-Benziner mit Turbo-Aufladung und einem Liter Hubraum sind das Standard-Maß im modernen Kleinwagenbau – darin sind sich alle vier einig, ebenso in Sachen Temperament, das 0-auf-100-Sprints rund um elf Sekunden ermöglicht. Bei der Ausführung gibt es jedoch Unterschiede, interessanterweise auch zwischen Seat und VW. Zwar setzen die beiden auf den gleichen Motor, der Ibiza gibt seine 175 Nm Drehmoment jedoch um 500 Touren früher ab. Dass er den Polo beim Durchzug deutlich schlägt, liegt je­­doch auch an der Frische unseres VW-Testwagens, der kaum 1000 Kilometer gefahren war.

Fünf Gänge müssen bei den Brüdern reichen, die Getriebe sind leichtgängig und über kurze Wege zu schalten, die Hebel hervorragend positioniert. Bei beiden ist das Motorkonzept hörbar, doch keineswegs aufdringlich. Das kann der Kia-Motor nicht von sich behaupten. Der Rio ist kalt wie warm lauter als seine Gegner, dazu verfügt er über eine ausgeprägte Anfahrschwäche, die beim 120 PS-Modell (sechs statt fünf Gänge) in diesem Ausmaß nicht zu be­­merken war. Immerhin: An der Schaltbarkeit des Getriebes gibt es nichts zu bemängeln.

Der Ford-Motor ist wesentlich leiser und überhaupt der kultivierteste von allen, er macht einem sofort klar, warum er mit Preisen überhäuft wurde. Dazu ist er als Einziger mit einem Sechsgang-Getriebe verbunden. Das ist fein schaltbar, doch in den unteren Gängen ebenso lang übersetzt wie die gegnerischen Fünfgang-Schaltboxen. Sprich: Der Fiesta wird dadurch nicht spritziger, denn der höchste Gang ist als eine Art Overdrive ausgelegt und hilft bei höheren Geschwindigkeiten Sprit-Sparen.

 

Fahrwerk & Traktion

Nach dem Einsteigen fühlt man sich in allen Kandidaten gleich zu Hause: Lenkrad und Sitze lassen sich jeweils über einen weiten Bereich einstellen, die ideale Sitzposition sollte daher jeder finden. Die auf den Testwagen aufgezogenen 17 Zoll-Räder bringen das gewisse Optik-Plus, serienmäßig sind sie allerdings nur beim Seat Ibiza „FR“, der sogar mit 18-Zöllern bestellt werden könnte.

Generell ist der Spanier auf Sport gebürstet, neben den großen Felgen zeigt sich das in leichter Tieferlegung und Ge­­stühl mit viel Seitenhalt. Unterm Strich steht ein agiles Fahrverhalten mit gesunder, aber nicht schmerzhafter Federungs-Härte. Dazu gibt es ein spät und sanft eingreifendes ESP, ein angenehm neutrales Fahrverhalten und eine präzise Lenkung.

VW ist sehr gut darin, seine Bruder-Modelle trotz gleicher Basisteile in der Feinab­stim­­mung zu differenzieren. Der Polo rollt daher geschmeidiger ab als der Ibiza, ist generell etwas weicher gefedert. Das ESP greift um einen Tick früher ein, wenn auch genauso sanft, die Lenkung ist ebenso direkt und exakt.

Der Kia Rio wirkt ebenfalls ziemlich erwachsen, auf kurze Schläge reagiert sein Fahrwerk aber etwas ruppiger. Auch er ist dynamisch-neutral abgestimmt und reagiert auf ruckartige Lenkmanöver ohne jede Nervosität. Die gute Lenkung ist eher auf der schwergängigen Seite. Letzteres gilt auch für den Ford Fiesta, der mit seinem etwas kürzeren Radstand aber agiler wirkt als alle anderen. Nur bei ihm lenkt das Heck beim Lastwechsel leicht mit, was den Kurvenradius verkleinert und die Fahrfreude vergrößert. Das ESP greift gar nicht einmal spät, dafür angenehm sanft ein.

