Toyota Avensis 2,0 D-4D

6. September 2003
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Tests

FAHRZEUGDATEN

Marke:Toyota
Klasse:Limousine
Antrieb:Vorderrad
Treibstoff:Diesel
Leistung:116 PS
Testverbrauch:7,1 l/100km
Modelljahr:2003
Grundpreis:27.410 Euro

Zuverlässig, aber optisch wenig attraktiv: das waren bisher die Attribute des Toyota Avensis und seiner Vorgänger. Mit frischem Design und hochwertigen Materialien startet der Mittelklassler nun die zweite Angriffswelle gegen Passat, Mondeo & Co

Mit der zweiten Generation des Avensis will Toyota nun endgültig zur Zulassungs-Spitze der Mittelklasse aufschließen. Entwickelt und entworfen in Südfrankreich – Toyota unterhält dort sein europäisches Designzentrum -, wirkt die in Länge und Breite gewachsene Limousine außen auch tatsächlich weit dynamischer und eleganter als ihr Vorgänger.
Dass sie dennoch nicht wie aus einem Guss dasteht, wie etwa ein Passat oder ein Dreier-BMW, liegt möglicherweise an der fehlenden optischen Marken-Identität, denn nach der sucht Toyota – wie die meisten Fernost-Hersteller – noch. Wie auch immer: Eine graue Maus ist der neue Avensis jedenfalls keine mehr.
Noch mehr Fortschritte sieht man im Innenraum: Klare Gliederung von Instrumenten und Mittelkonsole erfreut das Auge, Polsterung und Türverkleidungen wirken ziemlich nobel. Geblieben ist zum Glück die hohe Funktionalität, alle Schalter finden sich auf dem richtigen Platz und sind einfach sowie logisch zu bedienen.
Der nach wie vor dominante Kunststoff sieht fast aus wie Leder, in der von uns gefahrenen Top-Ausstattung Linea Sol“ zieren sogar schmale Holz-Einlagen Türen und Armaturenträger.
Mit den Außenabmessungen vergrößerte sich auch das Platzangebot im Inneren, richtig reichlich geriet sogar die Beinfreiheit im Fond. Doppelt schade daher, dass der hintere Kopfraum so knapp bemessen ist – mehr als reisetauglich wäre nämlich auch der, bis auf die einschränkenden Radkästen, gut nutzbare Kofferraum.
Viel Hirnschmalz investierten die Japaner in die Ausstattung: Neben Klassenüblichem wie Klimaautomatik, Fernbedien-Zentralsperre oder One-Touch-Fensterheber gefallen die am unteren Rand elektrisch beheizbare Frontscheibe zum Abtauen angefrorener Wischer oder die elektrische Zusatzheizung zum rascheren Erwärmen des Innenraums.
Leider sitzt man als Fahrer nicht ganz ideal: Trotz Reichweiten-Verstellung ist das Lenkrad zu weit weg, man kann es nur mit steil gestellter Lehne erreichen – dann aber stören die weit vorstehenden Kopfstützen.
Weit erfreulicher ist das, was die Fahrwerks-Techniker dem neuen Avensis eingepflanzt haben: Die vom Haus-Sportler Celica abgeschaute Hinterachs-Konstruktion verhilft dem Japaner zu einem hervorragenden Kompromiss aus straffer Sportlichkeit und sattem Komfort, die Fahreigenschaften stehen deutscher Konkurrenz in nichts nach.
Das in der Linea Sol serienmäßige Stabilitätsprogramm ist nicht abschaltbar und greift erst ein, wenn das Fahrzeug (etwa bei abrupten Lastwechseln in schnellen Kurven) ins Schleudern gerät – und das begleitet von schrill mahnenden Piepstönen: Quasi ein erhobener akustischer Zeigefinger.
Ein guter Bekannter ist der von uns getestete Commonrail-Diesel, den 90 Prozent der österreichischen Kunden für den Avensis wählen werden. Die sechs Mehr-PS im neuen Modell machen gerade einmal das Mehrgewicht des Autos wett, das auf 280 Nm gewachsene Drehmoment verhilft zu mehr Temperament im mittleren Bereich.
Dennoch ist der Vortrieb eher gedämpft – nicht so leider der Triebwerks-Sound: Am Stand nagelnd und auch bei Autobahntempo unüberhörbar brummend herrscht der Vierzylinder-Motor über die ansonsten angenehm niedrigen Fahr-Geräusche.
Das größte Plus des D-4D ist zweifellos die Sauberkeit: Die Abgasnorm Euro-IV erreichen die Japaner bereits jetzt – und obwohl es dann nur noch reine Formsache ist, werden die Schadstoffe ab nächstem Jahr mit einem Partikelfilter noch einmal drastisch reduziert.

