Wechsel auf Knopfdruck: Mit dem BMW M4 Cabrio auf der Wechsel Panoramastraße

13. März 2016
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Zwischen dem Wiener Becken und der Grazer Bucht erstreckt sich ein Kurven­reich, das anscheinend nur dazu da ist, aus Spaß an der Freude benutzt zu werden. Ziemlich das gleiche kann über den BMW M4 gesagt werden. Warum also nicht diese beiden zusammenbringen. So geschehen im Spätsommer 2014 – wo diese Geschichte entstand, die gleichzeitig das Ende unserer Jubiläumswoche markiert:

Clipboard01Irgendwo muss die Evolution einen falschen Abzweiger genommen haben, anders lässt sich das nicht erklären. Dabei hat sich das Automobil in jungen Jahren so schön entwickelt. Vielleicht liegt es auch nur an uns degenerierten Figuren der Moderne, dass ein Cabrio nicht mehr mit einem Sportwagen assoziiert wird. Dabei liegt aller Ursprung automobiler Tollerei in Mobilen ohne festem Dach. In Roadstern, agi­len Zweisitzern, in vierrädrigen Raubeinen, für die selbst ein Verdeck nur funktio­ns­losen Ballast darstellte. Die den Fahrer teilhaben ließen am Wechselbad der Gefühle aus Staub und Regen, Asphalt und Schotter, Natur und Technik.

Und Coupés? Nur etwas für Weicheier, die Angst haben, ihre Frisur könnte zerzaust werden. Für jene, die lieber die Autobahn benutzen anstelle der fordernden Land­stra­ße. Dass die brandneue Open Air-Version des BMW M4 als fettleibige Luxus-Version verschrien ist, die mit der reinen Lehre des Cabrios nicht mehr viel gemein­sam hat und lieber verwendet wird, um die neue Frisur im Wuschel-Look herzu­zei­gen, trägt dem Charakter des Bayern-Boliden nicht mal ansatzweise Rechnung. Das Cabrio kann eigentlich nichts schlechter als sein verlöteter Bruder, wird aber, sobald sich sein Dach zusammenfaltet und nach hinten klappt, noch intensiver und ursprüng­licher. Ein Abzweiger auf Knopfdruck ins pure Fahren sozusagen.

Und es gibt auch zwei Arten, den Wechsel zu passieren. Über die brave A2, deren mono­tone 100er-Zone die Berg-Passage massentauglich niedergewalzt hat. Oder über die Wechsel-Bundesstraße, die parallel zur Autobahn verläuft und von Wiener Neustadt bis Hartberg über zahllose Ausfahrten jederzeit zu erreichen – und jederzeit einen Abzweiger wert ist.

 

Die ehemalige Hauptverbindungsroute zwischen Wien und Graz führt über die cetische Alpen, mehrere Täler und den Wechsel-Pass, was straßenbau-technisch eine ziemliche Herausforderung darstellte. Schließlich war die Verkehrsdichte in den tiefen 80er-Jahren, als die Autobahn endlich durchgehend fertig gestellt war, auch schon sehr groß. So wie die Begeisterung der Wiener nach Graz zu fahren. Den Grund­stein dafür legten aber andere, und das viel früher: 1817 beschlossen die Fürsten von Pálffy, auf eigene Kosten eine Chaussee über die Berge zu spannen, um nicht nur bequem, sondern auch niveauvoll von der Kaiserstadt ins ungarische Güns (das heutige Kőszeg) reisen zu können. Eine Chaussee, was sich am ehesten mit Kunststraße übersetzen lässt, das war mehr als eine banale Straße. Es war die reizvolle Um­setzung der nüchternen Notwendigkeit einer Piste, eingebettet in die Schönheiten der Natur. Die Grenzregion zwischen Niederösterreich und der Steiermark inspirierte Planer und Architekten schon immer, und so malerisch, wie sich die Eisenbahntrasse in die Landschaft um den Semmering schmiegt, so sehr passt sich die ehemalige Pálffy-Straße dem Hügelland an.

