Aston Martin DB9

4. Mai 2013
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Tests

FAHRZEUGDATEN

Marke:Aston Martin
Klasse:Coupé
Antrieb:Hinterrad
Treibstoff:Benzin
Leistung:517 PS
Testverbrauch:14,3 l/100km
Modelljahr:2013
Grundpreis:232.500 Euro

So nah an der Maschine und doch so smart angezogen: Der Aston Martin DB9 ist ein zeituntypisches Sportgerät – was ihn umso sympathischer macht.

Sie müsse´ faahre´ wolle´! Mit vier Worten in ausladendem Schwäbisch bringt Aston Martin-Chef Dr. Bez die Sache auf den Punkt. Anders gesagt: Ein Aston Martin ist nichts für Play Station-Luschis, die glauben, ihre virtuellen Bestzeiten hätten in der echten Welt von Asphalt, Gummi und Benzin irgendeine Bedeutung. Unwürdig ist auch die Onanie über Beschleunigungszehntel und Höchstgeschwindigkeiten im Prospekt: Wer im DB9 nicht rechtzeitig ankommt, hat nicht das langsamere Auto, sondern kann es eben nicht, das Fahren.
Aston Martin orientiert sich an den drei Grundtugenden Leistung, Schönheit und Seele – mit dem aufgefrischten DB9 wieder auf die hauseigene Art neu interpretiert und gesteigert. Wenn es etwas gibt, woran die britische Nobelmarke festzumachen ist, dann ist das die hohe Kunst von Ingenieurswesen und Handwerk. Nichts an einem Aston Martin wirkt beliebig oder aufgepeppt aus einer Großserie entliehen – ganz einfach, weil es das nicht ist. Egal, ob Instrumente, Schalter oder Knöpfe (und wie sie einrasten), alles hat ein eigenes Flair weitab der Convenience-Atmosphäre der Mitbewerber. Andere Sportwagenhersteller kaschieren ihre Großserien-Domestizierung durchaus erfolgreich mit exzessiver Leistungsausbeute und feiern sich dafür selbst. Es trifft ungefähr das, was Konrad Lorenz auf anderem Gebiet nicht ganz konfliktfrei als „Verhausschweinung“ bezeichnet hat – und Aston Martin ist die automobile Antithese dazu. Fast alle anderen Premium-Marken hängen im Gestrüpp eines Großkonzerns, die dort viel zitierte große Freiheit gibt es aber nicht, stattdessen spielt´s die sukzessive Entwöhnung vom Individualismus.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Das ist ein Maschinenleitstand, allerdings für elegante Maschinisten. Es muss kein Smoking sein, ein Anzug tut es auch

