Jaguar XJ8 4,2

6. Juli 2003
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Tests

FAHRZEUGDATEN

Marke:Jaguar
Klasse:Limousine
Antrieb:Hinterrad
Treibstoff:Benzin
Leistung:298 PS
Testverbrauch:12,8 l/100km
Modelljahr:2003
Grundpreis:90.100 Euro

Dank Luftfederung bewegt sich der neue Top-Jaguar XJ auf besonders sanften Pfoten. Wodurch die Attacke für seine Gegner noch überraschender kommt.

Gediegen und elegant ist er wie kaum ein anderer, der Jaguar XJ. Seine gestreckte Linienführung beeindruckt bereits seit vielen Jahren, und das klassische Doppelscheinwerfer-Layout weiß genauso zu gefallen wie die spitz nach unten zusammenlaufenden Rückleuchten oder das klassisch gestylte, holzgetäfelte Armaturenbrett.
Attribute, die auf das neue Modell zutreffen, wie auch auf den Vorgänger, den Vor-Vorgänger und so weiter.
Wie bitte, neues Modell? Selbst, wenn man den XJ, Baujahr 2003, direkt neben seinen Vorläufer parkt, muss man schon zweimal hinsehen, um Unterschiede zu erkennen. Die erschöpfen sich dann im Grunde auch in der etwas rundlicheren Dachlinie, Detail-Änderungen rund um die Stoßfänger und der Tatsache, dass die inneren Scheinwerfer jetzt etwas kleiner sind als die Äußeren.
Da fällt es auch gar nicht auf, dass der neue Jag um ein ganzes Stück größer geriet als der alte. Mit einer Länge von 5,09 Meter und einem Radstand von 3,03 Meter spielt er wieder ganz vorne mit in der Luxusklasse. Doch davon, eine wirklich geräumige Limousine zu sein, ist er noch weit entfernt. Immerhin kann man den Innenraum jetzt als heimelig interpretieren und nicht mehr einfach als zu eng. Ein ähnliches Bild offenbart sich beim mit 470 Liter nur mittelgroßen und noch dazu flach-zerklüfteten Ladeabteil. Denn auch das wird eingefleischte Jaguarianer zum Jubeln bringen: Ist es doch die größte Ladehöhle, die jemals Coventrys Werkshallen verlassen hat.
Doch nicht nur das: Generell ist der XJ das mit Abstand modernste Fahrzeug, das je aus selbigen Hallen rollte. Dank Aluminium-Monocoque-Karosserie, Luftfederung, Sechsgang-Automatik, elektronischer Parkbremse und elektrisch verstellbaren Pedalen – alles serienmäßig übrigens.
Die Alu-Karosserie ist im Gegensatz zum von Audi und Co. eingesetzten Rahmen-Konzept wie eine normale Stahlblech-Karosserie aufgebaut. Ihre Einzelteile sind wie im Flugzeugbau verklebt und vernietet. Was allerdings auch der Grund dafür ist, warum sich die XJ-Premiere um mehr als ein Jahr verzögerte. Denn sie ist zwar kostengünstiger und einfacher herzustellen als ein Space-Frame, aber dennoch eine im Autobau neue Technologie. Und dafür zahlt eben immer der Pionier das Lehrgeld.
Die Vorteile liegen aber ebenfalls auf der Hand: exzellente Karosserie-Steifigkeit, agilstes Handling und verhältnismäßig geringer Spritverbrauch.
Auch der serienmäßige Einbau eines Luftfeder-Fahrwerks erweist sich als gute Idee. Dessen im von uns getesteten XJ8 4,2 ausgesucht sanfte Auslegung wird jedoch nicht jeden begeistern. Weil aber XJ-Entwicklungschef David Scholes eine An-Bord-Verstellung für einen schalen Kompromiss hält, müssen Freunde der strafferen Federung zum 934 Euro teuren Sportfahrwerk greifen. Eine empfehlenswerte Variante, denn von unstandesgemäßer Härte sind die Luftpölster dann immer noch weit entfernt, doch die angeborene Agilität der Alu-Großkatze kommt in diesem Fall entschieden besser zur Geltung.
Gediegen auch der Motor, der vom Vierliter-V8 abstammt, dessen Hub aber geringfügig vergrößert wurde: 298 PS sorgen für kräftigen Vorwärtsdrang, Drehmoment und Laufruhe können sich ebenfalls sehen lassen. Kein Wunder, dass dieses Aggregat weltweit das meistbestellte für den Top-Jag ist.
Im Grunde verhält sich der XJ also so, wie man es von einem Jaguar erwartet: unauffällig-elegant in Ruhe, auf dem Sprung aber ein durchaus gefährlicher Angreifer.

