Traumauto Test Lamborghini Urus Performante

2. August 2023
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Der an Lamborghini und den Leibhaftigen denkt, dem kommt natürlich am ehesten der Diablo in den Sinn, der Nachfolger des legendären Countach wurde von 1990 an elf Jahre gebaut und noch ­ohne Audi-Hilfe entwickelt. Ursprünglich aus Ingolstadt stammt der V8 für den ersten SUV des Hauses, der Urus pflügt sich damit seit 2018 durch die Straßen – im Vorjahr wurden unglaubliche 5367 Stück ausgeliefert, damit feierte die Marke mit dem Stier 2022 einen neuen Rekord in Sachen Absatz (erstmals über 9000 Autos), Gewinn (614 Millionen Euro) und Umsatz (2,38 Milliarden Euro). Die Cashcow aus Sant’Agata ist seit kurzem als gelifteter „S“ mit 666 PS unterwegs – und für 37.720 Euro mehr mit einem sportlichen Upgrade als „Performante“. Für den saftigen Aufpreis gibt’s nicht mehr Leistung, sondern weniger Gewicht, konkret 47 Kilo, und das trotz zartem Plus bei Breite und Länge. Bei der Höhe vermeldet Lamborghini ein Minus von zwei Zentimetern, weil beim Topmodell in Sachen Federung die Luft draußen ist, es kommen stattdessen konventionelle Stahlfedern zum Einsatz. Am Papier bringt das ein km/h in der Spitze und zwei Zehntel beim Sprint auf 100 – mit 3,3 Sekunden egalisiert der Urus Performante die Beschleunigungswerte der deutlich stärkeren Konkurrenten Aston Martin DBX707 und Ferrari Purosangue. Andererseits schafft das auch der Porsche Cayenne GT, der aus demselben Motor „nur“ 640 Pferde mobilisiert.

 

Alcantara wohin das Auge reicht

Vom Autoquartett ins Auto selbst. Innen empfängt uns ­eine Orgie aus Alcantara – wie viele künstliche Kühe mussten dafür wohl ihr Leben lassen? An den Sitzmittelbahnen ist das Rauleder sechseckig abgesteppt, ein Motto, das man bei Lamborghini erstmals 1967 an der Salonstudie Marzal sah, aus der später der ­Espada wurde. Wir schweifen schon wieder ab. Also Startknopf drücken, der findet sich bei Lambos der Neuzeit fast schon traditionell unter einer roten Klappe, Stichwort Kampfjet. Mit Gebrüll melden sich die 666 Stiere zum Dienst, aus den Nüstern wird nur im ­Normal-Modus „STRADA“ geatmet, in den sportlicheren Fahrprogrammen ballert und schießt es aus den vier Endrohren, dass alle in Deckung gehen. Die Titan-Auspuffanlage stammt vom slowenischen Spezialisten Akrapovic, sie allein trägt 10,4 Kilo zu den Abspeck-Maßnahmen bei. Das Stichwort Fahr-Modi ist ja schon gefallen, neu beim Performante ist neben „SPORT“ und „CORSA“ ein Programm namens „RALLY“ für unbefestigte Straßen, hier ist der Allradantrieb hecklastiger ausgelegt. Was natürlich auch auf befestigten Straßen einen Reiz hat, weil das Stabilitätsprogramm hier zwar legerer agiert, aber immer wachsam bleibt. Und die neu abgeschmeckte Lenkung generell sehr zielgenau ist. Dann findet sich rechts an der Schaltleiste in der Mittelkonsole auch noch ein „ECO“-Kopf – was soll das denn bitte? Eine Verbeugung von Lamborghini vor den Klima-Klebern? Aber nein, bitte genau schauen, es heißt „EGO“, und hier lassen sich die Parameter Antrieb (inklusive Auspuff-Sound), Lenkung und Fahrwerk je dreistufig abschmecken, abspeichern und abrufen.

Aber jetzt!

Per Druck an einer der beiden Lenkrad-Wipptasten wird die Fahrstufe eins eingelegt, für den Retourgang muss man den Hebel in der Mittelkonsole bemühen, was beim Rangieren und Einparken ein wenig Gewöhnung erfordert. Doch wir möchten ja fahren. Und da ist der Urus Performante ein Hit. Die adaptiven Dämpfer sorgen im Normal-Modus für ausreichend Komfort, aber wir wollen es krachen lassen, im wahrsten Sinn – das ist ein Lamborghini und kein Bentley, der sich ja ebenfalls desselben V8 bedienen darf (wenn auch mit maximal 550 PS). Brutal und hämmernd schiebt der schwere Leichtbau-SUV an, trotz 58 Prozent der Masse an der Vorderachse lenkt der Urus agil und dazu ohne Wanken ein – auch weil die Hinterachse leicht mitdreht. Ebenfalls atemberaubend: das Ankern mit den Karbon/Keramik-Scheiben rundum, vorne mächtige 44 Zentimeter im Durchmesser und von Zehnkolben-Sätteln in die Zange genommen – laut Lamborghini steht der 2,2 Tonnen-SUV aus 100 km/h nach 32,9 Metern, was selbst auf griffiger Rennstrecke ein Hit wäre.

 

Rennwagen oder Alltags-Begleiter?

Natürlich ist das kein Wagen für die Rennstrecke. Dafür gibt es flachere Modelle aus dem Stall der Stiere. Man braucht nur auf die klassischen Gebrauchtwagenbörsen schauen: Wie man an den Kilometerständen dort ablesen kann, werden Urus im Alltag gefahren. Warum auch nicht? Der Kofferraum ist groß, das Platzangebot selbst im Fond fürstlich. Dazu sorgen Multimedia-Ausrüstung, Bedien-Logik und Assistenzsysteme aus dem Audi-Regal für jede Menge Alltagstauglichkeit. Dennoch: Als Familienauto wird der Urus Performante für die meisten Menschen ein ewiger Traum bleiben. Und das liegt vor allem am Preis – besonders hierzulande, wo 320 Gramm CO2 in 44 Prozent NoVA eskalieren. Diese 110.000 Euro Zusatz-Abgaben bedeuten zwar keine Teufelsaustreibung, doch als moderne Art des Ablasshandels könnte man damit eventuell den einen oder anderen Klima-Kleber versöhnen, der im Urus Performante bloß den Prototyp des zu verteufelnden Autos sieht.

Daten & Fakten

Basispreis in € 372.043,–
Zyl./Ventile pro Zyl. 8/4
Hubraum in ccm 3996
PS/kW bei U/min 666/490 bei 6000
Nm bei U/min 850 bei 2300–4500
Getriebe 8-Gang-Automatik
L/B/H, Radst. in mm 5137/2026/1618, 3006
Kofferraum/Tank in l 616–1596 / 85
Leergewicht in kg 2150
0–100 km/h in sec 3,3
Spitze in km/h 306
WLTP-Normverbrauch in l (kombiniert) 14,1
CO2-Ausstoß in g/km 320