TECHNIK
4-Zylinder-Reihe, 4-Ventil-Technik, Turbo, 1995 ccm, 85 kW (116 PS) bei 4000/min, max. Drehmoment 280 Nm bei 2000/min, Fünfgang-Getriebe, Vorderradantrieb, vorne: Querlenker, Stabilisator, Federbeine, hinten: Längs- und Querlenker, Stabilisator, Federbeine, Scheibenbremsen v/h (v bel.), ABS, L/B/H 4630/1760/ 1480 mm, Radstand 2700 mm, 5 Sitze, Wendekreis 11,6 m, Servo, Reifendimension 205/55 R 16, Tankinhalt 60 l, Reichweite (bis Tankreserve) 760 km, Kofferraumvolumen 520 l, Leergewicht 1380 kg, zul. Gesamtgewicht 1970 kg, 0-100 km/h 11,4 sec, 60-100 km/h (im 4. Gang) 8,7 sec, Spitze 195 km/h, Steuer (jährl.) EUR 409,20, Normverbrauch (Stadt/außerorts/Mix) 7,5/4,9/5,8 l, Testverbrauch 7,1 l Diesel
Preis: EUR 27.410,-

FAHREN & FÜHLEN
Der Commonrail-Diesel nagelt unüberhörbar, speziell im kalten Zustand. Bis 2000 Touren wirkt er zäh und unwillig, dann tritt er spontan und einigermaßen kräftig an, lässt aber gegen 3500 Umdrehungen bereits wieder merkbar nach. Insgesamt eher müder Vortrieb. Windgeräusche hörbar, Abrollgeräusch kaum. Hervorragend abgestimmtes Fahrwerk, straff und dennoch komfortabel. In schnellen Kurven leicht untersteuernd, auftretende Lastwechselreaktionen werden vom Stabilitätsprogramm spät, aber effektiv abgefangen. Traktion nicht schlecht, zuweilen muss die elektronische Schlupfregelung eingreifen. Lenkung präzise und ausreichend direkt, aber recht schwergängig, Volant angenehm groß und griffig. Schaltung nicht gerade leichtgängig, aber einigermaßen exakt, gut abgestuftes Fünfgang-Getriebe. Die kräftigen Bremsen sind leichtgängig und dennoch gut dosierbar. Die mäßig komfortablen Sitze bieten ausreichend Seitenhalt, die Sitzposition ist aber nicht ideal.

PLATZ & NUTZ
Kopffreiheit vorne ausreichend, hinten knapp. Sonst kann man alle Innenmaße als großzügig bezeichnen, vor allem die Beinfreiheit im Fond. Kofferraum groß und sehr tief, aber durch die Radkästen eingeengt, erweiterbar durch 2:1 umlegbare Rücksitz-Lehnen. Karosserie-Übersicht nach vorne ausreichend, nach hinten praktisch null. Cockpit-Gestaltung klar und verständlich, Instrumente gut ablesbar. Feine Details: automatisch abblendender Innenspiegel (auch deaktivierbar), stufenlos regelbare Sitzheizung. Störend: unbefriedigend werkender Regensensor (leider kein zusätzlicher Intervallschalter), unpraktischer Dimmer für die Instrumenten-Beleuchtung.

Logisch, übersichtlich und mit ansprechenden Materialien: Arbeitsplatz im Toyota Avensis

DRAN & DRIN
Reichhaltige Serienausstattung in der Top-Variante Linea Sol (siehe Kasten Seite 53), darunter Goodies wie Klimaautomatik, Scheinwerfer-Reinigungsanlage, beheizbare Wischerauflagen oder CD/Kassetten-Radio. Japan-üblich nur wenige Extras ab Werk: etwa Navigationssystem mit elegant versenkbarem Display, Schiebedach oder Xenon-Licht. Als Diesel nicht mit Automatik zu haben. Verarbeitung ohne Tadel, viel hochwertiger Kunststoff im Innenraum. Alle verwendeten Materialien wirken äußerst solide. Innen-Design schlicht und dennoch elegant.

SICHER & GRÜN
Toyota-Sicherheits-Plus: Neben klassenüblicher Polster-Bestückung gibt´s auch einen fahrerseitigen Knie-Airbag. Dreipunktgurte auf allen Plätzen, ebenso verstellbare Kopfstützen (reichen vorne bis 1,85, hinten bis 1,75 m Körpergröße). ABS, Bremsassistent und Stabilitätsprogramm. Umwelt-Patzer: nicht alle Lackschichten auf Wasserbasis. Der Dieselmotor entspricht schon der ab 2005 gültigen Abgasnorm Euro IV, der Testverbrauch ist allerdings etwas enttäuschend.

PREIS & WERT
Trotz reichhaltiger Ausstattung liegt der Avensis Linea Sol preislich noch unter dem VW Passat und dem Audi A4. Ford Mondeo und Opel Vectra kosten etwa gleich viel. Die Fernost-Konkurrenten Mazda6 und Nissan Primera sind durchwegs günstiger. Drei Jahre Fahrzeug- und Mobilitäts-Garantie, zwölf Jahre gegen Durchrosten. Zuverlässigkeit ist bei Toyota sprichwörtlich, ebenso die gute Wertbeständigkeit. Service alle 30.000 km, Ölwechsel alle 15.000 km. Dichtes Netz an heimischen Marken-Stützpunkten.

ALLES-AUTO-TESTURTEIL :
Verünftig wie eh und je, aber optisch attraktiver – Toyotas Mittelklasse ist wieder fit für den Wettbewerb.

Diesen Test finden Sie in ALLES AUTO 6/2003

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