Das schwarze Gold, das man „Reifen“ nennt, macht oftmals mehr Unterschied, als man ihm zutrauen würde. Im großen Test aus ALLES AUTO 10/2017 war der Fiesta mit Michelin Pilot Sport ausgestattet, beim Bremsversuch aus 100 km/h stand er nach hervorragenden 35,7 Me­­tern. Mit den jetzt im Vergleichstest aufgezogenen Eco-Reifen Michelin Primacy benötigt er hingegen 37,1 Meter bei vergleichbaren äußeren Bedingungen. Dennoch ein Wert, mit dem er sich nicht verstecken muss, liegen die Konkurrenten doch allesamt zwischen – durchwegs guten – 36 und 38 Metern.

Die recht neutrale Gewichtsverteilung aller Probanden ist fahrdynamisch ein Riesenvorteil, beim kräftigen Beschleunigen muss aber die Traktionskontrolle ran. Egal, sie ist überall serienmäßig, ebenso die Berganfahrhilfe.

Cockpit & Bedienung

Zwei große, gut ablesbare Rund­instrumente mit einem digitalen Multifunktionsdisplay da­­zwischen sind Standard, nur beim Polo kann man sich in Kürze auch voll digitalisierte Armaturen gönnen. Ebenso ge­­hört ein großer Touchscreen in der Mittelkonsole zum guten Ton, bei Fiesta und Rio tablet-artig aufgesetzt und daher im optimalen Sichtbereich, Ibiza und Polo vertrauen auf eine Einbau-Lösung, die beim VW allerdings höher – und damit besser – platziert ist.

Der Fiesta schlägt seinen Vorgänger in Sachen Übersichtlichkeit und intuitiver Erfassbarkeit der diversen Touchscreen-Menüs um Längen, dennoch ist der Kia darin noch einen Tick besser. Auch die Volkswagen-Ingeni­eure sind diesbezüglich gut wie immer. Die Klimaautomatik des Fiesta ist um günstige 350 Euro Aufpreis bestellbar und hat als Einzige drei Grundstufen (sanft, normal, intensiv), auch erfreut der Kölner durch sein „EasyFuel“-System ohne Tankdeckel. Bei Ibiza und Polo sind dafür Fahrprofile (von Eco bis Sport) einstellbar, die die Mo­­tor-Charak­te­ristik be­­­­ein­flussen.

In Sachen Rundumsicht sind die breiten C-Säulen bei allen vier Kandidaten durch kleine Scheiben unterbrochen, dennoch geht die Sicht nach schräg hinten überall nur als mittelprächtig durch. Besserung bringt eine Rückfahrkamera, die beim Rio serienmäßig und bei allen anderen bestellbar ist. Den beim Rückwärts-Ausparken ebenfalls sinn­­vollen Querverkehrswarner bietet allein Ford an.

Durchwegs erwachsen di­­men­­sioniert, straff und langstreckentauglich sind die Sitze, den besten Seitenhalt liefern natürlich die Sport-Stühle des Seat Ibiza FR.

Innen- & Kofferraum

Bezüglich ihrer Außenmaße liegen die rund 4,05 Meter langen Kandidaten extrem knapp beisammen, Ibiza und Polo sind allerdings einen Hauch breiter, beim Radstand liegt wiederum der Kia Rio mit starken 2,58 Metern vorne. Laut unbestechlichem Zentimeter-Maß bietet der Ford Fiesta den schmalsten und kürzesten Innenraum, obwohl auch er vier 1,90 Meter lange Erwachsene gut unterbringt, bestenfalls bemerkt man die vorne etwas heimeligere Schulterfreiheit.

