Niki Lauda: Fahre heute, zahle morgen – Teil 3

19. Februar 2020
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Feature

Das Rennjahr 1972 verlief für Lauda alles andere als glücklich: In der Formel 2-EM hatte er zunächst zwar bald einen Punktevorsprung herausgefahren, am Ende reichte es aber nicht für den Titel. Und vor allem: Der neue March-Formel 1-Wagen war eine totale Fehlkonstruktion; Niki hatte es von Anfang an gemerkt, aber die Außenwirkung war katastrophal: Letzter in Jarama, Letzter in Nivelles. Laudas Entschuldigungen klangen wie billige Ausreden: »Wenn ich mit einem schlechten Auto Kopf und Kragen riskiere, bin ich nicht Dreiundzwanzigster, sondern Fünfzehnter. Aber was ist schon ein Fünfzehnter?« In der Öffentlichkeit kommentierte Niki die March-Misere zurückhaltend, seine Loyalität hatte freilich Hintergründe: Mosley versprach ihm für 1973 einen kostenlosen Vertrag.

Und dann fiel plötzlich wieder eine Tür ins Schloss. Mosley winkte ab: »Sorry, aber wir haben kein Auto für dich.« Lauda saß auf der Straße – mit einem Berg Schulden und der Gewissheit, von niemandem mehr einen Groschen zu bekommen. Nur einer glaubte damals an Niki Lauda: Das war Niki Lauda selbst. Für das Raiffeisen-Institut, mit dem er noch zwei Jahre einen Vertrag hatte, war er nach einer Saison voller Misserfolge eine Aktie ohne Kurswert. Von der Bank hatte er nichts mehr zu erwarten, mehr Kredit ging nicht, und in einem Formel 1-Team unterzukommen, war praktisch unmöglich – außer, er hätte wieder Millionen auf den Tisch gelegt.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die meisten aufgegeben. Denn die Umstände hatten sich geändert: Kam in den Jahren davor Laudas Talent vielleicht nur nicht zum Vorschein, so schien sich 1972 genau das Gegenteil zu beweisen: dass er nämlich kein Talent hatte. Lauda war, in der Sprache des Renngeschäfts, out of money. Er saß zur falschen Zeit im falschen Auto und schaffte es nicht, mit zugegeben schlechtem Material zu beweisen, was in ihm steckte. Sein Trauma hieß Ronnie Peterson, Teamkollege bei March. Der hatte mit dem desaströsen Auto zwar auch keine Siegchance, war aber immer und überall schneller als Lauda – eben Fünfzehnter und nicht Dreiundzwanzigster.

Lauda war weiter starrsinnig und dickschädelig, er rannte mit dem Kopf voran durch geschlossene Türen. Etwa zu BRM-Boss Sir Louis Stanley, einem englischen Adeligen, der dem britischen Rennstall zu neuen Siegen verhelfen wollte. Der Ruf seiner Autos war nicht der beste. In der BRM-Armada, die aus viel zu vielen Fahrern bestand, hatte Quantität vor Qualität Vorrang. Lauda bot sich Stanley an, obwohl dieser keinen Piloten mehr brauchte, und er musste dem britischen Sir natürlich Geld in Aussicht stellen, obwohl er keines mehr hatte.

Stanley zierte sich, ließ sich letztlich aber dazu herab, Niki Lauda gegen einen entsprechenden Einkaufspreis zu engagieren. Geld bewirkt Wunder, welche Erkenntnis! Lauda versprach, einen Sponsor mitzubringen, und vereinbarte mit Stanley einen Treffpunkt: Wien-Schwechat, Flughafenrestaurant. Der BRM-Chef würde den Vertrag gleich mitbringen, Lauda könnte, falls ihm die Bedingungen passten, sofort unterschreiben.

Niki rief Raiffeisen-Werbemann Oertel an und bat ihn, nach Schwechat mitzukommen. »Stanley soll glauben, du bist mein Sponsor.« Oertel schluckte zweimal: »Was soll denn das?« – Niki: »Du brauchst dort gar nichts zu reden, nichts zu unterschreiben. Nur dabeisitzen.« Laudas List: Oertel sollte für Stanley der Köder sein.

