Schöne neue Autowelt

23. August 2021
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Humor / Satire

Die Fabrik klimaneutral, die Konzernsprache gendergerecht, das bunte Prospekt als pa­­pierloses PDF, das Produkt selbst natürlich umweltfreundlich und nachhaltig. Durch die Anti-Auto-Strömungen aus Politik und Establishment wurden die Pkw-Her­steller in die Defen­sive gedrängt – um Anlauf zu nehmen für eine Of­fensive in Sachen politischer Korrekt­heit. Vom Scham zum Charme, sozusagen. Wie schlimm alles davor war, kann man sich bloß in düsterer Fantasie ausma­len.

Der Albtraum beginnt schon bei der Produktion. Rauch aus den Fabriksschloten ver­dunkelt den Him­­mel über der Großstadt, drinnen schuften Männer ohne Pausen und Rechte, Frauen be­dienen bloß Näh- oder Kaffeemaschinen. Der Strom für die Bänder stammt aus dem ferngele­ge­nen Kohlekraft­werk, die Abwässer bringen Farbe in den na­he­gelegenen Fluss. In der Vor­standsetage sitzen alte weiße Männer, schwer­ge­wichtig und Zigarre rauchend. Im Spind des Fließ­bandarbeiters hängt ein Erotikkalender vom Autotuner – wer das auf­grund seines Glaubens ablehnt, wird gemobbt.

Und das Produkt selbst? Potent, laut, un­­gehobelt. Das Holz am Armatu­ren­brett stammt von einem jetzt ausgerotteten Tropenbaum, das Leder für die Sitze von aus­gesucht her­zigen Kälbern aus nicht artgerechter Haltung, deren Fleisch in der Werks­­­­kantine zube­reitet wird – natürlich am Holzkohlegrill und ohne Gemüsebeilage. In der TV-­Wer­bung fah­ren keine Patchwork­fami­lien durch leere Städte aus Glas, statt­dessen inszenieren Vater, Mut­ter, Kind ihren spießigen Alltag am Land. Auf einem Bild in der dicken Hoch­glanz-Bro­schüre er­­kennt man eine halbleere Flasche Wein ohne Warn­­hinweis, der Pros­pekt-Text ist frei von Kleinge­drucktem.

Mit Flugzeug und Kreuzfahrtschiff werden Journalisten aus aller Welt zur nicht vir­tu­ellen ­Präsentation des neuen Modells gekarrt, hübsche Damen sorgen für gute Stim­mung. Die Medien­vertreter haben allesamt einen Führer­schein – und die Eier zu schrei­ben, was sie vom Produkt halten. Bei der Pressekonferenz wirkt der charis­ma­ti­sche Vor­standsvorsitzende irgendwie aufgeputscht, be­­antwortet Fragen offen und ohne Mar­ke­ting-Flos­keln. Etwa die, ob es wirklich nötig sei, dass Autos immer größer und schneller wer­den – und zwar mit einem kurzen „Ja.“

Auch ein „Ich weiß es nicht“ kommt dem Big Boss über die Lippen, was dem PR-Chef daneben keine Schweißperlen auf die Stirn treibt. Denn der Konzernlenker zeigt, wie man den Aktie­nkurs in die Höhe treibt: „Unser neues Mo­dell hat den Sexappeal einer heißen Blondine – gedacht für den Mann, der weiß, was er will“. Und es scheint, als wä­ren alle Mitarbeiter des Autoherstellers ausgewiesene car guys, um nicht zu schrei­ben: Benzin­brüder (-schwestern bewusst ausklammernd). Der Pres­se­sprecher ist sich auch der Nachteile seines Pro­dukts bewusst, der Fahr­werks-Ingenieur gilt als Mo­tor­sport-Fan, der Technik-Chef kennt die bewegte Historie seiner Marke auswen­dig, der Interieur-Designer schätzt zwar sein Smartphone, muss es aber nicht zwanghaft ins Cockpit spiegeln.

Zum Glück war das alles nur ein Albtraum. Jetzt aber raus aus dem ge­schlechts­neu­tra­len Fairtrade-Pyjama und ab zum Frühstück, der laktosefreie Smoothie wartet schon. In der Garage saugt der smarte City-SUV-Crossover inzwischen die letzten der völlig aus­reichen­den 245 Kilo­meter Reichweite aus der Solaranlage und berechnet den schnells­ten Weg zur Arbeit. „Alexa, spiel »Happy« von Pharrell Williams!“

Foto: VW

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