Beim Ladevolumen liegen Ibiza und Polo gegenüber Fiesta und Rio vorne. Der Seat verärgert allerdings durch einen billig-weichen Ladeboden über der Reserveradmulde, in den schwere Gegenstände einsinken. Dieses Problem hat der Polo „beats“ mit seinem massiven doppelten Ladeboden nicht, allerdings relativiert sich das „doppelt“ total, weil der im Kofferraum-Keller untergebrachte Subwoofer des Soundsystems die untere Positionierung des Bodens gar nicht erst zulässt.

Über einen echten doppelten Ladeboden verfügt der Kia Rio, deshalb gibt es bei ihm auch keine Stufe nach Umlegen der Sitzlehnen, was bei allen im Verhältnis von 2:1 möglich ist. Hochklappbare Sitzflächen sind völlig aus der Mode gekommen, denn sie werden nirgends mehr angeboten.
Gut sind die durchwegs breiten, weit aufschwingenden Heckklappen samt nicht allzu hoher Ladekante und die Tatsache, dass die Kofferraum-Volumina allesamt über 300 Liter liegen, was noch vor wenigen Jahren in der Kleinwagen-Klasse un­­­denkbar war.

Mit praktischen Ablagen geizt keiner, lediglich beim Polo fallen die seltsam schmalen Becherhalter negativ auf.

 

Dran & Drin

Was die Serienausstattung an­­geht, sprengt der Kia Rio „Gold“ den Rahmen des Üblichen – mit Navigationssystem, Klimaautomatik, Tempomat, akustischer Einparkhilfe hinten, Sitz- und sogar Lenkradheizung. Er ist im Vergleich allerdings der Einzige, der in Top-Ausstattung antritt.
Der Ford Fiesta ist als „Titanium“ etwa gleich vernünftig ausgestattet wie Seat Ibiza „FR“ und VW Polo „beats“: Klimaanlage, diverse Elektro-Helfer und Alu­­felgen gehören zum Standard-Programm.

Etwas knausrig: dass man beim Fiesta für elektrische Fensterheber hinten Aufpreis zahlen muss – dafür haben nur er und der Polo gegen Aufpreis einen automatischen Einpark-Assistenten im Programm. CD-Player sind bei Ford und Kia abgemeldet, bei Seat und VW erhält man sie aber auch nur noch gegen Aufpreis.

Der Ibiza „FR“ legt den Fokus mit großen Rädern, vier einstellbaren Fahrprofilen, Sportfahrwerk und ebensolchen Sitzen auf Sportlichkeit, der Polo „beats“ auf sein 300 Watt starkes Soundsystem von Beats Audio, abgedunkelte hintere Scheiben, schwarze Außenspiegel und ein wenig Folien-Beklebung – was jüngeres Publikum interessiert aufschauen lässt.

Spar-Bemühungen in Sachen Materialqualität merkt man nur dem Ibiza an, der sich in dieser Beziehung offenbar hinter dem Polo anstellen muss. Die Verarbeitung ist überall tadellos.

Schutz & Sicherheit

Beim Euro-NCAP-Crashtest gibt es für den noch zu jungen VW Polo kein Ergebnis, man kann aber getrost die Ibiza-Werte als Basis nehmen – und die sind exzellent: Fünf Sterne beim Ge­­samt­ergebnis sowie Einzelbewertungen bis zu 95 Prozent (Sicherheit der vorne Sitzen­den). Der Kia Rio schneidet mit Sicherheitspaket ebenfalls mit fünf Sternen ab. Und auch der Fiesta, obwohl er mit Sicherheitspaket noch gar nicht getestet wurde.

Dabei bietet er als Einziger Fahrer-Knieairbag sowie aktiven Spurhalte-Assistenten via Lenk-Impuls, gegen Aufpreis sogar einen Querverkehrs-Warner. Einen passiven Spurhalte-Warner hat er ebenfalls an Bord, den bietet der Kia Rio allerdings auch – für den Koreaner ist wiederum kein Abstandsregel-Tempomat erhältlich.

