Die Rallye Monte Carlo und der ORF – 17 Uhr, Dienstschluss!

20. Januar 2021
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Das staatliche österreichische Fernsehen beschäftigte dereinst zumeist freie Mitarbeiter als Sportkommentatoren. Heinz Prüller übertrug Formel 1-Rennen und Damen-Skibewerbe, Krone-Sportchef Michael Kuhn Fußballspiele. Presse-Sportboss Gerhard Zimmer und Franz Krynedl waren die Reporter bei den Tennis-Übertragungen, Herbert Völker gestaltete im Fernsehen die Rallye-Reportagen. Die Kameraleute und Tontechniker hingegen waren Festangestellte, mit fixer Arbeitszeit und Pensionsberechtigung.

Bei der Rallye Monte Carlo 1972 richtete das ORF-Fernsehteam, es war mit einem Großaufgebot an Spezialisten in die französischen Seealpen aufgebrochen, unter der redaktionellen Leitung Herbert Völkers mehrere Standorte für die Filmarbeit ein. Hunderte Fans warteten auf die Rallye-Fahrzeuge, die Fernsehleute hatten Kameras und Tonmikrofone in den bestmöglichen Positionen aufgebaut. Zufrieden thronte Regisseur Völker auf dem obersten Felsen des Hanges, alles war angerichtet.

Leider verspätete sich der Rallyetross ein wenig. Die hitzköpfigen Fans vertrieben sich die Zeit mit Schneeballwerfen und dem Einschütten alkoholischer Getränke. Da plötzlich ein Röhren unten im Tal, wenig später nähert sich die blaue Alpine A110 mit der Startnummer eins der fernsehgerechten Kurve. Genau in dem Moment begannen die ORF-Knechte ihre Kameras und Mikrofone abzubauen. „Was ist los?“, rief ein Assistent. Da kam die Antwort des Technik-Oberhäuptlings: „17 Uhr, Dienstschluss!“ Eine private Einladung Völkers zum Abendessen war der rettende Motivationsschub für die Fernsehmannschaft, doch noch ein Überstündchen draufzulegen.

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Foto: Renault Communication

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