Fahrtauglichkeits-Checks für Führerscheinbesitzer ab 70 Jahren?

7. Januar 2024
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Alles Klartext

Wie flexibel Statistiken sind, wissen wir nicht erst, seit Kurz kurz Kanzler war. Über 41 Prozent aller Verkehrstoten sind über 60 Jahre alt, 14 Prozent sogar über 80 – lässt sich daraus nicht hervorragend die Notwendigkeit regelmäßiger Überprüfungen der Fahr­tauglichkeit ableiten? Die Reaktionen sind naturgemäß heftig, und die Verteidiger des Führerscheins auf Ewigkeit formieren sich hinter hitzigen Begriffen wie Senioren-Mobbing und Mobilitäts-Raub. Sie könnten es besser machen – etwa mit einem Verweis auf die Verursacher-Statistik. Denn welcher Zusammenhang besteht zwischen einem tragischerweise überfahrenen oder als Beifahrer ums Leben gekommenem Pensionisten und dessen Fähigkeit, ein Fahrzeug zu lenken?

Fakt ist, dass über 65-Jährige bei nur etwa halb so vielen Unfällen mit Personenschaden die Hauptschuld tragen wie 15- bis 29-Jährige – bei zahlenmäßig etwa gleichem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Dass ältere Menschen weniger oft unterwegs sind, weil für sie etwa der tägliche Weg in die Arbeit entfällt, wird dadurch ausgeglichen, dass zugleich immer weniger junge einen Führerschein haben. In Summe lässt sich aus keiner ­dieser Zahlen ablesen, dass Senioren im Straßenverkehr gefährlicher wären als alle anderen.

Ist das nun die ganze Wahrheit? Nein – weil dem gegenüber auch die medizinische Tatsache der mit dem Alter schlechter werdenden Wahrnehmung und Reaktionsfähig­keit steht. Für die es allerdings kein Jahreslimit gibt – manche Menschen sind mit 80 auch in dieser Hinsicht noch topfit, bei anderen fragt man sich schon mit 50, ob sie noch jeder Lebenssituation gewachsen sind. Eine gesetzliche Norm zielt hier also in jedem Fall daneben. Dazu schafft ein weiterer natürlicher F­aktor Ausgleich: die geringere Risikobereitschaft. Ein langsam fahrender Opa am Steuer mag manchmal nerven, eine Gefahr ist er aber kaum. Sofern Altersvorsicht dabei nicht zum Negativ-Kri­terium wird, hat der Großteil der Senioren vor einem regelmäßigen Tauglichkeits-Check kaum etwas zu befürchten.

Ginge es nur nach Grobstatistiken, ließen sich noch viele bunte Ausschlussgründe für be­­stimmte Gruppen von Verkehrsteilnehmern finden: Nur 34 Prozent aller Unfälle werden von Frauen verursacht – warum also kein Fahrverbot für Männer? Ein Viertel aller Verkehrstoten sind Nieder­österreicher – eventuell sollte niemand aus diesem Bundesland ein Auto lenken. Und über 24 Prozent aller Unfälle werden von Ausländern verursacht – da bietet sich ein Kickl’scher Verbal-Rülpser à la ­„Straßenfestung Österreich“ geradezu an.

Vielleicht ist der EU-Vorstoß von Fahrtauglichkeits-Checks für Führerscheinbesitzer ab 70 Jahren– abgesehen vom neurotischen Zwang zur Vollkasko-Gesellschaft – tatsächlich weniger faktisch begründet, als er dem machiavellistischen Prinzip folgt: teile & herrsche. Wer junge und ältere Autofahrer gegeneinander ­aufhetzt, spaltet die Einheit der Bevölkerung. Die Altersgrenzen-Diskussion wäre dennoch ein guter Anlass, sich vor Augen zu führen, dass man für das Bewegen von gut 1,5 Tonnen Stahl immer im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten sein sollte – und dass einmal der Tag kommen kann, an dem das nicht mehr der Fall ist.

Foto: ÖAMTC/Christian Houdek