TECHNIK
V8, 4-Ventil-Technik, 4196 ccm, 219 kW (298 PS) bei 6000/min, max. Drehmoment 411 Nm bei 4100/min, Sechsgang-Automatik, Hinterradantrieb, vorne und hinten: doppelte Dreiecksquerlenker, Stabilisator, Luftfederung mit Niveauregulierung und elektron. Dämpferregelung, Scheibenbremsen v/h (bel.), ABS, L/B/H 5090/1860/1448 mm, Radstand 3034 mm, 5 Sitze, Wendekreis 11,7 m, Servo, Reifendimension 235/ 50 R 18, Tankinhalt 85 l, Reichweite (bis Tankreserve) 620 km, Kofferraumvolumen 470 l, Leergewicht 1615 kg, zul. Gesamtgewicht 2200 kg, 0-100 km/h 6,6 sec, Spitze 250 km/h, Steuer (jährl.) EUR 1287,-, Normverbrauch (Stadt/außerorts/Mix) 16,0/8,1/10,9 l, Testverbrauch 12,8 l ROZ 95
Preis: EUR 90.100,-

FAHREN & FÜHLEN
Der 4,2-Liter-V8 ist temperamentvoll und drehfreudig, bei durchaus niedrigem Geräuschniveau. Sehr gelungen: das Zusammentreffen von viel Drehmoment und einer sanft und schnell schaltenden Sechsgang-Automatik. Der Abroll-Sound ist praktisch unhörbar, Windgeräusche registriert man aber im Bereich der Rückspiegel. Das komfortable, fast unnötig sanft ausgelegte Luftfeder-Fahrwerk bügelt alle erdenklichen Unebenheiten, im Kurven-Extremfall neigt sich der an sich sehr agile Jag recht kräftig, schiebt aber nur brav über die Vorderräder. Die Präzision der direkten Lenkung kann sich sehen lassen, sie könnte allerdings leichtgängiger sein. Wirksame, gut dosierbare Bremsen, spät einsetzendes ABS. Sitze: groß, straff, gut konturiert, vielfach verstellbar.

PLATZ & NUTZ
Subjektiv geht das Platzangebot im neuen XJ in Ordnung, im Vergleich zu seinen Luxus-Rivalen Marke Audi, BMW, Lexus oder Mercedes ist es aber immer noch bescheiden – und zwar nach allen Richtungen. Gleiches gilt für den Kofferraum: für Jaguar-Begriffe riesig, im Vergleich zur Konkurrenz aber nur durchschnittlich groß und zudem zerklüftet. Immerhin: Die Ladekante ist angenehm niedrig, und eine Erweiterungsmöglichkeit (Skisack) gibt´s gegen Aufpreis. Plus: elektrisch verstellbare Pedale, große Außenspiegel, dank zarter A-, B- und C-Säulen gute Rundumsicht, übersichtliche Front (das Heck-Ende ist dagegen vom Fahrersitz aus unsichtbar).

Traditionell, klassisch, konservativ – und mit feinsten Materialien ausgeschlagen: XJ-Cockpit

DRAN & DRIN
Selbst für Luxusklassen-Verhältnisse geriet die XJ-Mitgift ansehnlich: Luftfederung, Sechsgang-Automatik, elektronische Parkbremse, Lederpolsterung, ein feines HiFi-System – alles aufpreisfrei an Bord (siehe auch Ausstattungs-Kasten auf Seite 57). Die Extra-Liste umfasst Luxus-Goodies wie elektrisch verstellbare Fond-Einzelsitze, DVD-Entertainment, Vierzonen-Klimaautomatik oder Abstandsregel-Tempomat. Die Verarbeitung des (Vorserien-)Testwagens gefiel bis auf ein Zwitschern in der Lenksäule, die verwendeten Materialien sind durchwegs vom Feinsten. Das XJ-Design: hochelegant, aber völlig frei von Neuheiten.

SICHER & GRÜN
Die komplette Sicherheitsausstattung des XJ: Front- und Seitenairbags vorne, durchgehender Kopfairbag-Vorhang, ABS, Bremsassistent, Stabilitätskontrolle DSC, an allen fünf Sitzen höhenverstellbare Kopfstützen (vorne bis 1,85 m, hinten bis 1,80 m Körpergröße) und Dreipunktgurte, Isofix-Verankerungen. Nicht erhältlich sind lediglich Fond-Seitenairbags. Positiv abgehakter Umwelt-Check, einzig der (durchaus sparsame) Motor ist noch nicht fit für die ab 2005 geltende EU-IV-Abgasnorm.

PREIS & WERT
Ausstattungsbereinigt liegt der große Jag im Konkurrenzvergleich sehr gut, nur der Lexus LS 430 ist bei gleichwertiger Luxus-Mitgift um rund 4000 Euro günstiger. Die Fahrzeug-Garantie gilt (inklusive Mobilität) gute drei Jahre lang, das Antidurchrost-Versprechen dagegen nur sechs. Die Aluminium-Haut repariert nur ein einziger Jaguar-Betrieb in Österreich, dennoch kann man einen beschädigten XJ in jedem der (lediglich) 13 Stützpunkte abgeben. Minus: Werthaltung des Vorgängers unterdurchschnittlich, sehr kurze Service- und Ölwechsel-Intervalle (16.000 Kilometer).

ALLES-AUTO-TESTURTEIL :
Technisch der beste Jaguar aller Zeiten, in Sachen Design hätte man aber mehr Risiko nehmen können.

Diesen Test finden Sie in ALLES AUTO 5/2003

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