Audi RS4 Avant: Heidi Klum auf Rädern

13. April 2018
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Aktuelles

Zugegeben: Autos mit Frauen zu vergleichen ist schon prinzipiell sehr klischeehaft. Ja, in Zeiten von #metoo vielleicht sogar etwas halsbrecherisch. Aber Hand aufs Herz, es ist nicht böse gemeint! Im Gegenteil. Der Vergleich des neuen RS4 Avant mit dem wohl bekanntesten deutschen Model seit Claudia Schiffer soll bloß dazu dienen etwas zu veranschau­lichen: Dass auch Perfektion relativ ist. Dazu zum Auto an sich: Audi Sport hat beim RS4 Avant rein optisch die Gratwanderung zwischen Understatement und purer Brutalität gut hinbekommen. Der Power-Kombi ist aus jedem Blickwinkel hinreißend ­anzusehen, ohne aber jemals obszön zu wirken. Ein paar fein ­definierte ­Kurven da, ein paar scharfe Linien dort und dazu ein quattro-Schrift­zug, der gerade raffiniert genug in den Kühlergrill tätowiert ­wurde um nicht Arschgeweih-plump zu wirken.

Wird die Fahrdynamikreglung auf Komfort gestellt, fährt sich der RS4 kein bisschen anders als ein konventioneller A4 Avant: ruhig, berechenbar und komfortabel.

Wird die Fahrdynamikreglung auf Komfort gestellt, fährt sich der RS4 kein bisschen anders als ein konventioneller A4 Avant: ruhig,
berechenbar und komfortabel.

 

Freilich ist die athletische Hülle nicht bloßer Schein: ­Unterm schicken Blech lauert ein stahlhart auftrainiertes Sixpack in Form des selben 2,9 Liter-Biturbo-V6 mit 450 PS und 600 Newtonmeter, der schon im RS5 (hier unser Fahrbericht zu ihm) in jeder Lebenslage zu überzeugen wusste. ­Wenig überraschend also, dass auch der RS4 Avant, so das Gaspedal mit dem Boden­blech bekannt gemacht wird, davonzieht wie ein von der Leine gelassener Jagdhund, der Beute gewittert hat. 4,1 Se­kunden vergehen aus dem Stand, bis man dreistellige km/h-Zahlen auf dem Digital-Tacho zu Gesicht bekommt – 0,2 mehr als beim Coupé-Bruder, der mit seinen aber immerhin 135 Kilogramm leichter ist. Dennoch gibt’s am BMI des Rucksack-Athleten nichts zu meckern. Mit seinen 1790 Kilo ist er immer noch um 80 Kilo leichter als der Vorgänger und bringt es auf ein mehr als respektables Leistungsgewicht von knapp 4 kg/PS.

Von hinten machen die ovalen Endrohre der Klappenanlage, der Diffusor, und vor allem die durchaus sichtbare Spurverbreiterung um drei Zentimeter klar, dass man hier gerade von keinem normalen A4 stehen gelassen wurde.

Von hinten machen die ovalen Endrohre der Klappenanlage, der Diffusor, und vor allem die durchaus sichtbare Spurverbreiterung um drei Zentimeter klar, dass man hier gerade von keinem normalen A4 stehen gelassen wurde.

 

Ob es einen Grund gibt, dem V8 des Vorgängers nachzuweinen? Nun ja, jein. Natürlich vermelden Puristenherz sowie Fahrer- und Passanten-Ohr, dass acht Zylinder schon geiler sind als sechs, doch in Sachen Leistung steckt der neue Turbo-Motor den alten Saug-Murl locker in die Tasche. Vor allem im Alltag – und gerade hier soll der RS4 Avant ja brillieren. Passend dazu ist es auch gar nicht so sehr die Beschleunigung aus dem Stand, die zu begeistern vermag, sondern die Tatsache, dass der Vortrieb selbst bei nur in Deutschland legalem Autobahntempo nicht das kleinste bisschen nachzulassen scheint. Grund dafür ist das sehr lang eben bleibende Drehmoment-Plateau, das von der flott und sanft schaltenden Achtgang-Automatik jederzeit perfekt verwaltet wird.

