Zweitür-Zwirn

1. Januar 2021
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Alle scheinen SUV zu fahren, das zeigt zumindest ein Blick auf die Straßen und Zulas­sungs­statis­ti­ken. Und wenn nicht, dann träumen sie zumindest davon. Wer heute indi­viduell sein möchte, der tut das nach dem Willen des Marketings am besten mit einem SUV-Cou­pé. Doch das wird diesem Beinamen allein schon ob der An­zahl der Pfor­ten nie ge­recht und tritt den Nimbus des eleganten Zweitürers mit dicken Rädern. Doch es gibt sie noch, die ech­ten, flachen Vier­sitzer-Coupés – und mit ihnen lässt sich nach wie vor auf ele­gante Weise ge­schmack­volle Individualität ins­ze­nieren, um nicht zu schrei­ben: de­mons­trieren.

Nehmen wir nur die „großen Drei“. Audi A5, BMW 4er, Mercedes C Coupé – warum nicht einmal Li­mou­sine, Kombi und SUV beiseite lassen und stattdessen etwas richtig ­Cooles fahr­en? Die Kinder sind eh längst aus dem Haus – und wenn nicht, ohnehin lieber ­al­­lein unter­wegs. Und so ein flacher Kofferraum sowie ein schlecht zugänglicher Fond haben auch Vorteile: Da­mit wird man von Familie & Freunden nicht permanent als ­Personen- und Lasten-Trans­por­ter missbraucht.

Natürlich ist eine lange Coupé-Tür in engen Parklücken hinderlich. Selbstverständlich ist der Einstieg unbequemer. Und logischerweise ist der Verkehrsüberblick nicht gerade gut – besonders wenn alle rundherum in SUVs thronen. Doch das darf kein Argu­­­ment sein, schließlich wirft auch niemand ein, dass es sich auf einem Ball im Jog­ging­an­zug besser tan­­zen würde als im Frack. Mit einem Coupé zeigt man, dass man es ge­schafft hat. Nicht finan­ziell, sondern weil man sich offensichtlich von den Zwängen sei­ner Umge­bung eman­­­zi­piert hat. Vom permanenten Druck, alle Bedürf­nisse und Anfor­derungen an die indivi­du­elle Mo­bilität (Familie, Job, Urlaub, Hobby) in einem einzigen Auto zu ver­e­­i­nen, das dann immer nur ein Kompromiss sein kann. Vor allem optisch.

Richtig elegant und stilvoll wird die Coupé-­Chose natürlich in einem Klassiker, und der muss gar nicht so alt sein. Ein paar Beispiele gefällig für einen lässigen Youngtimer-Zweitwagen neben dem profanen SUV oder Van? Mercedes C124 (Bild oben) oder Volvo 780, die Coupés zu Lancia Kappa und Peugeot 406 (Bild unten), aber auch Außenseiter wie die Zweitür-Va­rian­ten von Honda Legend oder Renault Laguna – alles Fahrzeuge, die alltagstaug­lich sind, zur Not aus­reichend Gepäck bzw. Passagiere aufnehmen und meis­tens gut ge­pflegt wurden, weil aus seriösem Erstbesitz.

Das Schönste aber ist, dass man mit diesen Fahrzeugen auffällt, ohne „Platz da, hier komm ich“-At­titüde auf 22 Zoll. Damals teuer und elitär, heute günstig und neidfrei zu genießen – mit Coupés im Stil der goldenen GT-Ära der 60er- und 70er-Jahre zelebriert man still und leise Stil und Auftritt der besseren Gesellschaft, und damit ist nicht die bunte Bling-Bling-Welt der schrillen Youtube-Sternchen gemeint. Auch in Sachen Nachhaltigkeit sind ele­gan­te Zweireiher, pardon: Zweitürer eine Bank. Nicht nur, weil sie im Alltag weniger oft ge­schunden werden, son­dern auch, weil ihr Design nicht mo­­disch ist, sondern zeitlos. Und das ist mit Blick auf die Geschichte immer wichtig in Sachen At­trak­tivität und somit Werthaltung, von der Verschö­nerung des Straßenbilds ganz zu schweigen. Wer ein Cou­pé kauft, tut also etwas Gutes. Vor allem sich selbst.

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