FC Bayern: Sponsert sich Audi zu Tode?

17. Januar 2020
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Aktuelles

Das Sanierungsprojekt Audi beginnt anzulaufen. Ingolstadt muss sparen – bei der Produktion, den Mitarbeitern, der Entwicklung. Nur die Kicker-Kohle an Bayern München fließt weiter –  in stärkerem Ausmaß denn je.

Strukturmaßnahmen ist eine dieser Wortschöpfungen, mit denen unangenehme Vorgänge in einen harmlosen Begriff gekleidet werden. Im Zuge solcher fährt Audi aktuell die Produktion zurück, strafft die Modellauswahl, verkleinert die Standorte, stoppt Entwicklungen – was man eben strukturell so anpacken kann.

Alles dringend notwendig, denn der ehemalige Premium-Primus ist zum Sanierungsfall geworden. Mit den entsprechenden Folgen für die Belegschaft: Sie wird um 9.200 Mitarbeiter verringert, etwa 15 Prozent des Audi-Personalstandes. Das böse K-Wort fällt dabei nicht – statt Kündigungen auszusprechen werden Ruhestände nicht nachbesetzt und wo es möglich ist, Frühpensionierungen durchgeführt. Abbau an der demografischen Linie, wieder so ein um Neutralität bemühter Begriff. Die bittere Wahheit dahinter ist, dass junge, gut ausgebildete Menschen keine Jobchancen bekommen und erfahrene Mitarbeiter frühzeitig in die Pension abgeschoben werden. Wahrscheinlich mit einer Trostzahlung abgespeist, die nicht annähernd die geringere monatliche Rente für den Rest ihres Lebens ausgleicht. Wegen Kurzarbeit und entsprechenden Lohneinschnitten für alle anderen verhandelt man noch mit dem Betriebsrat, es wird sich bestimmt eine sozial gerechte Lösung finden.

Eher selbstgerecht mutet daher die andere Meldung aus dem Audi-Universum an: Die Marke verlängerte soeben das Sponsoring für den Fußballverein Bayern München vorzeitig – für schlanke 500 Millionen Euro, das sind über 60 Prozent per anno mehr als bisher. Ein Sonderangebot quasi, denn bei BMW hatte der Aufsichtsrat davor die Zustimmung für ein bereits ausgehandeltes 800 Millionen-Sponsorpaket verweigert. Eine halbe Milliarde wäre für ein blühendes Unternehmen schon ein recht imposanter Betrag, für eine Krisen-Firma ist es… ja, was eigentlich genau?

Seltsam, dass an dieser Stelle keine der üblichen Salon-Sozis oder Sprecher der Gerechtigkeits-Liga aufstehen, die sonst leidenschaftlich die Diskrepanz zwischen Durchschnittseinkommen und Manager-Gehalt anprangern. Ein paar Kickern, deren Ausbildung auf die Turnstunden beschränkt war, aus einem Betrag, mit dem sich 1.500 Audi-Mitarbeiter weiterbeschäftigen ließen, ihre zweistelligen Millionen-Gagen zu sichern, scheint also okay zu sein. Zumindest der medialen Reaktion nach zu schließen: Es gab kaum eine – großteils braves und kritikloses Übernehmen der gemeinsamen Pressemeldung von Bayern München und Audi.

Angeblich hat Volkswagen-Boss Herbert Diess den Deal persönlich gepusht und für jeden Bayern-Spieler noch einen Audi e-Tron draufgelegt. Es hätte billigere Möglichkeiten gegeben, käuferlose Elektro-SUVs loszuwerden. Pikanterie am Rande: In der Umfrage eines Online-Magazins reihte unlängst die Mehrheit der Premium-Kicker E-Autos auf Platz eins der Dinge, die sie am wenigsten mögen. Womit der Audi-Deal außer zynisch auch noch zu einer der teuersten Schildbürgereien aller Zeiten wird.

Da es im Gegensatz zum alten Rom offenbar nicht mehr um Brot und Spiele, sondern um Entweder-Oder geht: Vielleicht lässt Audi für die demografisch abgebauten Mitarbeiter noch eine Jahreskarte fürs Bayern-Stadion springen. Sie würden das sicher zu schätzen wissen.

(Kommentar)

Fotos: Audi (1), FC Bayern München (1)

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