Eis und Feuer: Mitfahrt im Toyota GT86 Driftmonster

15. Februar 2017
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Es hätte eine quasi ganz „normale“ Fahrveranstaltung werden sollen: Toyota lud uns und eine Hand voll anderer Journalisten nach Finnland – genauer gesagt nach Rovaniemi – um dort das neue GT86 Facelift auszuprobieren. Nur eben nicht auf trockenen, sondern tief verschneiten und vereisten Straßen. Viel quer-fahren war also angesagt. Vor allem in dem Fahrtechnikzentrum nördlich des Polarkreises, das extra für die Journalistenmeute gemietet wurde. Dort konnte nach Lust und Laune getestet werden, wie brav und dennoch spaßig der GT86 denn ein gutes Stück über dem Grenzbereich geworden bzw. geblieben ist.

Slalom-Strecken, Kreis-runde Rutschplatten, Handling-Parcours … im Grunde war man den ganzen lieben langen Tag dabei per Blick aus dem Seitenfenster zu checken, wo man eigentlich hinfährt. Nach so viel Übung glaubte sich so mancher sodann gegen Abend als talentierter Drifter … bis der „Norwegian Hammer“, Fredric Aasbo auf den Plan trat.

Schon im Stand wirkte sein zwischen den regulären GT86 geparktes Arbeitsgerät Respekt-einflößend: Viele Kühlungsauslässe, die dem Standard-Wagen fehlen, dafür eine vor allem an der Vorderachse unsagbar breite Spur und die spartanische Innen-Ausstattung mit einem Tablet als Instrumenten-Cluster machen klar, dass dieser GT86 kein Hobby-Projekt ist. Und in der Tat: Beim Plaudern verrät Fredric, dass es Jahre gedauert hat, bis der GT86 so dastand, wie er jetzt vor uns über dem Schnee kauert. Dabei ist übrigens auch tatsächlich mehr als nur der eine oder andere Teil der Außenhaut tatsächlich „original“: Das Chassis wurde 1:1 übernommen. Natürlich aber darüber hinaus vieles modifiziert und/oder ausgetauscht. Aber zumindest ausschließlich mit Toyota-Teilen, wobei vor allem die Supra als Teilespender herhielt. Beim Motor zum Beispiel. Der Reihensechszylinder ist und war so also schon in vielen Driftcars im Einsatz und hat sich bewährt. „Normalerweise bringt er rund 1000 PS“, erklärt uns Fredric, „für das Fahren auf Schnee haben wir ihn aber etwas gedrosselt – es sollten jetzt rund 800 sein.“

Sollte reichen, denken wir uns, und blicken auf den Motor mitsamt gerade darüber hängendem Techniker. Dieser verbrennt sich just in diesem Moment die Finger am immer noch heißen Block und macht dabei von einem uns sehr geläufigen, deutschen Schimpfwort Gebrauch. Nach der ersten Verwunderung folgt bald die witzige Erkenntnis: Er ist zwar Norweger – wie das ganze Team – wuchs aber in Österreich auf, spricht noch ein wenig Deutsch. Kleine Welt.

 

Doch genug der Worte. Wir schlüpfen in den Feuerfesten und schnallen uns in den Beifahrersitz. Hinaus geht es in die dämmrige Abendstimmung des Polarkreises. Trotz kleinem Sonnenstreif am Horizont ist es so gut wie finster, als Fredric mit uns in eine kleine Demorunde startet. Kein Grund es ruhig anzugehen. Nach kurzer Warmup-Phase haut der Profi-Drifter den ersten seiner vier Gänge (es kommt ein Nascar-Getriebe zum Einsatz) rein und drückt drauf. Der Motor röhrt, der Turbo singt, die Spike-Reifen fräsen sich in den Schnee und kurz darauf fliegen wir in einem geschätzten 75°-Winkel über eine Gerade. Kurz weg vom Gas – direkt vor uns schießen Flammen aus dem Blowoff-Ventil des massiven Turbos. Der Wagen baut merklich wieder Grip auf, setzt an zum erwünschten Gegenpendler, flotte Bewegungen am Lenkrad, dann wieder voll aufs Gas. Dieses Spiel wiederholen wir ein paar Mal, bevor eine echte Kurve naht. Fredric fängt den Wagen etwas ein, holt Schwung, fährt die Kurve von außen an und reißt an der Handbremse – wir haben in der folgenden, lang gezogenen Bergabkehre rund 120 Sachen drauf und sind so quer, dass es beim drüber nachdenken eigentlich einen qualvollen Tod zwischen Eisbrocken und Baumstämmen bedeuten müsste.

Wenn man allerdings nicht nachdenkt, besteht neben Fredric absolut kein Zweifel daran, dass alles gut wird. Die Manöver wirken kinderleicht, selbstverständlich. Sind sie für ihn ja auch. Das wird beim „Einparken“ vor der Garage, aus der wie gestartet sind, aber fast noch deutlicher. Auch das erledigt er nämlich quer. Und zwar auf Zentimeter genau.

Ein wirklich beeindruckender Beleg dafür, dass der „Norwegian Hammer“ nicht nur „besser“ ist als wir, sondern im Grunde etwas komplett anderes machen. Er driftet, wir rutschen nur halbwegs kontrolliert durch die Gegend … oder so. Aber wie heißt es so schön: Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

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