Traumauto Test Audi S8

28. Juli 2023
Keine Kommentare
1.641 Views
Aktuelles

Stell dir vor, es gibt ein Facelift, und keiner merkt’s. ­Audi löst sich zwar neuerdings mit vorsichtigen Schritten aus seiner jahrzehntelangen Design-Starre, bei den Modell-Auf­frischungen zwischendurch ist die alte Ingolstädter Zaghaftigkeit aber noch intakt. Beim Duo A8/S8 beschränkt sie sich auf eine geänderte Leuchten-­Grafik und ein fescheres Muster im Kühlergrill. Fans werden darin sonstwas sehen, der Rest der Welt ortet vermutlich nur den gleichen großen Audi, wie er seit 2019 herumfährt.

Weil in der Oberliga aber immer ein bisserl mehr geht, lässt sich das Ingolstädter Flaggschiff vor allem als S8 optisch und im Innenleben mächtig aufbrezeln. Optik-Paket da, Leder-Extra dort, Sonder-Felgen – und schon bekommt das ganze Ding einen sehr speziellen Charakter. Im Fall unseres Testwagens ist er schwarz wie die Seele eines Bank-Vorstands. „Black Cars Look Better in the Shade“ hieß es in einem Hit aus den 80ern, und Gino Vanelli wusste, wovon er sang. Allerdings sind sie in der Sonne ebenso fesch, das hätte er ruhig noch erwähnen können. Die dramatische Inszenierung als dunkler Ritter ist vielleicht nicht jedermanns Sache, doch zum Thema Sport-Limo passt sie schon richtig gut. Ein S8 in Blitzblau oder Knallorange ist sicher ein Hingucker, hat aber was von Mit-Gummistiefeln-in-der-Oper. Dass Audi als einziges Teil am ganzen Auto ausgerechnet die heute sonst meist schamvoll versteckten Auspuff-Endrohre in hellem Chromglanz strahlen lässt, verdient ebenfalls Achtung.

 

Bei den inneren Werten unseres smarten Sportlers überwiegt ebenfalls das Dunkle – schwarzes Leder und Alcantara plus Carbon und ein paar diskrete Alu-Leisten dazwi­schen. Die Kunst ist es, in dem ganzen dennoch keine Düsternis aufkommen zu lassen. Vielleicht, weil dazu verschwenderisch viel roter Zwirn verarbei­tet ist, rundum sauber vernähte plakative Sportlichkeit. Die Sicherheitsgurte leuchten in der schwarzen Umge­bung ebenfalls in Rot, aufmerksame S8-Fahrer bedenken den Effekt bei der täglichen Wahl der Krawattenfarbe. Womit wir bei der grundsätzlichen ­Stilfrage andocken: Anzug oder Sport-Panier? Wer die ­Antwort nicht kennt, wird wahrscheinlich nie einen S8 be­sitzen. In Reihe zwei bietet der alle Annehmlichkeiten, die derzeit in Audis Best-Of-Liste vorkommen: Einzelsitze, natürlich beheiz- und kühlbar, mit Massage- und Liege-Funktion, eigene Bildschirme und als Highlight einen Mini-Kühlschrank. Schwarze Autos heizen sich im Sommer ja leicht auf, ein wohltemperierter Schampus kann da ­Wunder wirken.

Eventuell sucht der Fond-Passagier auch nur flüssigen Spaß-Ersatz, weil er den Ingolstädter Nobelhobel nicht selbst lenken darf. Das nämlich ist der wahre Jackpot, die Wellness-Oase hinten bestenfalls der Trostpreis. Mit dem wir uns keinesfalls begnügen, also ab auf den Pilotensitz! Der Startknopf macht sich auch mit seinem roten Ring rundherum nicht besonders wichtig, Audi spielt hier zwar S-Liga, hat sich aber einen schrillen Signal-Button am Lenkrad verkniffen – auch so etwas fällt unter die Rubrik Stilfragen. Der V8 meldet sich unaufdringlich zum Dienst, etwa wie das dezente Räuspern eines Butlers, wenn er auf etwas hinweisen will. Vielleicht auf die Nachricht, die im Infotainment-Schirm aufpoppt: „Machen Sie diesen Audi zu ihrem Audi.“ Offenbar reicht dafür die Überweisung von rund 270.000 Euro nicht – nein, der Kunde soll sich auch noch registrieren wie für eine dahergelaufene Chat-Plattform, und die Aufforderung kommt bei jedem Mal Starten wieder. Software-Programmierer, denen so etwas einfällt, sind sicher sehr spezielle Menschen. Welche Ausrede ihre Chefs haben, die so eine Be­lästigung absegnen, ist nicht bekannt. Aufmerksamen Lesern, die zuerst gerne die Daten­kästen am Ende der Story checken, ist bei dieser Gelegenheit vielleicht die erhebliche Differenz zwischen Listen-Kaufpreis und dem oben genannten Betrag aufgefallen. Geübte Kopfrechner verorten sie bei knapp 94.000 Euro – und ja, das ist tatsächlich die Summe der Extras an Bord dieses S8. Früher hätte man gesagt „Wow, eine kleine Eigentumswohnung“, heute reicht’s eher nur noch für einen Genossenschafts-Anteil, aber viel Kohle ist es nach wie vor. Dreizehn Tausender für die Karbon-Bremsanlage, zehn kostet das B&O Soundsystem, sechs das Edel-Leder, fünf das Massage-Paket, und so weiter, da rinnen die Scheine weg wie nichts. Immerhin: Navi ist hier serienmäßig – bei Audi sonst ja keine Selbstverständlichkeit.

