Harald Juhnke und der Gebrauchtwagenhändler

2. April 2020
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Der illustre Autohändler Georg Koltay, 1956 mit Mutter und Geschwistern nach dem Ungarnaufstand aus Budapest nach Wien geflüchtet, begann Ende der sechziger Jahre in einer Hinterhofwerkstätte im neunten Wiener Gemeindebezirk als Automechaniker. Als er merkte, dass öliges Werken an Motoren weder seinen Händen noch seiner Laune wohl bekam, verlegte er sich aufs Handeln mit gebrauchten Fahrzeugen.

Koltays Strategie war einigermaßen unkompliziert: möglichst wenig beim Einkauf zahlen, dafür möglichst viel draufschlagen. Spanne ist alles. Stand der Gebrauchte lange Zeit unverkauft auf dem Platz, wurde er teurer – es liefen ja Zinsen auf. Für den Zustand des Wagens fühlte sich der Chef nicht verantwortlich. »Ich habe Auto nicht konstruiert und war nicht Vorbesitzer«, lautete sein verblüffend schlüssiges Credo.

Der Handel florierte, immer teurere Fahrzeuge schielten auf dem neuen Koltay-Areal in der Wiener Heiligenstädter Straße nach Kunden. Wem ein acht Jahre alter Porsche oder Maserati nach erfolgtem Kauf doch nicht zusagte – kein Problem, bei Koltay gab es unverbrieftes Rückgaberecht. Zahlung in bar und sofort. Allerdings mit Abschlag bis fünfzehn Prozent. Etliche Luxusschlitten hatten ihren Ankaufspreis nach einem Jahr bereits durch Rückzahlungsabschläge eingespielt.

Georg Koltay strahlte ehrliches Vertrauen aus. Als einer älteren Dame an dem vom Händler ausgelieferten, nicht mehr ganz neuwertigen Ford Escort die spiegelnden Glatzen auf allen vier Rädern auffielen, konnte sie der Meister sofort beruhigen. »Da haften die Reifen besser in Kurve, in Formel 1 fahren sie auch ohne Profil.« Die Dame bedankte sich höflich: »Entschuldigen Sie, Herr Koltay, dass mir das nicht früher eingefallen ist. Solche Reifen heißen doch Slicks, nicht wahr?« Strahlend warf Georg Koltay, der Charmeur, den Wagenschlag zu. »Gnädige Frau, Sie werden fahren über Höhenstraße wie Ayrton Senna.«

Manchmal geriet aber auch der Großmeister des Autohandels ins Schleudern. In einem Nachtlokal in Baden kam Georg Koltay mit dem Schauspieler und Showstar Harald Juhnke ins Gespräch. Worüber die beiden redeten, Koltay mit schwungvoll ungarischem Akzent, Juhnke brillant berlinerisch, war für die Gäste der Diskothek nicht zu überhören: über Juhnkes wertvolles altes Mercedes SE Cabriolet, das vor dem Lokal parkte. Zu früher fröhlicher Stunde wurde dann der Kauf perfekt gemacht: Der berühmte Entertainer überließ Koltay gegen Bares sein Oldtimer-Cabrio.

Intuitiv hatte der Autohändler erfasst, dass Juhnke für das Prachtstück relativ wenig Geld verlangte. Da Koltays Wissen um edles altes Blech aber keineswegs auf Professorenniveau lag, schrieb er am nächsten Tag einen Betrag auf den Preiszettel des mittlerweile im Heiligenstädter Geschäftslokal ausgestellten Mercedes, der zwar den üblichen (hohen) Aufschlag berücksichtigte, das Fahrzeug aber immer noch erstaunlich günstig erscheinen ließ.

Dies weckte das Interesse des Automanagers Rainer Hodina (Bild rechts), Chef von Porsche Inter Auto. Er interessierte sich privat für das schöne Stück, als profunder Autokenner notierte Hodina die Chassisnummer des Mercedes, dessen Preis auch ihm, dem bei Koltay normalerweise eher überhöhte als gedämpfte Preise ins Auge stachen, auffallend moderat vorkam.

Einige Tage später konnte Hodina anhand der Chassisnummer das Geheimnis lüften. Das vermeintlich hochkarätige Cabrio war ein aufgeschnittenes Coupé – eine nette Sache zwar, aber keineswegs so wertvoll und teuer wie ein originales Cabrio. Der Betrag, den Juhnke verlangt hatte, war also fair gewesen, und auch der Preis, den Georg Koltay ursprünglich im Verkaufslokal angeschrieben hatte, noch immer redlich.

Unser Meisterhändler zeigte sich allerdings irritiert. Er hatte wirklich nicht gewusst, dass es aufgeschnittene Mercedes SE-Coupés gab, die dann als schicke Cabrios durch die Lande rollten.

Zwei Wochen nach Hodinas Entdeckung stand Juhnkes Ex-Wagen noch immer unverkauft in Koltays Schauraum. Allerdings klebte ein neues Schild auf der Windschutzscheibe. Drauf stand der Preis – und der war jetzt doppelt so hoch.

Lust auf eine weitere Anektdote über Georg Koltay? Dann bitte auf diesen Link klicken: https://www.allesauto.at/autohaendler-und-schlitzohr-koltay-die-zweite/

Fotos: Wikipedia (2), Porsche Holding

www.buch-effenberger.at

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