Interview mit Ben „The Stig“ Collins: Das Baby wusste alles

2. Februar 2016
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Nein, seinen Freunden davon zu erzählen, hat ihn nie sonderlich gereizt, auch nach dem dritten Pint im Pub nicht. Da war er konsequent. Und wenn er jetzt darüber plaudert, wie das so war, eines jener Dinge zu wissen, die praktisch jeder Benzinbruder wissen wollte, es aber beharrlich zu verheimlichen, dann hört sich das erstaunlich einfach und selbstverständlich an: „Es gibt eine simple Regel: Wenn Du nicht willst, dass etwas jemand weiß, dann erzähle es einfach keinem.“ Mir würde es wohl bei der erstbesten Gelegenheit heraus platzen. Ben Collins aber weihte nur seine Frau darüber ein, was sein wahrer Job gewesen ist. Seine Identität im Fernsehen, die Zeit ihres Lebens ohne eine einzige Textzeile ausgekommen ist. Seine Rolle, die immer die gleichen Sachen an hatte: Weißer Helm, weißer Overall weiße Schuhe. Ben Collins war der Stig.

Der zahme Rennfahrer also. Die Person, von der es mehr Kurzbeschreibungen gibt als von jedem Präsidentschaftskandidaten. Und vor allem: Die Person, die eigentlich das leiwandste Leben in der großen Top Gear-Familie hatte: „Es war perfekt, keiner nervte mich auf der Straße. Ein riesen Spaß, die Shows zu machen, kreativ zu sein, nachher dann zu sehen, was man erschaffen hat. Doch das Tollste war, im Fernsehen, aber trotzdem unbekannt zu sein. Es war der Traumjob.“

Wobei es nicht weiter verwundert, dass ausgerechnet eine so vielseitige Person wie Collins für sieben Jahre und 101 Folgen die Identität des stummen Vollgasprofis übernahm, der mit allen Autos auf Anhieb sauschnell fahren konnte. 1975 in Bristol geboren, studierte der Brite Rechtswissenschaften, ehe er für vier Jahre in der britischen Armee diente. 1994 kam der Einstieg in den Motorsport, wo er von der Formel Vauxhall Junior, der Formel 3, der Indy Lights-Serie bis hin zur FIA GT3-Europameisterschaft und den Le Mans Cup so ziemlich alles fuhr, was auf der Rundstrecke zu bewegen war.

Doch wie war das wirklich? Reichte wirklich eine Runde aus, um sich an die Autos zu gewöhnen und die Dreharbeiten abzuwickeln? Oder anders gefragt: Wie viel Stig steckt in Ben? „Wenn man so fährt wie ich, halten die Reifen natürlich nicht sehr lange. Sie werden einfach zu heiß, und beim Fernsehen ist dann keine Zeit, die Reifen zu tauschen, so musste ich mich schnell an die Autos gewöhnen, was ich aber gerne gemacht habe.“ Mehr als eine Stunde blieb für die Dreharbeiten nur selten, für die Rundenzeiten selbst ergab sich aufgrund der Pneus lediglich ein Zeitfenster von zehn Minuten. „Für den Beitrag haben wir dann aber aus den einzelnen Runden Material zusammengeschnitten.“

Der dreifache Vater könnte Stunden darüber erzählen, wie es so war, mit dem Team um die Welt zu reisen, an 24-Stunden-Rennen teil zu nehmen, mit Clarkson, Hammond und May die Live-Shows zu machen, Autos zu crashen, einfach weil diesen Job ja irgendjemand erledigen muss, und irgendwie hört sich das alles eher wie ein fröhlicher Abenteuerroman an, aber nicht wie der nüchterne Lebenslauf eines BBC-Vertragsbediensteten: „Vor allem die Abendshows (Bei „Top Gear Live“ machten die drei Moderatoren und natürlich der Stig das, was sie sonst vor der Kamera machten, vor den Augen tausender Zuseher) waren spannend, das Adrenalin war bei jedem von uns da besonders hoch.“

Kann man bei so viel Vollgas-Zeit überhaupt noch normal auf der Straße Auto fahren? „Ich muss sagen,“ fängt Ben Collins ohne zu überlegen an, „ich bin ein ziemlich entspannter Autofahrer.“ Logisch, dass er das in der Öffentlichkeit sagt, hätte ich auch gemacht. Aber, so Collins weiter, das stimmt wirklich, und er hat ein Geheimnis dafür: Hörbücher! „Das holt mich herrlich runter, wenn der Verkehr mühsam wird. Bis jetzt war ein Stau verlorene zehn Minuten meines Lebens, nun ist aber alles gut.“ Jack Reacher fesselt ihn derzeit besonders an den Fahrersitz und wenn der 40-jährige so darüber sinniert, warum er 20 Jahre lang Auto gefahren ist, ohne Hörbücher zu hören, kommt man selber ins Grübeln, ob das Gedudel von irgendeinem Radiosender wirklich der Weisheit letzter Schluss sei. Und auf wessen Mist die Musikauswahl des Stig während der Hot Laps eigentlich gewachsen ist.