Der DB9 empfängt seine Gäste mit eleganter Kühle, keine Spur von Schwülstigkeit oder Lounge-Gefühl – wer hier Platz nimmt, hat sich gerade einen Maßhandschuh zum Autofahren angezogen. Die Konsole mit ihren Glas-Knöpfen nimmt den Schlüssel auf, das Ganze hat etwas von der Romantik früher Sience Fiction-Jahre. Leder wird anderswo meist die seelenlose Anmutung von Kunststoff aufgezwungen, hier bleibt es als Naturwerkstoff erkennbar. Wie das bei aller Perfektion von Oberfläche und Nähten gelingt, bleibt das Geheimnis von Aston Martin. Selbst Nichtraucher sollten unbedingt das Raucherpaket ordern, allein des Aschenbechers wegen: eine aus einem Stück Aluminium gefräste, schlichte Skulptur, schwer und massiv. Wer je einen Grund zum Rauchen gesucht hat – das wäre einer.
In Aston Martins Coupé-Universum nimmt der DB9 die goldene Mitte in Anspruch, zwischen dem knackigen Vantage und der scharf konturierten Carbon-Ikone Vanquish stilsicher und elegant platziert. Der vor allem in den Zylinderköpfen und der Steuerung gründlich überarbeitete V12 spendet dem feinen Gran Turismo jetzt 517 Pferdestärken und 620 Newtonmeter als Einladung zum ehrlichen Erfahren von Fliehkraft, Haftgrenzen und Querbeschleunigung. Wer die Faktoren Frontmittelmotor, Transaxle-Getriebe und 50:50-Gewichtsverteilung zu deuten weiß, kann sich in etwa vorstellen, welche Fahrdynamik der elegante Brite aufzubieten im Stande ist. Und er hält, was er verspricht – kaum ein Sportwagen liefert heute so viel feinsensorischen Response, nirgends sind Maschine und Fahrer noch so eins.
Die notwendige Börse sollte an dieser Stelle vielleicht noch erwähnt werden: Gut 230.000 Euro ist der Spaß im DB9 teuer, aber niemand wird je bestreiten, dass der Gegenwert stimmt. Dass Aston Martin dadurch der Zuspruch von Hobby-Marxisten und Sozial-Romantikern breitflächig versagt bleibt, ist erwünscht. Allerdings: Wem beim Anblick eines solchen Gerätes gleich der Neidmuskel anschwillt, darf sich damit trösten, dass die Steuerleistung für das Verdienen des Kaufpreises plus des Erwerbs bei etwa 300.000 Euro liegt – von der Summe kann der Staat wohl einige Neider ganz gut durchfüttern.
Der DB9 ist die jüngste Schöpfung des Hauses auf der modularen VH-Plattform-Architektur. V steht für vertikal, womit die Anpassung die gesamte Aston Martin Modellpalette rauf und runter gemeint ist. Das H stand eigentlich für horizontal und damit die Weiterreichung dieser Struktur an andere Marken im Ford-Konzern und ist somit seit 2007 hinfällig, weil Aston seit dem einem kuwaitischen Investoren-Duo gehört. Wenn ein deutscher Massenhersteller gerade mit der Modulbauweise wirbt, lächelt Dr. Bez also verhalten: „Das habe´ wir seit zehn Jahre´.“ Und im Nachsatz: „Am End´ muss immer der Ingenieur ran.“
Wie recht er damit hat, zeigt sich am kleinen, aber wichtigen Detail des Fußgängerschutzes. Der gängige Weg zur Erfüllung der EU-Richtlinien ist der Einbau von Crashsensoren und Haubendämpfern – kompliziert, teuer, schwer. Die Ingenieure von Aston Martin haben sich das genauer angesehen und eine simple, kostengünstige Variante gefunden: Wird der Kühlergrill eingedrückt, klappt die Fahrzeugfront zusammen und die Haube hebt sich von selbst. Mission erfüllt – mit etwas Denkaufwand, aber weniger technischem Firlefanz.
Allerdings kommt leichtsinnigen Fußgängern zusätzlich die Warnfunktion des Arbeitsgeräusches zugute – der DB9 ist selbstredend dezenter gestimmt als das Gros der vorlauten Kollegenschaft von der Konkurrenz, allerdings auch weit vom Flüsterton entfernt. Wenn sich zwölf Kehlen räuspern, ist immer etwas los, und es gilt nach wie vor: Geräuschfahrer sind hörbarer.
Vielleicht erklärt sich das Wesen von Aston Martin und des DB9 im Speziellen durch einen einfachen Vergleich: Bentley, Maserati, Ferrari, Lamborghini entsprechen in etwa schönem, teuerem Schuhwerk von Gucci, Tod´s oder Vuitton – edel, modern, ergonomisch. Aston Martin ist unverändert der handgefertigte Maßschuh. Nicht leistungsfähiger, nicht bequemer, nicht vielseitiger als die anderen – aber immer einzigartig.

Risiken und Nebenwirkungen möglich, Gewöhnungsgefahr ausgeschlossen: Die Linie des DB9 verführt Kenner aus jeder Perspektive

[ i]TECHNIK:[ /i]
V12, 48V, 5935 ccm, 517 PS (381 kW) bei 6500/min, max. Drehmoment 620 Nm bei 5000/min, Sechsgang-Automatik, Heckantrieb, Keramik-Scheibenbremsen v/h (bel.), L/B/H 4720/2061/1282 mm, Radstand 2740 mm, 4 Sitze, Reifendimension 245/35 R 20 (v), 295/30 R 20 (h), Tankinhalt 78 l, Kofferraumvolumen 227 l, Leergewicht 1785 kg, 0-100 km/h 4,6 sec, Spitze 295 km/h, Normverbrauch (Stadt/außerorts/Mix) 21,6/10,0/ 14,3 l ROZ 98, CO2 333 g/km

Preis: EUR 232.500,-

Hinter der Vorderachse gut aufgehoben und mit einer schönen Stimme gesegnet: Aston Martins Zwölfzylinder, die Motorisierung der hauseigenen Mittelkasse

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