„Grüne“ Atomenergie: Märchen-Probleme

7. März 2022
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Alles Klartext

Die von der EU-Kommission durchgeboxte Einstufung der Atomenergie als emissionsfreie und somit ökologische Art der Stromerzeugung schlägt Wellen. Noch keine radioaktiven, aber politische: Umweltministerin Leonore Gewessler präsentiert sich schon einmal als künftige Führerin im Zwergenaufstand ge­­gen diese Neudefinition. Eine günstige Gele­genheit, sich von der verkehrsbehindernden Buh-Frau zur patriotischen Galionsfigur zu wandeln – die Wiederauflage der ewigen Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Legende kommt da sehr gelegen. Im grünen Portfolio ist die zwar neu, hat in Österreich aber durchaus Tradition – siehe zwei Weltkriege, Waldheim-Affäre oder Haider-Sanktionen.

Nur dürfte Frau Gewesslers dafür schon gewissenhaft in Auftrag gegebenes Umwelt-Gutachten das hoffentlich chlorfreie Recyclingpapier, auf dem es gedruckt wird, nicht wert sein. Für die Vorstellung, die EU-Kommission würde sich in ihrer willkürlichen Opportunität um Fakten scheren, braucht es jedenfalls eine gehörige Portion politische Blauäugigkeit. Andernfalls wären etwa Elektroautos auch nicht emissionsfrei eingestuft, sondern mit dem durch ihren Strombedarf tatsächlich anfallenden CO2 benannt. Das wäre die Realität, die EU will es aber nun einmal so nicht haben.

Dazu versucht hier jemand, sich als Feuerwehr aufzuspielen, der gerade noch fleißig mit den Brandstiftern gemauschelt hat: Erst die leutselig dauergetrommelte Forderung nach dem Ausstieg aus den fossilen Energieträgern konnte dem scheintoten ­Thema Kernenergie (die abseits aller schwerwiegenden Nachteile tatsächlich klimafreundlich ist) neues Leben einhauchen. Die Öko-Bewe­gung hat sich damit – egal ob wissentlich oder aus schierer Realitätsferne – als Steigbügelhalter der Atom-Lobby engagiert. Jetzt ist sie bestürzt, dass die von ihr gerufenen Geister gekommen sind, um zu bleiben. Wer diese Entwicklung vorausgesehen hat, wurde vorher gnadenlos als Visions-Verweigerer angepatzt. Aber auch dafür, dass die Energiewende-Twitteria jetzt als Dodel-Club dasteht, wird man rasch einen Schul­digen außerhalb der eigenen Reihen finden.

Als Trost dürfen alle guten Ökos einen Blick auf die unbequemen Fakten wagen, denen sie sich bisher so leidenschaftlich verschlossen haben: Der Gesamt-Energiebedarf Österreichs – also alles, nicht nur elektrischer Strom – beträgt pro Jahr etwa 400.000 Gigawattstunden. Zwei Drittel davon stammen aus fossilen Energieträgern: Kohle, Benzin, Diesel, Heizöl, Erdgas. Um die zu ersetzen, bräuchte es allein für unser kleines Land etwa 40 Atomkraftwerke – was ebenso unrealistisch ist wie andererseits 50.000 Windräder für echten Grün-Strom in gleicher Wattmenge. Wer darauf besteht, kann diese Zahlen gerne durch den Faktor drei ­dividieren, weil der Direkteinsatz von Elektrizität ja angeblich viel effizienter ist, ganz egal: An der Lächerlichkeit der Umsetzung ändert es nichts.

Wir werden also weiterhin fossile Energieträger benötigen und sie auch nut­zen – alles andere ist ein Märchen. Aber in denen geht es bekannter­weise ja meistens um Täuschung und menschliche Schwächen.

Foto: Wikimedia Commons/Avda

5 Kommentare

  1. Wenn wir den gesamten Energiebedarf auf elektrische Energie umstellen, schalten wir dann die bereits vorhandenen Biomassekraftwerke zur Wärmeerzeugung ab?

  2. Ohne russisches Erdgas sind wir komplett aufgeschmissen, so schauts aus.
    Hat man ja gestern in der ZIB gesehen, wie der Nehammer herumgeeiert hat bezüglich der Flüssiggaslieferungen aus den VAR.
    Da fehlt es noch vorne und hinten an der erforderlichen Infrastruktur und die kann bis nächsten Winter garantiert nicht bereitgestellt werden.
    MfG J

  3. Das stimmt schon. Allerdings geht es darum überhaupt nicht. In dem Artikel wird die komplette Umstellung des heimischen Energiebedarfes auf elektrische Energie thematisiert und da frage ich mich halt, wer das jemals verlangt bzw. angekündigt hat.

  4. Doch noch kurz zum Gas: Wir, also die Konsumenten und der Wirtschaftsstandort Österreich, haben Jahrzehnte lang vom billigen russischen Erdgas profitiert. Jetzt bricht plötzlich Panik aus obwohl es bisher nicht einmal eine Reduzierung der Liefermengen gegeben hat. Die Alternative wäre gewesen auf das billige Gas zu verzichten und teurere Energien zu nutzen. Da hätte ich gerne gesehen was nur bei einer Ankündigung dieser Maßnahme los gewesen wäre. Denn wir Österreich sind es gewohnt, dass Energie nix kosten darf und man sie daher bedenkenlos verschwenden kann. Das wird sich allerdings sehr rasch ändern. Das trifft auf alle Energiearten zu.

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