Egal und in jedem Fall hier besser investiert als an der Börse verzockt. Beginnen wir den Spaß im Normal-Modus, da geht der S8 seidenweich von der Leine, der 571 PS starke Achtzylin­der strengt sich nicht an und wirkt sowieso immer unterfordert. Etwa wie das Mathematik­genie, wenn es das kleine Einmaleins aufsagen soll. Im Lamborghini Urus reibt der gleiche Murl mit 666 PS und 850 Newtonmeter auf, da muss er schon mehr die Sehnen spannen. Hier hat er sogar noch 11 PS E-Schubhilfe zur Seite – den V8 als Mildhybrid aufzustellen ist ja irgendwie herzig, soviel Humor hätten wir den Ingolstädtern gar nicht zugetraut. Zweieinhalb Tonnen verteilt auf drei Meter Radstand – und sie bewegen sich so was von sicher, agil und lässig, dass es wirklich eine Freude ist. Alle vier Räder an­ge­trie­ben und sogar gelenkt, so trifft bestechender Grip auf unerwartete Reaktionsfreude. Es kommt doch nicht nur auf die Größe an, sondern auch auf die Technik. Mehr ein vor­nehmes Grummeln entfleucht der Premium-Limo dazu nicht aus ihrem ­Endrohr-Quartett, man weiß halt, was sich gehört. Im Sport-Modus kommt eine gewisse Aufgewecktheit dazu, Ansprechverhalten und Schaltfrequenz werden akuter, das Fahrwerk wird straffer, der Sound vielleicht einen Halbton klarer. Empathische Fahrer werden jetzt das Lenkrad ernsthafter anpacken, die Feinsensorik an der rechten Sohle erhöhen und den Blick schärfen – beeindruckend, wie wir auch selbst auf so einen Knopfdruck reagieren.

Einen Sonderabsatz verdient sich die Luftfederung in Kombination mit der proaktiven Dämfung. Sie erkennt Unregelmäßigkeiten, bevor sie auftreten – wäre das Justizsystem so gut, ­hätte Thomas Schmid nie einen Handy-Vertrag bekommen. Im Komfort-Modus spielen die beiden Systeme ein grandioses Doppel: Wankbewegungen werden nicht nur ausgeglichen, der Wagen legt sich tatsächlich in die Kurve – die außenseitigen Federn stemmen sich also gegen die Physik hoch, während die inneren ein wenig nachgeben. Und den hinterhältigen Kanaldeckel bügelt die Kamera-gestützte Dämpfer-Steuerung einfach weg.

 

Die Schattenseite der Perfektion: Sie verführt. Der S8 ist darin verdammt gut mit seiner Nie-Überfordert-Philosophie, eine ­rasende Feelgood-Kapsel mit scheinbar endlosen Sicherheits-Reserven und wahnsinnig viel Fahrfreude. Mit anderem Worten: Du merkst nicht, dass du ständig mit einem Fuß im Häfen stehst. Also ist noble Zurückhaltung even­tuell die bessere Wahl, so schwer sie auch fällt. 11,7 Liter auf hundert Kilometer verlangt die Edel-Rakete laut WLTP, in artgerechter Bewegung gehalten eher 17. Der Aufschrei der Gerechten kann ausbleiben, es war ein Abschieds-Trunk: Kommende große Audis werden ja angeblich keinen Sprit mehr verbrennen. Für Aufregung können dann die monströsen PS-Zahlen sorgen, die Luxus-Stromer nur so aus dem Ärmel schütteln.

Daten & Fakten

Basispreis in € 176.456,–
Zyl./Ventile pro Zyl. 8/4
Hubraum in ccm 3996
PS/kW bei U/min 571/420 bei 6000
Nm bei U/min 800 bei 2050–4500
Getriebe 8-Gang-Aut.
L/B/H, Radst. in mm 5190/1945/1475, 2998
Kofferraum/Tank in l 504 / 82
Leergewicht in kg 2515
0–100 km/h in sec 3,8
Spitze in km/h 210
WLTP-Normverbrauch in l (kombiniert) 11,7
CO2-Ausstoß in g/km 264