Der Seat Ibiza spart sich sämtliche Assistenten außer den für Notstopp, beim VW Polo ist die Verkehrszeichen-Erkennung zwar erhältlich, aber nur software-basiert, Schilder werden also nicht (wie beim Ford Fiesta) von einer Kamera erkannt. Dafür dürfen Ibiza und Polo dem VW-Regal gegen Aufpreis LED-Scheinwerfer entnehmen.

 

Sauber & Grün

Die Testverbräuche unserer Kandidaten liegen meist einen Liter über den exzellenten Norm-Mixwerten und daher im mittleren Fünfliter-Bereich. Nur der Kia schlägt mit 5,8 Litern leicht über die Stränge. Bester ist hier der Ford Fiesta, der mit seinen 5,3 Litern auch von seinem serienmäßigen Sechsgang-Getriebe profitiert. Fakt ist: Die Dreizylinder-Turbobenziner mit einem Liter Hubraum haben sich in dieser Klasse zu Recht durchgesetzt und sind sehr sparsam zu bewegen.

Bei den Abgaswerten liegen natürlich alle innerhalb der Euro-6b-Norm, interessant ist aber, dass sich die gleichen Motoren in Ibiza und Polo leicht unterscheiden: Der VW schlägt beim Kohlenmonoxid (CO) den Seat deutlich, bei NOx, HC und Rußpartikeln hauchzart. Einen noch besseren NOx-Wert liefert allerdings der Kia Rio.

Preis & Kosten

Im Preisvergleich gibt es eine Zweiklassen-Gesellschaft: Kia Rio und VW Polo übertreffen die 19.000 Euro-Marke, der fünftürige Ford Fiesta (er ist als Einziger auch als Dreitürer erhältlich) und der Seat Ibiza liegen bei 17.500 Euro. Der Kia kann als Ausrede seine Topausstattung ins Treffen führen, beim VW Polo gibt es keine, er ist einfach vergleichsweise teuer.

Rüstet man Ford und Seat auf Kia-Niveau auf, kosten sie einen Tick mehr und reihen sich im Mittelfeld der Kleinwagen-Klasse ein. Die Extra-Preise differieren je nach gewählter Option beträchtlich, liegen insgesamt aber auf einem fairen Niveau.

Den hohen Kaufpreis kann der Polo dank seiner bekannt soliden Werthaltung teilweise wieder gutmachen, diesbezüglich hält sich die Konkurrenz aber ebenfalls brav. Der Kia unter anderem aufgrund seiner tollen Siebenjahres-Garantie, Ford und Seat liegen mit je fünf Jahren auch nicht schlecht – lediglich VW bietet nach wie vor nur Zweijahres-Standard.

Testurteil

Am Ende feiert der Ford Fiesta einen knappen Sieg. Verantwortlich dafür sind sein überlegener Motor und sein tolles Fahrwerk. Moderne Assistenzsysteme sind für den Kölner auf Wunsch auch zu haben, der Preis ist ausgesprochen fair. Der VW Polo schlägt bei Raumangebot und beim gediegenen Gesamtauftritt zu, allerdings ist er ziemlich teuer. Diese Sorge hat der Seat Ibiza nicht, er muss sich in einigen Qualitätskriterien und bei der Ausstattung aber merkbar hinter dem VW anstellen. Den Kia Rio kostet primär sein Motor Punkte (unkultiviert, anfahrschwach, etwas durstiger als die anderen), an­sons­ten glänzt er durch gutes Raum­angebot, erwachsenen Auftritt, Top-Garantie und feine Ausstattung.

Sein toller Motor ecoboostet den Ford Fiesta (li.) an die Spitze – knapp vor dem VW Polo (2.v.re.), dem Seat Ibiza (2.v.li.) und dem Kia Rio (re.).

Sein toller Motor ecoboostet den Ford Fiesta (li.) an die Spitze – knapp vor dem VW Polo (2.v.re.), dem Seat Ibiza (2.v.li.) und dem Kia Rio (re.).

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