Erinnerungen an Stirling Moss

12. April 2020
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Aktuelles

Am Morgen des Ostersonntag verstarb mit Stirling Moss der erfolgreichste Nicht-Weltmeister der Formel 1 (vier Mal Vize-Weltmeister, 16 Rennsiege) im 91. Lebensjahr.

Ich erinnerte mich an mein erstes Zusammentreffen mit dem kleinen großen Mann des Rennsports. Es war im Juli 2006, und wir beide fuhren im Mercedes-Team der Ennstal Classic, Moss einen 300 SLR, ich einen 190 SLS. Am ersten Abend trafen wir uns im Festzelt, es gab einen Tisch für die Fahrer und gleich daneben einen für die Mechaniker. Bevor sich Stirling zu uns setzte, ging er noch zum Nachbartisch, gab jedem Mechaniker die Hand und bedankte sich. Der von der Queen zum Sir geadelte war ein echter Gentleman.

Am letzten Abend hatte ich noch eine Bitte an Stirling: Ob er mir ein Bild signieren könne, ich hatte mir ein Schwarzweiß-Foto mit einer Rennszene aus 1956 besorgt – Moss im Maserati 250 F. Stirling kritzelte etwas auf das Bild und reichte es mir wieder. „To Enrico. Great to be in the same team. Stirling Moss“. Das gerahmte Teil hat seither einen Ehrenplatz in meinem Zuhause, jedes Mal wenn ich es sehe, bekommen ich Gänsehaut.

Seit diesem Kennenlernen habe ich Stirling und seine bezaubernde Frau, sein Lebenselixier Susie, immer wieder getroffen. Er spielte Modellautos mit meinem Sohn in Schladming, gab mir Tipps für meine Fahrt im Mercedes 300 SL Roadster, erzählte unverblümt vom schwarzen Tag in Le Mans 1955: „Es war ein Fehler, dass wir mit dem Mercedes-Team abgereist sind“. Wortspenden wie diese waren für mich als Journalist Goldes wert, keiner traute sich so etwas sagen. Zum Beispiel auch das: „Die heutige Formel 1 ist eine Farce. Als wir damals gelbe Flaggen gesehen haben, sind wir umso schneller gefahren.“ Ich habe Stirling erlebt, wie er auf Krücken in einen Mercedes-Rennwagen gestiegen ist – um diesen dann zu bewegen wie der größte Racing-Gott.

Stirling war der beste Rennfahrer, der nie Formel 1-Weltmeister wurde. Für ihn war Kollege Juan Manuel Fangio stets der Beste. Doch im Tourenwagen konnte der Argentinier den Briten kaum schlagen.

Und so sticht, wenn ich die vielen Triumphe von Stirling Moss Revue passieren lasse, für mich einer besonders hervor: der Sieg bei der Mille Miglia 1955 auf Mercedes 300 SLR – mit 157,65 km/h Schnitt schaffte er die tausend Meilen. Auf öffentlichen Straßen. Auf teils fürchterlichem Belag. Ohne Absperrungen. Pausen nur zum Tanken und Reifenwechseln. So etwas heute zu reproduzieren, selbst in einem allradgetrieben Porsche 911 Turbo und ohne Gegenverkehr, erscheint mir unmöglich.

Ich erinnere mich, als ich Stirling im Frühjahr 2012 vom Flughafen in Wien abgeholt habe. Er sollte in Wien die Chopard-Uhr zur Ennstal Classic überreicht bekommen. Ich besorgte von Bentley Wien eine Limousine, rief meine liebe Freundin Inge Limbach vom ORF an, ob sie nicht mitkommen wolle und gleich ein Interview machen möchte. Sie sagte sofort zu, mit ihrem Kamerateam warteten wir in der Ankunftshalle. Kurz vor der Landung kam eine Maschine aus Brüssel an, eine österreichische Ministerin sah die ORF-Kameras und kam eiligen Schrittes auf uns zu. Inge winkte sie weiter: „Wir warten auf den großen Stirling Moss“. Und dann kam er auch schon, seine Susie musste ihn stützen, ein paar Wochen zuvor war er in den Aufzugsschacht seines Wohnhauses gestürzt. Auch diesen Unfall hatte er überlebt. Nach dem Interview am Flughafen verfrachtete ich Stirling & Susie in den Bentley-Fond, und ab ging es ins Hotel Sacher. Ich hätte eine Kamera und ein Mikro montieren sollen im Auto – der Text, der zwischen dem Ehepaar lief, war an Humor und Charme nicht zu überbieten.

 

Ewig in Erinnerung wird mir auch bleiben, wie ich Stirling als Überraschungsgast zum 70er von meinem damaligen Schwiegervater Helmut Zwickl einfliegen habe lassen. Das große Fest stieg im Oktober 2009, angeleiert hatte ich die Chose bereits im Sommer im Ennstal. Mein Trauzeuge Christian Grösswang holte das Ehepaar Moss vom Flughafen ab, brachte sie ins Sacher, ließ sie sich frisch machen, danach ging es ins Schloss Laudon, wo die große Zwickl-Party stieg. Am Ende meiner Laudatio musste ich eine Überleitung zum Überraschungsgast finden. Das gelang dramaturgisch gut: „Was soll man einem Helmut Zwickl schenken, der schon alles erlebt hat? Am besten wohl ein Abendessen mit Freunden, die im Ausland leben. Lieber Helmut, wir haben Flugtickets gebucht und ein Hotelzimmer, damit Du Deine Freunde Stirling & Susie treffen kannst.“ Nachsatz nach einer kurzen Pause: „Und der Flieger ist vor zwei Stunden in Wien gelandet!“ Die Tür in den Festsaal ging auf, unter dem Applaus der ebenso überrumpelten Gäste zogen die beiden ein, Helmuts Gefühlsausbruch werde ich nie vergessen.

Ein paar Wochen später erzählte ich die Story bei einem Abendessen mit Mercedes-Managern bei einem meiner Auslandseinsätze. „Toll. Aber was hat die Aktion gekostet? Also, wie hoch war Stirling Moss‘ Honorar?“ Die Deutschen konnten nicht glauben, dass Stirling alles aus seiner Tasche bezahlt hatte. Moss war der erste hochprofessionelle Rennfahrer, und auch in der Pension ließ er sich für seine Auftritte als Botschafter der goldenen Motorsport-Ära fürstlich entlohnen. Zu Recht, aber eben nicht bei echten Freunden.

Am Sonntagmorgen verstarb Stirling nach langer Krankheit 90-jährig in seinem Haus in London, er ist friedlich eingeschlafen. Ich denke an Susie, die ihm in den letzten Jahren so viel Kraft gegeben hat. Ihre Liebe war der größte Erfolg seines bewegten Lebens.

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