Von all den Autos, die er als weißer Henker um die Strecke bewegen durfte, war da nichts dabei, was er auch als Ben Collins gerne besitzen würde? „Ich habe schon oft überlegt, mir etwas zu kaufen, nur bin ich mir nicht sicher, was.“ Natürlich ist er glücklich, mit all den tollen Autos die ganze Zeit fahren zu dürfen, doch der Gedanke, sich ein eigenes Auto zu gönnen, reizt ihn doch ungemein, „aber ich weiß nicht recht, ob es etwas neues oder vielleicht doch etwas altes sein soll. Aber wenn ich einen Zehnzylinder höre, der ordentlich Gas gibt, dann werde ich immer ein wenig wehmütig.“ Zehn Zylinder also, das lässt schon erahnen, welches Auto in der Collins´schen Traumgarage stehen könnte. Was es ist? Lamborghini? Viper? Alles falsch, die persönliche Bestenliste führt eine Zuffenhausener Flunder an: Der Carrera GT.

Dass Ben so gut wie ein Talkmaster erklären kann, warum er gerade von diesem Porsche angetan ist, verwundert nicht weiter – der Mann weiß einfach, wovon er redet: „Es ist wirklich nicht das am leichtesten zu fahrende Auto, und ich habe mich selber sogar blamiert, weil ich dreimal mit ihm abgeflogen bin, zweimal sogar an der gleichen Stelle.“ Doch fasziniert ihn die Geschichte des GT. Dass er aus einem Missgeschick heraus entstanden ist. Dass Porsche einen Formel 1-Motor entwickelte, dann aber nicht Formel 1 fuhr und irgendetwas mit dem V10-Monster ja anfangen musste. Dass er der einzige V10-Mittelmotorporsche ist. Vor allem aber, dass der Wagen fast ohne aerodynamische Hilfsmittel auskommt und äußerst aggressiv abgestimmt wurde. „Du spürst regelrecht die Präzision im Auto, so feinfühlig reagiert es auf jede kleinste Bewegung mit dem rechten Fuß. Es ist ein echtes Hypercar und eine echte Herausforderung, damit zu fahren. Aber wenn du dich dran gewöhnt hast, ist das Auto wie das Skalpell eines Chirurgen, mit dem du unglaubliche Dinge anstellen kannst.“

Der VW Bus, den er im Alltag bewegt, ist nicht ganz so aufregend, gibt Collins selber zu, und ja, das ist vielleicht ein bissl langweilig, aber er habe nun einmal drei Kinder, da braucht man einfach ein großes Auto. Und überhaupt, die liebe Familie, das ist gar nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Wenn er bei großen Filmprojekten mitwirkt, ist er schnell einmal neun Monate im Jahr unterwegs, was gerade bei kleinen Kindern nicht so toll ist, „oft habe ich ihnen ein Foto schicken müssen, damit sie sich überhaupt noch erinnern können, wer ich eigentlich war.“

Dabei wussten die kleinen mehr über ihren Vater, als dem lieb war. Hat der gewissenhafte Herr Collins also doch ein wenig zu viel über seinen Job geplaudert? Nein, es lief ganz anders: Zum Ende seines Engagements bei Top Gear, kurz vor dem Erscheinen seines Buchs über seine wahre Identität, wo also eh schon alles mehr oder weniger wurscht war, erzählte er seiner Haushaltsgehilfin beiläufig, dass er der Stig von Top Gear sei. „Und ich dachte, alles sei perfekt und ich so clever. Doch ihre Reaktion war nur: ‚Ich weiß.‘ Was? Wie das? Das Baby habe es ihr erzählt.“ Ben muss selber lachen, wenn er darüber erzählt, weil damit rechnet ja wirklich niemand. Aber seine Jüngste hat gerade reden gelernt und anscheinend ein Gespräch zwischen seiner Frau und ihm aufgeschnappt. „Kinder wissen Sachen. Die wissen alles“, fügt er fast schon mahnend hinzu.

Das schnelle Autofahren unter einem Deckmantel hat Herr Collins deswegen aber nicht aufgeben müssen, denn nach den Fernsehaufträgen ist er nicht nur Instruktor bei vielen Hollywood-Produktionen, er fuhr auch oft die Stunts gleich selbst. Daniel Craig coachte er in den letzten drei Bond-Filmen, und nicht nur Marvel-Produktionen griffen gerne auf seine Expertise zurück. Auch bei Batman kam Collins zum Einsatz. Was, der Fledermausmann bist Du auch noch? „Nein nein, ich war nur der Böse, der das Batmobil gestohlen hat.“

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