Traumauto Test McLaren 750S Spider

10. Juni 2024
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Aktuelles

Test McLaren 750S Spider: Fast 39.000 Euro sind in der Champions League womöglich vernachlässigbar, so viel kostet es jedenfalls, sich das Spektakel McLaren 750S als Spider reinzuziehen, also unter freiem ­Himmel. Auch schon egal sind so gesehen die 12.360 Euro ­zusätzlich fürs elektrochrome Glasteil über einem, bei dem man auf Knopfdruck zwischen zwei Durchsichtigkeitsstufen wählen kann. Es soll ja auch Regentage geben, das weiß man nicht zuletzt auf der Insel – und damit selbst dann das Sounderlebnis der achtzylindrigen Art in vollem Umfang genossen werden kann, lässt sich die Heckscheibe elektrisch absenken. Das kennt man etwa von ­Lamborghini. An unseren Test-Tagen mit dem stürmischen Engländer herrschte freilich Sonnenschein – gut so, denn mit offenem Dach entert man das sportlich-spartanische Cockpit ungleich eleganter. Das Hardtop verschwindet in nur elf Sekunden, ansteuern lässt sich die geräuschlose Elektro-Prozedur auch von außen per Fernbedienung, wie schön! Für die Galerie spektakulär sind natürlich auch die Scherentüren, als McLaren-Eigner muss man also eine gewissen Form der Extrovertiertheit mögen. Auch das kennt man von Lamborghini.

49 Kilo mehr…

…wiegt der Spider im Vergleich zum Coupé, das wir für die heurige Jänner/Februar-Ausgabe bereits über die Grand- Prix-Strecke von Estoril geprügelt haben. Dank Kohlefaser-Monoco­que ist der 750er aber ohnehin der Leichtathlet im Segment, Mase­rati MC20 und Ferrari 296 sind mindestens 100 Kilo schwerer, das allrad­getriebene Porsche 911 Turbo S Cabrio kämpft mit knapp 1,8 Tonnen überhaupt in einer anderen Gewichtsklasse. Selbst der ausgelaufene Lamborghini Huracan Spyder RWD wog 71 Kilo mehr. Das war’s jetzt mit den Seitenblicken nach Sant’Agata. Wir bleiben aber auf der Brückenwaage: Gegenüber dem Vorgänger 720S ­speckte der 750er exakt 30 Kilo ab, kitzelt – nomen est omen – 30 PS mehr aus dem Vierliter-V8 und ist kürzer übersetzt.

Man kann sich schon ausmalen, was diese Evolution im echten Leben bedeutet. Erfährt man es freilich hinterm Steuer, wird der Irrsinn erst richtig ­greifbar. Dieser Spider lässt im Grunde alles stehen, was sich­ Cabrio oder Roadster oder eben Spider nennt, egal ob mit normalem i ­ge­schrieben oder mit fremdem. Praktisch ohne Turboloch schwappt einem der Achtzylinder im Heck die Hirnflüssigkeit Richtung Kopfstütze, im Sport-Modus untermalt von kriegerischem Kreischen, bösem Ballern und salvenartigem Schüssen aus dem Auspuff.

Es geht aber auch anders.

Fährt man mit dem 750S Spider gedankenlos los, überrascht der bei Neustart stets aktive Komfort-Modus mit gnädigen Dämpfern und relativ wenig Auspuff-Getöse, früh & flott switcht das Doppelkupplungsgetriebe hoch, und schon ertappt man sich innerorts im sechsten Gang dahincruisend. Der Blick durch die riesige, tief heruntergezogene Frontscheibe samt zarten A-Säulen eröffnet beim Rangieren jede Menge Ein- und Ausblicke, den Rest erledigen die 5780 Euro teuren Rundumkameras. Ein Dutzend „Bowers and Wilkins“-Lautsprecher liefert für 5500 Euro Aufpreis HiFi-Klänge als Alternativ-Programm zum ­Auspuff-Ensemble – wer das braucht, wird mit einem stellenweise mäßigen DAB-Empfang bestraft, das kommt davon! Schon besser: Ein richtig rasches Frontlift-System (Aufpreis 3630 Euro) raubt schlafenden ­Polizisten ihren Schrecken, die wachen Kollegen sollte man freilich immer im Hinterkopf haben, denn nur allzu oft ist man beim Blick auf den Tacho überrascht, nach wie wenig Speed sich das alles anfühlt.

Also vielleicht doch besser…

…vor jeder Fahrt ins Sport-Programm switchen – das geht ganz easy und ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen –, es schärft auf die eigenen Sinne und aktiviert automatisch den unbewussten Challenge-Modus in dir. Die Lieblings-Konfiguration für Antrieb, Aerodynamik & Co. lässt sich in einem Individual-Modus abspeichern und per Knopfdruck abrufen, da findet sich bestimmt ein gut abgeschmecktes Menü für jeden Gusto. Wer’s gerne scharf mag, wird von einer überragenden Portion Fahr-Feedback verwöhnt. Die elektrohydraulische Lenkung – nix da Strom-Servo – ist ein Musterbeispiel für ein vertrauenerweckendes Präzisionswerkszeug, die Schalt-Paddels drehen sich mit dem Volant mit – danke, McLaren!

Auch dafür, dass es jetzt einen Bremskraftverstärker gibt, was die Dosierbarkeit der brutalen Eisen echt verbessert. Ebenfalls vom Feinsten: der hydraulische Wankausgleich anstelle konventioneller Stabis. Damit neigt sich der 750er in flotten Kurven so gar nicht zur Seite. Und flott heißt hier wirklich flott, der Speed beim Abbiegen raubt ungeübten Beifahrern die Sinne. Und die tadellose Traktion ermöglicht ein aufs Gas Latschen am Scheitelpunkt, ohne dass einem das Heck um die Ohren fliegt – wobei wir in Sachen Grip den Ferrari 296 etwas souveräner in Erinnerung haben. 

Damit sind wir beim Seitenblick nach Maranello

Der netto ähnlich kostspielige GTS aus Italien ist bei uns dramatisch billiger als der 750S Spider – weil er hierzulande seine NoVA-Trümpfe ausspielen kann. Einen aufmachbaren Hybrid-Sportler gäbe es freilich auch aus dem Hause McLaren, nämlich den Artura. Der kommt bei kaum schlechteren Fahrleistungen gute 155 Tausender günstiger als unser Hauptdarsteller hier. Allerdings kriegt man dann nur sechs statt acht Zylinder. Als selbstbewusster McLaren-Verkäufer sollte man auf derlei Überlegungen mit britischem Humor reagieren: Da können Sie ja gleich einen Ferrari, Maserati oder Porsche kaufen!

Die genaue Bewertung des Test McLaren 750S Spider lesen Sie unten. Dieser Test erschien übrigens mit vielen weiteren in der Ausgabe Mai 2024 von Alles Auto, hier online zu bestellen.

Foto: Robert May

Daten & Fakten

Basispreis in € 441.310,–
Zyl./Ventile pro Zyl. 8/4
Hubraum in ccm 3994
PS/kW bei U/min 750/552 bei 7500
Nm bei U/min 800 bei 5500
Getriebe 7-Gang-Doppelk.
L/B/H, Radst. in mm 4569/1930/1194, 2670
Kofferraum/Tank in l 58 / 72
Leergewicht in kg 1438
0–100 km/h in sec 2,8
Spitze in km/h 332
WLtP-Normverbrauch in l (kombiniert) 12,2
CO2-Ausstoß in g/km 276