 

Dank obligatem Allradantrieb ist auch Traktion nie ein ­Thema: In Kurven folgt der Power-Kombi wie an einer Schnur gezogen den Befehlen an der feinfühligen und auf Wunsch variablen Lenkung. Apropos „auf Wunsch“: Obgleich der RS4 Avant schon ab Werk recht sportlich bestückt ist, warten genug begehrens­werte und kostspielige Extras in der Aufpreisliste. Das RS-Sportfahrwerk plus mit Dynamic Ride Control (DRC), Keramikbremserei, von 250 auf 280 km/h angehobener Top-Speed oder ein Sperrdifferenzial an der Hinterachse etwa. Vor allem das verstellbare Fahrwerk sei durchaus angeraten, macht es den RS4 Avant doch in ­Kombination mit der Fahrdynamikregelung, die auch den Klappenauspuff unter seiner Fuchtel hat, endgültig zum perfekten Spagat-Meister: ­komfortabel, ruhig und sanft im Alltag, laut, hart und brutal, wenn man es mal wissen will – wenn auch rein akustisch nicht mehr so arg wie noch der Vorgänger.

Unauffällig die Kinder in die Schule bringen, auf der Autobahn Sportwagen verblasen, auf der Bergstraße Motorradfahrer ärgern und am Wochenende mit Sack und Pack in den Urlaub fahren – all das geht mit dem neuen RS4 Avant.

Unauffällig die Kinder in die Schule bringen, auf der Autobahn Sportwagen verblasen, auf der Bergstraße Motorradfahrer ärgern und am Wochenende mit Sack und Pack in den Urlaub fahren – all das geht mit dem neuen RS4 Avant.

 

Mal das Heck raushängen lassen erfordert Audi-typisch in ­jedem Fall ein gehöriges Maß an Drastik am Volant. Ginge es nämlich nach dem Chassis, würde nicht mehr in den Asphalt zu pressende Kraft stets in gutmütiges Untersteuern abgebaut. Doch das ist ja auch gut so – immerhin ist ja nicht jeder abzubauende Kraftüberfluss stets Absicht des Fahrers.

Somit ist der Audi RS4 Avant am Ende quasi die perfekte ­Chimäre aus sanftem Alltags­auto und reichlich bösem Landstraßen-König. Ob er nun das perfekte Fahrzeug ist, wird wohl nur durch die selben Faktoren bestimmt, die entscheiden, ob Heidi Klum die perfekte Frau für einen wäre oder nicht. Fest steht: In Sachen Alltagstauglich­keit und Leistungsvermögen kann ein kräftiger Kombi nicht mehr viel besser werden, als es der neue RS4 Avant heute schon ist. Alles darüber hinaus ist wie so vieles Geschmacks­sache.

Daten & Fakten

V6, 24V, Bi-Turbo, 2894 ccm, 450 PS (331 kW) bei 5700–6700/min, max. Drehmoment 600 Nm bei 1900–5000/min, Achtgang-Automatik, Allradantrieb, Scheiben­brem­sen v/h (bel.), L/B/H 4781/1866/1404 mm, Radstand 2826 mm, 5 Sitze, Reifendi­men­sion 265/35 R 19, Tankinhalt 58 l, Kofferraum­vo­lumen 505–1510 l, Wende­kreis 11,7 m, Leergewicht 1790 kg, 0–100 km/h 4,1 sec, Spitze 250 km/h, Normver­brauch Mix 8,8 l ROZ 98, CO2 199 g/km

Preis: € 99.380,–

Profilbild von Johannes Posch

Filme, Videospiele, Technik, Autos, Speis und Trank ... meine Interessen lesen sich wie das 1x1 der Männer-Klischees. Aber so bin ich nun mal. ;) Und das zeigt sich auch in meinem bisherigen Werdegang: Hotelfachschule, dann Videospieljournalist (übrigens bis heute: www.gamers.at), anschließend einige Jährchen bei einer Unternehmensberatung und Digital-Marketing Agentur und nun also hier, bei Alles Auto. Hier darf ich seit Mai 2015 die Geschicke von allem das "online & digital" ist lenken und gestalten ... und "nebenbei" natürlich der Redaktion mit Tests, Fahrberichten und mehr meinen Stempel aufdrücken. Und dabei bin ich natürlich auch immer für Anregungen offen. Fragen und vor allem Anregungen sind also jederzeit willkommen. :)

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