Stanley kam also nach Wien, mit Rechtsanwalt und fertigem Vertrag. Niki stellte Oertel als seinen Bankmann und Sponsor vor, Stanley war unverbindlich freundlich. Niki bat eine AUA-Hostess, den englischen Vertragstext zu übersetzen. Dass Oertel dem Niki Lauda, der bei Raiffeisen noch mit mehr als zwei Millionen Schilling im Minus stand, keinen Cent würde zahlen können, wussten beide. Nur Stanley wusste es nicht. Er ließ sich deshalb erweichen, ein scheinbar kleines Detail im Vertrag zu ändern: den Zahlungstermin – möglichst spät, hatte Lauda gebeten. »Also sagen wir innerhalb von sechs Monaten. Okay?« Stanley sagte okay.

Die Saison 1973 begann hoffnungsvoll, Lauda fuhr im BRM härter, näher am Limit, er kämpfte auf der Piste wie nie zuvor – und dann kam die Sternstunde in Monte Carlo: Im Abschlusstraining markierte Lauda die zweitschnellste Zeit, insgesamt war er Trainingssechster, stand mit dem BRM in der dritten Startreihe, das allein war schon sensationell. Im Rennen kam er bis auf Rang drei vor, der Ferrari von Jacky Ickx verschwand aus seinem Rückspiegel. Ein Getriebedefekt zerstörte zwar alle Hoffnungen, doch Millionen Fernsehzuschauer sahen den besten Lauda, den es je gegeben hatte. Was Niki nicht wusste: Am TV-Schirm in Maranello registrierte Enzo Ferrari, wie der junge Wiener den Ferrari-Piloten Ickx mühelos im Griff hatte. In dem alten Mann reifte der Entschluss, Lauda zu verpflichten.

Niki strahlte an diesem Sonntag aus einem ganz anderen Grund: Louis Stanley bot dem neuen Grand Prix-Star Lauda, der noch keinen Cent auf das BRM-Konto überwiesen hatte, einen Dreijahresvertrag an. Niki würde jetzt nichts mehr fürs Formel 1-Fahren bezahlen müssen, ganz im Gegenteil, er würde erstmals sogar Geld damit verdienen. Man sprach von einer Million Schilling, die Lauda für die neue Vereinbarung mit BRM bekommen sollte, auszuzahlen in monatlichen Raten. »Meine riesige Hypothek ist weg«, freute sich Niki, von einer Last befreit und glückstrahlend wie selten zuvor, als er wie üblich abends bei den heimischen Journalisten anrief. Und er dachte in diesen Stunden nicht im Traum daran, dass zu dem Zeitpunkt Ferrari schon die Fühler nach ihm auszustrecken begann.

Doch der Aufstieg Laudas war gleichzeitig die harsche Bruchlandung des Louis Stanley. Als sich Niki dem BRM-Rennstall angeboten und Stanley das Geschäft akzeptiert hatte, wusste der BRM-Boss nicht, dass Lauda gar nicht in der Lage gewesen wäre, die finanziellen Bedingungen zu erfüllen. Und als Stanley den neuen Starpiloten Lauda vermeintlich fix verpflichtet hatte, ahnte er nicht, dass dieser schon mit einem Fuß in einem anderen Team stand.

Bald köderte Ferrari Lauda tatsächlich mit einem Supervertrag: 1,5 Millionen Schilling Fixum pro Jahr, dazu Start- und Preisgelder, so viel war es dem Commendatore Enzo Ferrari wert, Lauda nach Maranello zu holen. Lauda zögerte keinen Augenblick, bei Ferrari zu unterschreiben. Jetzt hatte er zwei Verträge: einen mit Ferrari und einen mit BRM – den er erst kürzlich unterzeichnet hatte. Rechtlich ein Chaos, aber die Situation schien für Louis Stanley und BRM dennoch ziemlich aussichtlos: Die Vereinbarung wurde im Fürstentum Monaco aufgesetzt und von einem Österreicher und einem Briten unterschrieben. Juristen meinten damals, dass schon der Streit um den Gerichtsort Jahre dauern würde.

Louis Stanley revanchierte sich auf subtilere Weise: Wenn er und Niki Lauda einander an der Rennstrecke begegneten, schaute der englische Sir demonstrativ weg. Niki Lauda übrigens auch.

— Ende —

Foto: Erich Kaszay

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