Ganz wie es die Situation erfordert, passt sich auch das M4 Cabrio der ausgewählten Strecke an. Der doppelt aufgeladene Reihensechszylinder grummelt stoisch mit 1600 Umdrehungen bei 100 km/h dahin, die siebente Welle des Doppelkupplungsgetrie­bes summt mürrisch das Lied der Langeweile. So entspannt ließ sich noch kein M-Modell fahren. Wenn jedoch Platz ist und der Fahrer sich traut, dann möge er doch bitte auf die B54 wechseln und das Verdeck öffnen. Jetzt noch die M-Taste gedrückt – genau genommen gibt es derer zwei, M-Taste 1 macht die Gaspedal-Kennlinie aggressiver, das Getriebe schaltet später, M-Taste 2 deaktiviert auch das ESP, und zwar komplett –, und die Fuhre verschärft sich schlagartig. Wie ein kräftiger Spritzer Tabasco direkt auf die Zunge, schießt das 1,8 Tonnen-Cabrio los und geht direkt ins Blut.

Dass der Drehzahlmesser selten über die 3000er-Markierung klettert, spricht Bände über das massive Drehmoment des zwangsbeatmeten Dreiliter-Aggregats. Die Tat­sache, dass es aber auch willig bis über 7000 Touren dreht, weckt tierische Vorfreu­de auf die nächste Gerade. Dieser Motor ist eine Urgewalt, verbindet die Sehnigkeit eines athletischen Saugers mit der Brutalität eines aufgepumpten Turbos. Natürlich freut das die Hinterreifen nicht so sehr wie den Fahrer, dem tunlichst empfohlen wird, beide Hände am Lenkrad zu lassen – einer der Hauptgründe, warum die 3300 Euro für das Doppelkupplungsgetriebe gut angelegt sind. In einer Eigenschaft ist das Cabrio dem Coupé haushoch überlegen: dem Sound und seiner aphrodisierenden Wirkung. Alles, was der Auspuff gerade anstellt, bekommt man bei offenem Dach hautnäher mit. Dieses heisere Grummeln, das bei den BMW-Motoren immer schon Sitte war. Das frenetische Bollern, wenn man mit endgültig zerzauster Frisur in die nächste Wald-Passage eintaucht und sich das Klangbild durch den schall-reflektierenden Blätterwald schlagartig ändert – hier ist es endlich wieder und motiviert erst recht, noch einmal voll reinzusteigen.

 

bmw_m4_cabria_wechsel_17_mayDass das Cabrio 230 Kilo mehr auf die Waage bringt als die geschlossene Version, geht im Drehmoment-Massiv völlig unter. Und überhaupt: Nachdem der M3 zur Limousine verkümmert ist, sind dieser Baureihe ohnehin die Vorbilder aus dem Motorsport abhanden gekommen. Von Denkmal-Schändung kann bei einem M4 also keine Rede sein, wenn dieses M-Modell ohne Dach daher kommt. Im Gegenteil: Vielleicht ist das der Befreiungsschlag, der BMW gut tut und der schon lange notwendig war. Die Bayern bemühen sich redlich, alles neu und anders zu machen, früher wäre ja auch ein frontgetriebener Minivan aus München undenkbar gewesen.

Undenkbar wäre es auch gewesen, die Wechsel Bundesstraße nach der Eröffnung der A2 zurückzubauen. Das Schicksal der alten Semmering-Bundesstraße, die seit der Eröffnung der S6 ab Schottwien nur mehr ein besserer Radweg ist, blieb der Chaussee sinnigerweise erspart. Stattdessen firmierte sie ab da an als Panorama-Piste für Ausflügler und Connaisseure gepflegter Fortbewegung, die von den größten Städten des Landes erschreckend schnell erreichbar ist. Kein halbherziges Vergnü­gen für Zwischendurch, sondern ausgewachsene 110 Kilometer Strecke feinster Kurven- und Gebirgsstrecken, die alles bieten. Spitzkehren und ein Wechselspiel aus unterschiedlichsten Radien auf der östlichen Seite bis hin zu weit geschwungenen Biegungen hinunter ins Steirische.

Wer dann alle Kurven und Ecken und Kehren der gesamten Strecke gefahren ist, hat sich eine Pause verdient. Langsam reift beim Nachglühen mit einem Corona in St. Corona die Erkenntnis, dass die Kurve, für die das M4 Cabrio nicht gemacht ist, erst noch erfunden werden muss. Dabei geht es nicht um Kurven­ge­schwindigkeit. Es ist vielmehr die innere Ausgeglichenheit, dieses selbstverständliche Zusammenspiel aus unterforderten Bremsen, gefühlsechter Lenkung, einer knochen­trockenen Abstim­mung und beruhigender Leistungsreserven – das Herausfiltern der herausragenden Eigenschaft dieses BMW fällt schwer. Eine Ausgeglichenheit, die auch die B54 auslösen kann. Ein paar Kilometer reichen schon, um den Kopf freizupusten. Ein Abzweiger genügt.

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