Insel-Talent: Ausfahrt mit dem Bentley Bentayga V8

17. Mai 2018
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Aktuelles

Nur, damit die Begriffe „kleiner“ und „weniger“ keine falschen Erwartungen wecken: Es handelt sich um den Top-Motor aus dem Porsche-Regal – den V8-Biturbo, der vier Liter schlank ist und zarte 550 PS auf die Straße haucht. Was für Zuffenhause­ner Vorstands-Limousinen und SUVs der maximale Dampfhammer ist, reicht bei Bentley immer noch als Einstiegs-Benziner: Der V8 ist so gesehen die ökosoziale ­Option im Bentayga – gerade richtig für alle, denen der W12 zu protzig und der Diesel zu ördinär ist.

Geringfügig weniger Leistung, ein Hauch mehr Fahrspaß, gleiches Prestige: Der Begriff „Einstiegs-Benziner“ bezeichnet beim Bentley Bentayga einen V8 mit 550 PS.

Geringfügig weniger Leistung, ein Hauch mehr Fahrspaß, gleiches Prestige: Der Begriff „Einstiegs-Benziner“ bezeichnet beim Bentley Bentayga einen V8 mit 550 PS.

Das Manko von vier Zylindern und zwei Litern Hubraum gegenüber dem Zwölfender schlägt sich in 58 PS und 130 ­Newtonmetern weniger nieder. Was etwa der Leistung eines Kleinwagens entspricht – die hier aber tatsächlich niemand abgeht. Im Ge­gen­teil: Sub­jektiv fühlt sich der Bentayga mit diesem Motor leichtfüßiger und ­direkter in der Reaktion an. Obwohl er für den Sprint auf den ersten Hunderter 0,4 Sekunden hinter dem W12 liegt und den dritten gar nicht mehr erreicht. Mit 290 km/h Spitze macht man sich in einem SUV aber selbst auf der gesegneten deutschen Autobahn kaum lächerlich – und mit einer rollenden Burg beim Ampel-­Duell selbst gegen kleine Giftpfeile wie einen Alfa 4C gleichauf zu ­bleiben, sollte fürs Ego auch reichen.

Gefühlt ist im Bentayga der Abstand vom W12 zum V8 etwa derselbe, wie ihn bei Porsche der V6 Biturbo zu eben dem im Cayenne hält. Dort ist der Achtzylinder die kalorienreiche Variante, die ihre Über-Power auf dem Papier zwar in bessere Be­schleunigungs­werte umsetzt, zugleich aber auch satter und weniger spritzig wirkt als der V6. Genau dessen Rolle kommt dem Achtzylinder nun im deutlich monumen­taleren Bentayga zu. Das um etwa 22 Kilo ­geringere Gewicht des kleineren Motors wird selbst mit den sensibelsten Nervenenden kaum zu erspüren sein. Obwohl es im Hause Bentley selbstverständlich schon eine Feinjustierung des Fahrwerks verur­sacht hat. Wir reden hier aber immer noch von einem Koloss mit 2,4 Tonnen – und der spürt wirklich nicht, ob ihm das Äquivalent eines Reisekoffers oder Wochenend-Einkaufs in Kilo abgeht.

 

Der Bentayga W12 ist souverän und bettelt nicht darum, getreten zu werden. Mit dem V8 macht Gas geben mehr Spaß, man spielt öfter ein bisschen mit den Fahr-Modi herum, kostet die extreme Spreizung zwischen Komfort und Sport dank elektrisch ver­stellbarer Steifheit der Stabilisatoren genüsslich aus. Oder nimmt auch gerne ein­mal einen Umweg über eine kurvige Landstraße – einfach der Gaudi wegen. Dabei verzichtet Bentley konsequent auf die Allradlenkung, die bei den Konzern-Ge­schwis­­tern auch auf der vom Bentayga genutzten Cayenne/Q7-Plattform eingesetzt wird. Die Handlichkeit des Edel-SUVs leidet darunter nicht, und wie weit sie in der Ge­wichtsklasse ausgereizt werden will, teilt sich dem Fahrer ohnehin von selbst mit. Sogar im Gelände traut man sich mit dem V8 ein wenig mehr Verwegen­heit zu.

Natürlich darf neben dem Fahrfreude-Populismus das Aristokratisch-Feinsinnige nicht zu kurz kommen. Äußerlich präsentiert sich die sportliche Note des V8 mit der Absenz von Chromschmuck: Der mächtige Wabengrill strahlt in kühlem schwarzem Klavierlack, ebenso die seitlichen Lufteinlässe und Fensterleisten, ein schmuckes Paket von Karbon-Anbauteilen findet sich in der Aufpreisliste. Apropos Aufpreis: Wer gerne etwas mehr Gas gibt, muss womöglich auch rascher stehen bleiben – die gut sichtbaren Carbon/Keramik-Bremsen mit gewaltigen 440 Millimeter Durchmesser um ebenso gewaltige 17.457 Euro extra tun gleicher­maßen was für Sicherheit und Auge.

Im Innenraum ist Chrom nach wie vor gern und viel gesehen. Wer es betont sportlich mag, wird auch hier die schwarze Grundfarbe bevorzugen – klassische Colorierun¬gen von Zimt bis Bordeaux sind aber nach wie vor im Angebot.

Im Innenraum ist Chrom nach wie vor gern und viel gesehen. Wer es betont sportlich mag, wird auch hier die schwarze Grundfarbe bevorzugen – klassische Colorierun¬gen von Zimt bis Bordeaux sind aber nach wie vor im Angebot.

 

Im Innenraum feiert ein neues Bentley-Detail Premiere, für das Connaisseure die Marke lieben: Der V8 wartet an ausgewählten Stellen exklusiv mit Kreuzstich-Nähten auf, natürlich in Komplementärfarbe zum Leder gehalten. Optional werden damit erstmals Karbon-Paneele in tiefem Hochglanz-Lack umrahmt – so viel Sport darf im sonst gediegendste Herrenclub-Atmosphäre atmenden Bentayga schon sein. Immer­hin fallen bei jedem Auto nach wie vor 130 Stunden Handarbeit an, davon allein 27 für das ­Leder-Interieur – wer einmal darin Platz genommen hat, wird bestä­tigen: Es ist den Aufwand wert. Die 150.000 Euro Nettopreis sind ebenfalls ange­messen – leider kommen hierzulande noch knapp achtzig Tausender an Steuern dazu, womit sich das sportlich-noble Vergnügen mit mindestens 228.550 Euro Endpreis nieder­schlägt – immerhin demokratisch annähernd in der Mitte zwischen W12 und Diesel liegend.

Daten & Fakten

V8, 32V, Biturbo, 3996 ccm, 550 PS (404 kW) bei 6000/min, max. Drehmoment 770 Nm bei 1960–4500/min, Achtgang-Automatik, Allradantrieb, Scheiben­brem­sen v/h (bel.), L/B/H 5140/1998/1742 mm, Radstand 2995 mm, 4/5 Sitze, Reifendi­men­sion 275/50 R 20, Tankinhalt 85 l, Kofferraum­vo­lumen 484 l, Wendekreis 12,4 m, Leerge­wicht 2388 kg, 0–100 km/h 4,5 sec, Spitze 290 km/h, Normverbrauch (Stadt/außer­orts/Mix) 15,6/9,0/11,4 l ROZ 95, CO2 260 g/km

Preis: € 228.550,–

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